Anna-Maria Taudes neues Leben als Frau. Anna-Maria Taudes erzählt im NÖN-Interview über den Schritt, der ihr Leben veränderte.

Von Manfred Mikysek. Erstellt am 30. September 2020 (04:35)
Anna-Maria Taudes kam als Manfred auf die Welt, seit diesem Jahr lebt sie ihr „neues“ Leben.
privat

Manfred Taudes war in der Gemeinde ein bekannter Mann: Er war Obmann des Dorferneuerungsvereins, in seiner Ära wurden der neue Dorfplatz und Brunnen, der Pappelspitz als Veranstaltungsort sowie das Oldtimertreffen realisiert. Er ist Familienvater, Witwer, beruflich als Versicherungsmakler tätig und Präsident des Verbands der Versicherungsmakler.

Im August gab Taudes in einem offenen Brief der Nachbarschaft seine neue Identität als Anna-Maria Taudes bekannt. Mit der NÖN spricht sie über die persönlichen Hintergründe ihrer Wandlung.

NÖN: Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Sie ihr Leben ändern und als Frau leben wollen?

Anna-Maria Taudes: Seit der Kindheit hat es mich belastet, ich hatte immer das Gefühl, etwas verstecken zu müssen. Meine Eltern waren Wirte, da ging es vor allem ums Arbeiten und Geldverdienen, und so habe ich meine Gefühle verdrängt und unter den Teppich gekehrt.

Wie lange dauerte der Veränderungsprozess?

Taudes: Nach dem Tod meiner Frau hab ich versucht, in Beziehungen mit Frauen zu leben, doch das war nie von langer Dauer. Da mir klar war, dass das nicht allein an den Frauen liegt, begab ich mich 2015 in Psychotherapie. Im Rahmen des „Seelenstrips“ wurde offengelegt, was so lange unter den Teppich gekehrt wurde. Es war ein langer Prozess, bis mir bewusst wurde, als Frau leben zu wollen.

Was war der Auslöser für die Entscheidung, Ihr Geschlecht zu wechseln?

Taudes: Vor einem Jahr war mir klar, wo der Weg hinführt. Der 13. März, der Corona-Shutdown, war für mich der richtige Zeitpunkt, um öffentlich zu meiner femininen, weichen Seite zu stehen. Ich konnte alles gut vorbereiten, das war meine Chance.

Wie war die Reaktion der Kinder auf die Veränderung?

Taudes: Die Kinder sind alle erwachsen, haben verschiedene Charaktere, reagieren unterschiedlich, sie brauchen unterschiedlich Zeit. Sie nennen mich weiterhin Papa, das ist mir wichtig.

Und die Reaktionen im Bekanntenkreis und im Beruf?

Taudes: Ich habe mich an Freunde gewandt, in Enzersfeld, die haben mir Mut gemacht. Bekannte hatten Befürchtungen, wie „Jetzt kannst auswandern“ oder „Dein Geschäft kannst zusperren“, aber das waren Ausnahmen. Beim Berufskongress in Velden sind 120 Kollegen zu mir als Frau gestanden, das hat mich total befreit. Ich bin jetzt Präsidentin des Verbands.

Und wie fühlen Sie sich jetzt nach Ihrem Outing?

Taudes: Sehr gut, ich mache nette und tolle Erfahrungen, Menschen erzählen mir herzzerreißende Geschichten. Ich nehme die Umwelt freundlicher wahr.