Schock: Aus für Pflegeheim-Projekt. Ein Pflegeheim könne erst ab 140 Betten wirtschaftlich geführt werden, argumentiert das Land NÖ. Stadt sucht Alternativen.

Von Julia Winter und Veronika Löwenstein. Erstellt am 16. Juni 2021 (05:00)
440_0008_8102749_kor24geras_pflegeheim.jpg
Das Generationendorf: Neben Jungem Wohnen und Betreutem Wohnen hätte auch ein Pflegeheim entstehen sollen. Nach der Absage durch das Land lotet man nun Alternativen aus.
Winter, Winter

Die Enttäuschung in Gerasdorf ist groß: Aus dem Pflegeheim-Projekt, das im Rahmen des Generationendorfs entstehen hätte sollen, wird nichts. Das Land NÖ hat dem Vorhaben eine Absage erteilt. „Der Schock sitzt tief“, gesteht SPÖ-Bürgermeister Alexander Vojta. Die Stadtgemeinde will jetzt nach Alternativen Ausschau halten.

Pflegebedarf ist hoch

Für den Stadtchef ist die Entscheidung völlig unverständlich, „weil alle Argumente für ein Pflegeheim in der aufstrebenden Gemeinde am Rande Wiens sprechen“, wie er findet. Bei 14.800 Einwohnern (inklusive Zweitwohnsitzern) gebe es einen hohen Pflegebedarf, den auch der Alten-Almanach für die nächsten zehn Jahre ausgewiesen hätte. Schon jetzt seien 50 Prozent der Bevölkerung über 50 Jahre alt, verweist Vojta. Sogar die Flächenwidmung für das Pflegeheim hätte das Land schon erteilt.

Bei der Grundsteinlegung für das Maria-Josefa-Pflegeheim Ende 2017 waren insgesamt Plätze für 118 zu Betreuende von der privaten Betreiberfirma vorgesehen gewesen. Dazu hätte es auch entsprechende Einreichpläne gegeben, erklärt Vojta im NÖN-Gespräch. Vom Land NÖ hätte es anfangs eine schriftliche Zusage für einen Zuschuss für 55 Betten gegeben. Das sei mit der damals zuständigen Landesrätin Barbara Schwarz so festgelegt worden.

Wegfall des Pflegeregresses als finanzielle Hürde

Mit dem Wegfall des Pflegeregresses hätten sich die Rahmenbedingungen komplett verändert, erklärt Martin Wancata, zuständiger Abteilungsleiter des Landes NÖ. Man sei damit vor einer völlig neuen Situation gestanden. Zur Erinnerung: Der Pflegeregress ermöglichte im Fall einer geförderten Langzeitpflege den Rückgriff der Bundesländer auf das Privatvermögen der Betroffenen und deren Angehörigen, womit diese die Pflege zumindest zum Teil selbst finanziert haben.

Mit Wirkung vom 1. Jänner 2018 wurde der Pflegeregress bundesweit abgeschafft. Nach dem Wegfall hätte das Land NÖ anstatt von 55 Betten nur mehr 35 finanziert. „Für 35 Betten waren wir bereit mitzuzahlen“, hält Wancata fest. Den Rest hätte man aus anderen Budgetmitteln auftreiben müssen.

Erst ab 140 Betten wirtschaftlich

Über ein Jahr wurden Gespräche geführt; schließlich kam man dann aber doch zu dem Schluss, dass das Haus erst ab einer Größenordnung ab 140 Betten wirtschaftlich geführt werden könne. So groß sei der Bedarf in Gerasdorf aber nicht, weshalb keine Genehmigung des Landes für das Pflegeheim in Gerasdorf erfolgen konnte. „Schon vor einigen Wochen haben wir der Stadt diese Entscheidung mitgeteilt“, so Wancata.

Und letztlich habe auch die Corona-Pandemie gezeigt, dass größere Strukturen krisenfester sind. „Kleinere Häuser hatten immer wieder Probleme mit Personalausfällen“, erinnert er. Aufgrund dieser Erkenntnis wird nun auch der Alten-Almanach evaluiert.

Für Vojta ist die Entscheidung des Landes nicht nachvollziehbar: „Nur 140 Betten würden genehmigt, eine Ausweitung wurde aber auch nicht zugelassen“, ist der Stadtchef verärgert. Selbst wenn die Gemeinde bereit wäre, einen Kostenzuschuss für 35 Betten zu leisten, damit das Heim auch kostendeckend arbeiten kann, würde es aufgrund der fehlenden Wirtschaftlichkeit nicht genehmigt werden, „obwohl wir hier von einem privat geführten Pflegeheim und nicht von einem des Landes sprechen“, betont er.

Tages- oder Kurzzeitbetreuung als Alternative?

Nach der Absage für das Pflegeheim will die Stadt jetzt an Alternativen tüfteln. „Im Idealfall könnte das eine Pflegeeinrichtung wie z.B. Tages- oder Kurzzeitbetreuung sein“, überlegt Vojta, schränkt aber ein: „Derartige Einrichtungen sind sehr kostenintensiv und für eine Gemeinde selbst finanziell nur schwer verkraftbar.“