Misstände im Pflegezentrum: „Problem liegt im System“

Mitarbeiter des Pflege- und Betreuungszentrum Korneuburg klagen, dass Hilferufe ungehört bleiben. Die Arbeiterkammerrat fordert die Umsetzung der Pflegereform.

Erstellt am 20. Oktober 2021 | 05:44
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Die Kritik der Mitarbeiter im Pflege- und Betreuungszentrum Korneuburg reißt nicht ab.
Foto: Mikysek/Archiv

Der NÖN-Bericht über die Zustände im Pflege- und Betreuungszentrum Korneuburg hat viel Staub aufgewirbelt und zahlreiche Reaktionen ausgelöst. „Es hat sich nichts geändert, der Mitarbeiterschwund geht immer weiter“, berichtet ein Insider, der regelmäßig in der Einrichtung zu tun hat.

Zur Erinnerung: Gegenüber der NÖN schilderten Mitarbeiter massive Probleme in der zusammengelegten Abteilung des Erdgeschosses und des ersten Stocks. Den dort tätigen Führungskräften wurde „Psychoterror“ vorgeworfen. Die Zustände würden sich auch auf die zu pflegenden Personen auswirken, so der Tenor.

Mittlerweile hat auch die Pflegemanagerin des 2. und 3. Stocks das Handtuch geworfen. Vergeblich hatte sie auf die Missstände in der unteren Abteilung aufmerksam gemacht.

Mitarbeiter ergreifen die Flucht

„Immer mehr Mitarbeiter suchen um Versetzung an, gehen in Krankenstand oder absolvieren Schnuppertage, um sich um andere Jobs umzusehen“, beschreibt eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, die Situation.

Eine andere berichtet von Druck und Angst, die Hilfeschreie des Personals blieben ungehört: „Die, die nicht wollen, können gehen, wird uns ständig gesagt.“ Die Folgen: Immer mehr Leihpersonal müsse eingesetzt werden, die Qualität der Betreuung leide.

Der tägliche Druck ist überall gleich. Die Mitarbeiter in Korneuburg trauen sich, die Probleme aufzuzeigen.“
Walter Waiss, Arbeiterkammerrat NÖ

„Die Führungskräfte des PBZ Korneuburg weisen den Vorwurf von Missständen im PBZ entschieden zurück“, heißt es vonseiten der NÖ Landesgesundheitsagentur. Das Pflegeteam bemühe sich tagtäglich um eine hohe Pflegequalität. „Das zeigen auch zahlreiche Dankesbriefe und positive Rückmeldungen von Angehörigen aus der jüngsten Zeit“, veranschaulicht Sprecherin Barbara Schindler-Pfabigan.

Laut Landesgesundheitsagentur hat es im heurigen Jahr 13 Personalveränderungen gegeben, darunter Pensionierungen, Kündigungen durch die Dienstnehmer aus privaten Gründen, einvernehmliche Auflösungen und sieben Versetzungen innerhalb der NÖ Landesgesundheitsagentur.

„Fluktuationen bezüglich des Personals gibt es in jedem PBZ“, betont die Sprecherin. Aktuell würden keine Versetzungswünsche vorliegen. Die Vorwürfe würde man sehr ernst nehmen, versichert sie, „selbige wurden überprüft und sind bis dato gegenstandslos verlaufen.“ Die aktuellen personellen Umstrukturierungen würden bereits im Hinblick auf den Neubau des PBZ stattfinden.

Als „Handlanger“ der Politik geschützt und unantastbar

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Arbeiterkammerrat Walter Waiss ortet ein grundsätzliches Problem.
privat

Der NÖ Arbeiterkammerrat Walter Waiss, seines Zeichens Betriebsrat der Behindertenhilfe Korneuburg, ortet das grundsätzliche Problem im System, weniger bei den Mitarbeitern. „Mitarbeiter der mittleren Managementebene sind im Alltag die letzte Ebene an Vorgesetzten, die Mitarbeiter, die am Bett mit und für die Patienten, Klienten und Bewohner arbeiten, im beruflichen Alltag zu sehen bekommen.“ Die oberste Ebene sei als „Handlanger“ der Politik geschützt und unantastbar. Er fordert daher dringend die Umsetzung der angekündigten Pflegereform.

Der Pflegeberuf sei nach dem Einzelhandel der am schlechtesten bezahlte Beruf, gibt Waiss zu denken. „Der tägliche Druck, dass Dienste nicht halten oder kurzfristig verschoben werden, ist überall gleich. Am PBZ Korneuburg trauen sich die Mitarbeiter, diese Probleme aufzuzeigen“, ortet er den Unterschied zu anderen Häusern.

Gerade die mittlere Managementebene habe den Druck von oben, den Rechenstift anzusetzen: „Mag sein, dass es im konkreten Fall persönliche Ungeschicklichkeiten gibt, aber der Nährboden der Probleme ist das fehlende Budget“, ist der Arbeiterkammerrat sicher. Die Folge: Die Bezugspflege nehme ab, „mehr als körperliche Pflege ist nicht mehr drinnen“. Waiss sieht dringend einen gesellschaftspolitischen Diskussionsbedarf über die Frage, was die Gesundheit eines Menschen wert ist.