Nach Wohnhaus-Explosion: Hilfewelle für Opfer rollt an. Ermittlungen in Langenzersdorf ergaben, dass die Gastherme absichtlich manipuliert wurde. Gemeinde sucht nun freie Wohnungen.

Von Veronika Löwenstein und Bernhard Preineder. Erstellt am 03. Februar 2021 (05:12)
Nach der Explosion stand der obere Teil des Wohnhauses in der Schulstraße in Vollbrand. Aus der Luft zeigte sich das ganze Ausmaß der Katastrophe.
FF Langenzersdorf (3)

Nach der verheerenden Explosion in der Schulstraße Freitagfrüh mit einem Todesopfer und sechs Verletzten sind nun die Statiker am Wort: Sie entscheiden darüber, wann die Bewohner persönliche Habseligkeiten aus ihren Wohnungen holen können und welche Wohnungen von den drei Stiegen bald wieder bezogen werden können.

Seit Sonntag steht fest, dass die Explosion im Mehrparteienhaus kein Unfall war, sondern bewusst herbeigeführt wurde. Das ergab die Ermittlungsarbeit des Landeskriminalamts. Nach Sichtung des Brandschutts in der Küche der obersten Wohnung konnte dort die Gastherme aufgefunden werden. Bei einer näheren Untersuchung des Anschlusses, der die Therme mit der Gasleitung verbindet, wurde auch die gelockerte Anschlussmutter gefunden. „Es ist eindeutig zu erkennen, dass die Anschlussmutter beabsichtigt abgeschraubt wurde, um Gas ausströmen zu lassen“, heißt es vonseiten der Landespolizeidirektion.

„Es ist ein Wahnsinn, wie die Leute hier zusammenhelfen. Wir haben bereits eine Flut an Sachspenden.“ Monika Bitzinger, Initiative LE

In diesem Gebäudebereich wurde Freitagabend auch das Todesopfer gefunden. Der Mann lag unter einem Schuttkegel und galt als vermisst. Spekuliert wird, dass er in selbstmörderischer Absicht die Gastherme manipuliert hat. Ob es sich bei dem Toten auch um den 60-jährigen Bewohner der Wohnung handelt, soll die Obduktion der Leiche zeigen. Das Mobiltelefon des Bewohners war jedenfalls zum Zeitpunkt der Explosion in der Schulstraße eingeloggt.

Die Explosion war so heftig, dass sie bis nach Klosterneuburg und Gerasdorf zu hören war. Der Langenzersdorfer Feuerwehr-Kommandant und Einsatzleiter Stefan Janoschek wohnt selbst nur 300 Meter vom Ort der Katastrophe entfernt. Er wollte gerade duschen gehen, als er einen heftigen, dumpfen Knall wahrnahm. „Für mich war zuordenbar, dass es sich um eine Detonation handelte“, schildert er im NÖN-Gespräch. Noch vor der Alarmierung machte er sich auf den Weg ins Feuerwehrhaus. Ein Weg, der über die Schulstraße führt ...

„Es hat ausgeschaut, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, schilderte der Langenzersdorfer Bürgermeister Andreas Arbesser seine ersten Eindrücke. Durch die enorme Wucht der Detonation wurden massive Betonteile der Wände und Decken weggeschleudert, die umliegende Häuser und mehrere geparkte Fahrzeuge erheblich beschädigten.

Als die Feuerwehr eintraf, stand der obere Gebäudeteil in Vollbrand. Eine Person befand sich auf einem Balkon im vierten Stock und musste mit der Drehleiter gerettet werden. „Zuerst versucht man, die Lage zu erfassen und dann den Ablauf in geregelte Bahnen zu bringen“, beschreibt Janoschek die ersten Maßnahmen des Rettungseinsatzes.

FF-Kommandant Stefan Janoschek leitete und koordinierte den fordernden Einsatz.
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150 Feuerwehrmitglieder standen im Einsatz, Unterstützung erfuhren die Langenzersdorfer Florianis von ihren Kollegen aus Bisamberg, Korneuburg, Gerasdorf und Stockerau. 32 Soldaten des ABC-Abwehrzentrums in Kor neuburg rückten zum Assistenzeinsatz aus. Hubschrauber überwachten das Geschehen aus der Luft. „Das große Thema war die Zugänglichkeit zum Gebäude“, berichtet der Langenzersdorfer FF-Chef. Um das Gebäude zu evakuieren, mussten sämtliche Wohnungen durchsucht werden, „teilweise waren die komplett verraucht“, veranschaulicht er. Nach und nach wurden sechs Verletzte – darunter ein Schwerverletzter – gerettet. Die letzte vermisste Person konnte gegen 18 Uhr nur noch tot geborgen werden.

Schon während des Einsatzes war die Hilfsbereitschaft der Langenzersdorfer groß. Die Fleischerei Dormayer stellte ihr Geschäft auf Notbetrieb, um die Helfer mit Leberkäsesemmeln zu versorgen, die Seeschlachtwirtin kochte für die Evakuierten, die vorerst im Festsaal der Gemeinde untergebracht wurden, und das Hotel Roderich stellte Räumlichkeiten zur Verfügung.

Die Gemeinde Langenzersdorf und die „Initiative LE“ haben unmittelbar nach der Katastrophe ein Spendenkonto eingerichtet. Monika Bitzinger ist die ehemalige Kassierin der Initiative und jetzt federführend für die Hilfsaktion im Einsatz. „Jeden Tag zähle ich bis zu 200 Anrufe über die verschiedensten Kanäle, alle wollen irgendwie helfen“, berichtet sie im NÖN-Gespräch, und: „Es ist ein Wahnsinn, wie die Leute hier zusammenhelfen. Wir haben eine Flut an Sachspenden“, freut sie sich. Auch einer 87-jährigen Frau konnte mittlerweile mit einem Kühlschrank und einer Mikrowelle geholfen werden, damit sie sich einigermaßen selbst versorgen kann.

Benötigt werden vor allem aber Geldspenden und auch Gutscheine von Möbelhäusern, Supermärkten oder Bekleidungsgeschäften, um noch zielgerechter helfen zu können. „Wir freuen uns über jeden Gegenstand, haben aber leider kein Lager zur Verfügung, um alles unterzubringen“, begründet dies Bitzinger. In den nächsten Tagen soll ein Online-Formular auf der Website der Gemeinde dafür sorgen, dass Sachspenden registriert werden können und somit auch die Verteilung optimiert erfolgen kann.

Auch positiv: Mittlerweile konnten alle Hausbewohner bei Freunden, Familienmitgliedern oder in Hotels untergebracht werden. Montagabend fand eine Besprechung mit allen Betroffenen statt. Ortschef Arbesser rechnet damit, dass zumindest die Wohnungen der Stiege 3 bald wieder bezogen werden können. Die Stiege 1, in der sich rund zehn Wohnungen und eine Arztordination befanden, wurde hingegen völlig zerstört. Die Initiative und die Gemeinde suchen jetzt gemeinsam nach längerfristigen Wohn-Möglichkeiten.

Demnächst soll es den Bewohnern ermöglicht werden, persönliche Habseligkeiten aus ihren Wohnungen zu holen, „mit polizeilicher Überwachung und soweit das sicherheitstechnisch möglich ist“, schränkt Arbesser ein.