Zu wenig Schutz für Mitarbeiter im Postzentrum?. Post wehrt sich gegen den Vorwurf, dass sich Covid-19 ausbreiten konnte, weil man zu spät reagiert hätte.

Von Veronika Löwenstein. Erstellt am 20. Mai 2020 (05:07)
Lokalaugenschein am Montag in Hagenbrunn: NRAbg. Andreas Minnich, der Kommandant des ABC-Abwehrzentrums Jürgen Schlechter, Bürgermeister Michael Oberschil, Ministerin Klaudia Tanner, Post-Generaldirektor Georg Pölzl und Franz Strobl vom Bundesheer.
Mikysek

Der letztwöchige NÖN-Bericht über die Häufung der Corona-Fälle im Postlogistikzentrum hatte weitreichende Konsequenzen: Politische Anschuldigungen über den „Patient null“ in dem Corona-Cluster, das zu einer Leiharbeitsfirma, einem Wiener Kindergarten und einem Flüchtlingsheim in Wien führt, waren die Folge.

Nachdem alle rund 300 Post-Mitarbeiter aus Hagenbrunn in Quarantäne geschickt worden waren, forderte die Post, die als systemkritische Infrastruktur gilt, eine Unterstützungsleistung des Österreichischen Bundesheers an. Laut NÖ Sanitätsstab waren 79 Mitarbeiter vom Standort Hagenbrunn positiv auf Covid-19 getestet worden.

In einem ersten Schritt desinfizierte das Korneuburger ABC-Abwehrzentrum das gesamte Gebäude, am Samstag startete die erste Schicht der 280 Soldaten und Zivilbediensteten vom Kommando Streitkräftebasis den Sortierbetrieb. „Wir haben bis Sonntagfrüh über 50.000 Pakete abgefertigt“, schildert Wolfgang Eckel, Sprecher des ABC-Abwehrzentrums. Zwei Wochen soll der Einsatz dauern. Am Montag machte sich Verteidigungsministerin Klaudia Tanner ein Bild vom Bundesheer-Einsatz. Die Unterstützungsleistung sei freilich zu bezahlen, betonte die Ministerin.

Kamen Maskenpflicht und Desinfektionsmittel zu spät?

Immer mehr gerät nun die Post ins Visier, nicht genug für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter getan zu haben. Bis 29. April seien Schutzmaßnahmen vor einer Coronainfektion im Paketzentrum kein Thema gewesen, heißt es aus Insiderkreisen. Erst am 29. April hätte es plötzlich Maskenpflicht und Desinfektionsmittel gegeben. Mitarbeiter mit leichten Krankheitssymptomen wären zur Arbeit verpflichtet worden, obwohl sie noch auf ihr Testergebnis gewartet hätten, so die Kritik.

Wann der erste Coronafall tatsächlich im Hagenbrunner Post-Zentrum aufgetreten ist, diese Frage ließen sowohl NÖ Sanitätsstab als auch die Post unbeantwortet. „Das Gesundheitsmanagement der Post hat bereits mit Beginn der Coronakrise Vorsichtsmaßnahmen erlassen und ständig evaluiert“, wehrt sich Post-Sprecher Markus Leitgeb gegen die Anschuldigungen. „In Abstimmung mit den Behörden gibt es außerdem strenge Vorschriften, wann und unter welchen Umständen ein Testbescheid erforderlich ist, damit unsere Mitarbeiter überhaupt arbeiten dürfen“, führt er aus und verweist: „Die oberste Instanz ist hier die Behörde.“

Die Häufung der Fälle erklärt er durch die vielen asymptomatischen Krankheitsverläufe – viele Mitarbeiter hatten nur ganz leichte Symptome. Aus diesem Grund seien die Infektionen nicht gleich erkannt worden. Post-Generaldirektor Georg Pölzl sprach am Montag bei seinem Hagenbrunn-Besuch von einem Sicherheitsnetz, das aber „nicht hundertprozentig gespannt war“.

Leiharbeitskräfte zur Spitzenabdeckung - seit acht Wochen

Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet auch der Einsatz von Leiharbeitern, die im Krankheitsfall kein Geld bekommen. Mit Bussen wurden sie von Wien zur Arbeit nach Hagenbrunn gebracht. Dass Schutzmaßnahmen vernachlässigt wurden, stellt der Post-Sprecher in Abrede: „Wo die Post Shuttlebusse zur Verfügung stellte, wurden zusätzlich Intervalle eingeschoben, um möglichst wenig Personen gleichzeitig zu transportieren.“ Der Fahrerbereich wurde abgetrennt, der Einstieg war nur mit Schutzmaske erlaubt.

Grundsätzlich versuche man, mit dem eigenen Personal das Auslangen zu finden, „zur Spitzenabdeckung werden aber Leiharbeitskräfte eingesetzt. Und eine Spitze haben wir seit acht Wochen“, lässt Leitgeb wissen. Das Paketaufkommen sei so hoch wie sonst nur zur Weihnachtszeit.

Seit zwölf Tagen würden seine Waren den Kunden nicht zugestellt, beschwerte sich ein Onlineshop-Betreiber bei der NÖN. „Ja, es kann aktuell zu längeren Laufzeiten kommen“, bestätigt Leitgeb. Neben dem enormen Aufkommen sorge derzeit auch Sperrgut – von Rasenmähern bis Bierbänken – für massive Probleme.