Eine App erobert die Welt: Untis ist 50. Stundenplan-Entwickler aus Stockerau ist nach einem halben Jahrhundert nicht am Ende der Reise.

Von Christoph Reiterer. Erstellt am 27. Juni 2020 (05:07)
Im Untis-Garten in der Belvederegasse:Christian Gruber (r.) und Ruben Ruiz Torrubiano werden das Werk der Gründer weiter pflegen und voranbringen und so den Tagesablauf von Millionen Menschen rund um den Globus beeinflussen.
NÖN

Wenn im September mehr als 2,5 Millionen Menschen eine Stundenplan-App zur Nummer eins im App Store machen, dann steckt eine Stockerauer Firma dahinter, die zu den begehrtesten Arbeitgebern unter heimischen Programmierern außerhalb der Bundeshauptstadt zählt und ihren Mitarbeiterstand in den letzten beiden Jahren auf mehr als 70 verdoppelt hat: Untis wurde am 7. Jänner 1970 im IBM-Gebäude am Wiener Donaukanal gegründet.

Die großen Feierlichkeiten zum 50er fielen der Coronakrise zum Opfer, was freilich nichts daran ändert, dass das Team rund um die Geschäftsführer Christian Gruber und Ruben Ruiz Torrubiano stolz auf die eindrucksvolle Firmengeschichte zurückblickt.

Dabei war das Unternehmen in Stockerau lange unter „Gruber & Petters“, der Untis-Mutter, geläufiger. Bernhard Gruber und Heinz Petters programmierten im Jänner 1970 am Großrechner S/360 von IBM das erste Stundenplanprogramm für Schulen. EDV-technische Steinzeit. Stundenplaner mussten mit allen Unterlagen zum Großrechner anreisen und oft stundenlang auf ein hoffentlich befriedigendes Ergebnis warten.

Der Garaus für die Zettelwirtschaft

Doch die Entwicklung schritt voran. 1978 übersiedelten Gruber & Petters in ihr erstes eigenes Büro – eine Eigentumswohnung in der Wolfikstraße. Unterstützung erhielten die beiden Programmierer von ihren Frauen, Christine Gruber und Christine Petters. Als erste Angestellte, die nicht zur Familie gehörte, stieß 1981 Gerda Tischnofsky zum Team.

Im Herbst 1984 wurde „pc-Untis“ im Stockerauer Belvedereschlössl vor etwa 70 geladenen Gästen vorgestellt und erstmals in Schulen im Echtbetrieb eingesetzt. Ein großer Sprung.

Der nächste Meilenstein folgte 2005 unter Federführung des 1999 zum Team gestoßenen Martin Rösel: Untis eroberte als Planungs- und Buchungssystem für Schulen und Universitäten das Internet. „WebUntis“ war geboren. Abwesenheit von Schülern, Lehrstoffeintragungen: Das elektronische Klassenbuch bedeutete das Ende der Zettelwirtschaft.

Als Smartphones die Welt eroberten, startete auch Untis die App-Entwicklung und war am Weg zum Marktführer im Bereich der Stundenplanung nicht zu stoppen; 2013 arbeiteten weltweit mehr als 20.000 Lehranstalten – von der kleinen Volksschule bis zur komplexen Universität – mit den Produkten der Stockerauer Firma.

Datenschutz wird groß geschrieben

„Im WebUntis sind alle Schüler-Kurs-Zuordnungen gespeichert. Der Messenger, der seit einem Jahr unsere Produktpalette abrundet, greift auf diese Informationen zu. Über Filter können ganz leicht Chat-Gruppen angelegt werden“, erklärt Christian Gruber die Vorzüge der Anwendung. Der entscheidende Unterschied zum bekannten WhatsApp: Es müssen keine Telefonnummern ausgetauscht werden. „Einem Lehrer ist es eigentlich nicht zumutbar, dass die Schüler seine private Handynummer haben“, spricht der 40-Jährige einen weiteren wesentlichen Aspekt an: den Datenschutz. „Mit unserem Messenger werden die Benutzer direkt aus WebUntis bezogen, es kommt zu keinem Austausch personenbezogener Daten.“

Aktuell wird daran gearbeitet, neue Tools direkt in die Benutzeroberfläche von WebUntis einhängen zu können. „Wir schaffen die Möglichkeit, auf Spezialanforderungen und selbst auf die kleinsten Bedürfnisse eingehen zu können und weitere Tools in unsere Systemlandschaft einzubinden“, erläutert Gruber. Ein Ende des Erfolgslaufs ist also nicht absehbar. Aufgrund der großen Nachfrage wird weiter nach neuen Mitarbeitern gesucht.

„Wir arbeiten jahrzehntelang an einem Werk. Wären wir Architekten, entspräche das einem von Tausenden bewohnten Haus, das ständig verbessert und umgebaut wird. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, ein Werk zu schaffen und zu pflegen, das den Tagesablaufe von Millionen beeinflusst. Es ist ein schönes Gefühl.“