Gerasdorf: 14 Jahre Haft wegen Mordversuchs. Höchste Sicherheitsmaßnahmen wurden am Landesgericht Korneuburg für den Prozess gegen einen 37-jährigen Tschetschenen getroffen, da neben der Tat auch der politische Hintergrund, der bis zu Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow reicht, hochbrisant war. Neben dem gigantischen Aufgebot an Exekutivkräften ging es aber inhaltlich, wie bei jedem anderen Verfahren auch, um die konkreten Tatvorwürfe. Die lauteten im Fall des 37-Jährigen auf versuchten Mord sowie Verstoß gegen das Waffen- und Verbotsgesetz.

Von APA / NÖN.at und Christian Pfeiffer. Update am 09. April 2021 (10:15)
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„Vergessen Sie alles, was Sie bisher über den Fall gehört oder in den Medien gelesen haben“, appellierte der Staatsanwalt an die Geschworenen, „nur diese Verhandlung zählt“ und nur dadurch sollen die Vorwürfe beurteilt werden. Die Anklage wegen Wiederbetätigung bildete den kleinsten Komplex in der Schwurgerichtsverhandlung. Bei der Handyauswertung des Angeklagten wurden etliche Bilder mit dem Konterfei Adolf Hitlers und anderen Nazi-Symbolen mit den einschlägigen Parolen gefunden, die er auch an Freunde weitergeleitet hatte.

Seine Familie habe selbst unter dem Holocaust gelitten, argumentierte der Verteidiger, weswegen er nie einen Nazi verteidigen würde und verwies auf die Sozialisierung des Angeklagten in Russland, wo man offenbar ein anderes Verhältnis zu derartigen Darstellungen hat. Er nannte die Bilder „ein Versagen der Aufklärung". Der Verteidiger sah sowohl bei diesem Anklagepunktes als auch, was den versuchten Mord betrifft, eine dürftige Beweislage. „Beweise? – Es gibt keine“, wirkte er mit großer Geste auf die Geschworenen ein.

Tatsächlich irritierte, dass es bei einem derart komplexen Fall kein Lokalaugenschein vorgenommen wurde, schließlich hatten die Ereignisse vom 4. Juli 2020 in Gerasdorf schon viel Staub aufgewirbelt. An diesem Tag kam es zu einem verhängnisvollen Treffen in einer Halle in einem abgelegen Gebiet von Gerasdorf. Der Angeklagte sollte einen tschetschenischen Oppositionellen beschützen, nachdem dieser im Vorfeld bereits öfter Personenschutz durch die Exekutive abgelehnt hatte.

Der Oppositionelle traf sich dort mit einem bekannten Waffenhändler – von dem er wusste, dass er eine andere politische Meinung vertrat –, um einen Deal bezüglich einer Glock-Pistole abzuschließen. Es fielen plötzlich zumindest vier Schüsse, die der Angeklagte als Leibwächter lediglich hörte, aber nicht sah, weil er sich in der Halle versteckte. Nach den Schüssen sprang der 37-Jährige aus seinem Versteck und legte mit einer Tokarev-Pistole auf den bereits wieder in seinem Auto sitzenden Waffenhändler an. Durch eine Zünd- und Ladehemmung löste sich jedoch bei zwei Versuchen kein Schuss aus der Pistole.

Erst danach habe der Angeklagte festgestellt, dass der Oppositionelle erschossen wurde. Daher drehten sich große Teile der Vernehmung des Tschetschenen um die Fragen: Woher wusste er, da er nichts sehen konnte, was passiert war? Warum konnten die Schüsse nicht auch ein Test der Glock sein? Und – nachdem der Oppositionelle auch bewaffnet war – warum nahm er automatisch an, dass nicht dieser geschossen hatte?

Der 37-Jährige argumentierte mit der Brisanz der Situation und dem Wissen um einen Mordauftrag für das spätere Opfer. Zwar entlastete ihn die Tatsache, dass er unmittelbar nach den Fehlschüssen einen Verbindungsbeamten, einen Abteilungsleiter des LVT Wien, mit den Worten „Sie haben ihn geschossen“ alarmierte, warf aber, als der den Ablauf des Geschehens realisierte, die Waffe weg. Der Tschetschene kooperierte mit den Behörden nach seiner Verhaftung am 5. April 2020 umfänglich, weswegen der Mörder des Oppositionellen bereits in U-Haft sitzt und ein weiterer Hintermann ausgeforscht werden konnte, nach dem mit internationalem Haftbefehl gefahndet wird.

Der Verteidiger, der den Angeklagten in der Verhandlung duzte und fast als Freund bezeichnete, stellte den Geschworenen in seinem Schlussplädoyer eine rhetorische Gewissensfrage: „Darf ich einen Mörder erschießen?“ Er selbst beantwortete die Frage, sich auf gerichtliche Kommentare stützend, mit „Ja!“ Damit stieß er das Tor zu seiner Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung gegen das folgende Urteil weit auf, denn die Verteidigungsstrategie würde dann wohl auf erweiterte Notwehr hinauslaufen.

Die Geschworenen gaben sich unbeeindruckt von so manchem Winkelzug und befanden den 37-Jährigen für das verbotene Besitzen und Tragen einer Waffe sowie wegen der Vorwürfe zur Wiederbetätigung einstimmig schuldig. Lediglich bei der Schuldfrage wegen versuchten Mordes gab es eine abweichende Stimme. Das Urteil des Schwurgerichts lautete schließlich auf 14 Jahre Freiheitsstrafe. Die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab.