Sozialgreißler: „Situation ist Wahnsinn“. In der Coronakrise hat sich nicht nur die Zahl der Kunden verändert, sondern auch die Struktur. Immer mehr Familien können sich normalen Einkauf nicht mehr leisten.

Von Veronika Löwenstein. Erstellt am 15. April 2021 (04:49)
„Die Hilfsbereitschaft war groß“, bilanzierte Sozialgreißler-Betreiberin Doris Pamminger (2.v.r.) nach der Aktion mit Billa Plus. Für die spendenfreudigen Kunden wie Johanna Kaschubek hatten Marktmanager Oliver Marksz und Vertriebsmanager Matteo Chlebecek eine kleine Überraschung.
Simperler

Der Sozialgreißler durfte letzte Woche zwei Tage im Foyer des neuen Billa Plus in der Jahnstraße um Spenden bitten. Anlass war die Umwandlung des früheren Merkur-Marktes. „Durch diese Initiative konnten wir einen wertvollen Beitrag zum solidarischen Miteinander direkt in der Gemeinde leisten“, begründete Oliver Marksz, Billa-Plus-Marktmanager in Korneuburg, die Aktion.

Seit Herbst 2019 gibt es den Sozialgreißler in Korneuburg, wo sozial benachteiligte Menschen um einen symbolischen Betrag von fünf Euro einen Einkaufskorb befüllen dürfen. Die ursprünglich definierte Einkommensgrenze nimmt man seit der Corona-Krise nicht mehr so genau.

Für die derzeitige Situation fällt der Betreiberin des Geschäfts, das von der Stockerauer Straße 26 in die Stockerauer Straße 11-13 übersiedelt ist, nur ein Wort ein: „Ein Wahnsinn!“ Die Zahl der registrierten Kunden – derzeit 460 – hat sich im letzten Jahr mehr als verdoppelt. Das Klientel habe sich durch die Pandemie komplett verändert, erzählt Pamminger: „Früher kamen vor allem Pensionisten und Alleinerziehende, jetzt sind es Familien aus dem Mittelstand, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können.“ Kurzarbeit und Kündigungen spiegeln sich in der Kundschaft des Sozialgreißlers wider. „Es gibt auch Leute, die zu zweit 2.000 Euro haben, denen aber unterm Strich nichts mehr zum Leben bleibt“, weiß sie aus Erfahrung.

Das neue Lokal bietet jetzt mehr Platz. Es gibt neben Kühlzellen jetzt auch Tiefkühlzellen und ein eigenes Lager, wo Platz für Sachspenden ist. Ein Sozialcafé schwirrt Pamminger schon seit Beginn im Kopf, „aber das wird heuer wohl nichts mehr“, fürchtet sie pandemiebedingt.

Bis zu drei Freiwillige arbeiten derzeit im Sozialgreißler. Neue Helfer sind jederzeit willkommen, „einfach im Geschäft vorbeizuschauen!“, lädt die Betreiberin ein. Bei der Aktion vor dem Billa Plus hätten sich eigentlich auch Gemeinderäte in den Dienst der guten Sache stellen wollen, aber Corona machte dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. „Wenn die Aktion wiederholt wird, werden wir dabei sein“, verspricht ÖVP-Vizebürgermeisterin Helene Fuchs-Moser.

Die Stadt stehe in engem Kontakt mit dem Sozialgreißler, stelle kostenlos einen Lagerraum in der Klosterkaserne zur Verfügung und vermittle bei Räumungen von Gemeindewohnungen, so die Vizestadtchefin. Pamminger freut sich immer über Sachspenden, besonders gefragt sind Kinderbekleidung und Spiele.