George Clooney und die Diva „Reis“. Klischees kursieren einige rund um den Reis. Junglandwirt Neumeyer räumt damit auf. Der Star-Vergleich ist aber gerade 2017 berechtigt.

Erstellt am 29. September 2017 (12:55)
ÖsterReis

Welches Bild aus der Landwirtschaft taucht auf, wenn an Reis gedacht wird? Meist nur ein einziges: geflutete, grüne Reisflächen in Asien. Das kann zu falschen Trugschlüssen führen.

Familie und Freunde helfen mit

Die Getreideart ist nämlich keine Wasserpflanze, auch wenn sie getrost im Nass stehen bleiben kann. Der asiatische Raum flutet seine Felder, um den Unkrautwuchs zu unterbinden. Gregor Neumeyer aus Gerasdorf (Bezirk Korneuburg) muss daher drei bis vier Mal im Jahr mit Familienangehörigen und Freunden ausrücken, um unerwünschte Pflanzen händisch auszureißen.

Das Weinviertel streckt tatsächlich gerade seine Fühler aus, um den Reis ins österreichische Land zu ziehen. Neumeyer treibt das voran. Irgendwie ließ Getreide, nämlich in gemälzter Form, die Idee keimen. Er trank Bier mit einem Bekannten, der die Frage stellte: Warum baust du nicht Reis an?

Karin Widhalm
Gregor Neumeyer hat zwar graumelierte Rispen auf seinem Feld, verzagt aber dennoch nicht.

Ja, warum nicht: 2015 wurde schon eine Handvoll geerntet – und die Neugier war geweckt. „Lass uns das probieren“, dachte sich der 29-Jährige. 2016 wuchs die Hoffnung auf Verwirklichung: „Das war ein super Jahr – und hat uns Mut gegeben.“ Die feuchte Witterung gefiel dem Reis und das Produkt fand reißenden Absatz. „Die Nachfrage ist groß, wir kommen gar nicht nach“, ist Neumeyer zurzeit ausverkauft.

Der Reis wird im früheren Schüttkasten des alten Bauernhofes frisch verarbeitet, dadurch behält er sein Aroma. Vater Franz ist gerade dabei, das letzte Kilo des 2016er-Jahrganges mit der kleinen Mühle aus Asien zu „spelzen“: Die Maschine schält die äußere, sehr harte Hülle des Korns ab. Der Reis wird dann poliert oder auch nicht. Denn bei diesem Vorgang wird das Silberhäutchen entfernt, sodass der Reis seine bekannte weiße Farbe erhält. Der „Naturreis“ darf diese äußerst gesunde Schicht behalten. „Der Naturreis wird als Superfood angepriesen, braucht aber beim Kochen länger“, erklärt Neumeyer, der beide Sorten in Flaschen verkauft. Die Internet-Community verhalf zur Entscheidung, Glas als Verpackungsmaterial zu verwenden.

Die Kleie (das Silberhäutchen in feinkörniger Form) nutzt der junge Landwirt beim Keksbacken als Zugabe zum regulären Mehl. Eine Studentin will gerade herausfinden, was man wirklich alles mit dem wertvollen Mantel machen kann. Das ist ein wichtiges Ziel für Neumeyer: Er will so viel wie möglich aus dem Reiskorn herausholen – kein weit hergeholter Plan. „Weißt du, wofür man die Spelzen verwenden kann?“, fragt er geradeaus beim NÖN-Besuch. „Für die Pyrotechnik!“ Die leicht entzündliche Kornhülle ist ein beliebtes Trägermaterial für Feuerwerkskörper.

„Wir müssen selber noch viel lernen“

Nichts Unbekanntes ist Reis als landwirtschaftliches Produkt in Österreich. Versuche wurden immer wieder gestartet. Der Trockenanbau ist aber neu. Der Gerasdorfer arbeitet mit fünf Bio-Bauern aus dem Weinviertel und Burgenland zusammen. „Wir sind gerade in der Grundlagenforschung. Wir müssen selber noch viel lernen.“

Einfach ist das Ganze nicht. „Der Reis ist eine Diva“, bringt er es auf den Punkt. Alles unter 15 Grad Celsius bedeutet für dieses Getreidekorn Frost. Ausgesät wird deshalb Ende April, sodass erst nach den „Eismännern“ die Pflänzchen aufgehen. Das Wetter muss während der Blüte passen; wenn der Reis diese heikle Zeit hinter sich gebracht hat, ist er fast unverwüstlich. 2017 war leider ein hartes Jahr für ihn. Das kalte Frühjahr verzögerte die Aussaat, die extreme Trockenheit machte dem Reis zu schaffen, dann war es wieder zu kühl – und noch dazu prasselte Hagel nieder.

"Große Ernteausfälle"

„Wir haben heuer sehr große Ernteausfälle“, geht der Rückschlag nicht spurlos an Neumeyers Feldern vorüber. 70 bis 80 Prozent der Pflanzen erreichen nicht die Reife. „Die Pflanzen haben die George Clooney-Krankheit, so grau meliert wie sie aussehen“, zeigt er auf tote Rispen. Aber das gehöre zum Leben eines Landwirten dazu: Der Faktor „Natur“ ist einfach ex-
trem unberechenbar, sodass die Betriebsführer zeit ihres Bestehens die Risiken streuen mussten – und den Blick auf alternative Kulturen nie verschlossen haben.

ÖsterReis
2016 sah die Ernte hervorragend aus. Das nährt die Hoffnung, dass der Trockenreisanbau in Österreich keine Eintagsfliege ist.

„Die Landwirtschaft ist die innovativste Branche überhaupt“, findet Neumeyer, der zunächst seine Ausbildung im IT-Bereich absolviert und für Banken und Versicherungen arbeitete. „Wenn ich auf 80 Hektar Reis angebaut hätte, dann hätte ich gar nichts“, beschränkt er selbst seine Mittelkornreis-Nische auf 1,9 Hektar. „Unser Ziel in Österreich sollte schon sein, auf
Qualität und auf Nischen zu setzen. Wir müssen aber mehr kommunizieren.“ Der Handel tradiere sowieso schon ein romantisiertes Bild. Der Landwirt müsse daher informieren, wie er arbeitet. Das wischt auch Trugschlüsse und Klischees vom Tisch.

Zum Beispiel: Reis und Asien steht nicht immer im unmittelbaren Zusammenhang, denn nur geringe Mengen landen vom anderen Kontinent in den österreichischen Supermärkten. „80 Prozent wird in Italien angebaut“, klärt Neumeyer auf. Wer hätte das gedacht?

 

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