Jugendgemeinderäte-Interview: Stadt ist leise geworden. Die beiden Jugendgemeinderäte aus Stockerau sind sich einig: Es braucht mehr Angebote für die Jugendlichen.

Von Michaela Höberth. Erstellt am 14. Februar 2021 (04:33)
Höberth

Sie sind die politischen Vertreter der Jugendlichen im Gemeinderat: Matthias Zagler (ÖVP) und Manuel Kurzmann (SPÖ), ihres Zeichens Jugendgemeinderäte. Bevor für sie die Arbeit für die Jugend aber so richtig losgehen konnte, machte ihnen die Coronapandemie einen Strich durch die Rechnung; seit einem Jahr liegen viele ihrer Pläne auf Eis. Die NÖN sprach mit den beiden Politikern über ihre Ziele für die Jugend, woran es für sie in der Stockerau noch fehlt und welche Projekte sie als erstes anpacken werden, sobald sich die Corona-Situation entspannt.

Sie sind die Jugendgemeinderäte der Stadt. Was ist in dieser Position Ihre Aufgabe? Wozu braucht eine Stadt denn überhaupt  Jugendgemeinderäte?

Matthias Zagler: Jugendgemeinderäte sind das Sprachrohr der Jugend in der Politik. Als Jugendgemeinderat ist man vor allem Ansprechpartner für junge Menschen und deren Anliegen. Gleichzeitig setzt man sich natürlich besonders für Jugendthemen und damit für Zukunftsthemen ein.

Sie sind beide selbst junge Bewohner von Stockerau. Wurde seitens der Politik bisher genug für die Jugend getan?

Zagler: Nein. In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Chancen versäumt. Stockerau hat einen großen Schuldenberg, welchen wir noch in Jahrzehnten abarbeiten werden, gleichzeitig steht dem zu wenig gegenüber. Ich bin froh, dass sich das in den letzten rund zwei Jahren geändert hat. Allgemein wurde der Blick mehr von der Vergangenheit und der Gegenwart in die Zukunft gerückt.

Manuel Kurzmann: Meiner Meinung nach würde eine Umfrage an die Jugendlichen uns sehr helfen. Es wäre dann viel einfacher, sich politisch für die Jugend einzusetzen. Es wird sich derzeit mehr auf die Stadt als auf die Jugendlichen konzentriert, das müsste man ändern.

Was fehlt Jugendlichen in der Stadt?

Zagler: Viele meiner Freunde sind, sobald dies für sie möglich war, nach Wien gezogen, weil sie zu wenig Perspektiven in Stockerau gesehen haben. Es gibt insgesamt einfach zu wenig Angebot hier. Gerade im Bildungsbereich hätte Stockerau schon vor Jahrzehnten die Möglichkeit gehabt, mehr Angebot zu schaffen. Neben dem Gymnasium haben wir kaum weiterführende Schulen, geschweige denn eine FH-Außenstelle. Entsprechend gibt es auch wenige neue Unternehmensansiedelungen.

Kurzmann: Es würde noch einiges fehlen, um die Jugend ein bisschen fordern zu können, wie vielleicht Outdoor-Fitnessgeräte, ein Paintball-Areal oder ein Vergnügungspark mit actionreichen Angeboten. Das würde unsere Stadt noch attraktiver für unsere Jugendlichen machen. Veranstaltungen, die Jugendliche vor die Haustür locken, weg von ihren Konsolen. Diese Stadt ist sehr leise geworden in den letzten Jahren, und dies gehört verändert.

Im Gegenzug: Welche Vorteile bietet Stockerau für Jugendliche?

Zagler: Als wichtigsten Part sehe ich die vielen Vereine. Diese geben Jugendlichen Halt und sorgen dafür, dass man in der Stadt verwurzelt ist. So haben auch die Vereine, in denen ich Mitglied bin, dafür gesorgt, dass es für mich nie Thema war nach Wien zu ziehen. Die Nähe zu Wien ist Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite liegt es für die Jugend nahe, nach Wien zu ziehen, wo es viel mehr Möglichkeiten gibt. Andererseits kann man all diese Möglichkeiten auch nutzen und doch in der Vorstadt im Grünen wohnen. Gerade durch die Corona-Krise und die Lockdowns sieht man vor allem den größten Pluspunkt von Stockerau noch Stärker: Die Au. Diese dient generationenübergreifend.

Kurzmann: Da wir die größte Stadt des Weinviertels sind, haben wir das Glück, ein vielfältiges Angebot durch unsere Vereinen anbieten zu können - von Sport bis Modellbau. Die Feuerwehr zum Beispiel bietet ein super Programm für Jugendliche von 10 bis 15 Jahren an, diese können sehr viel lernen und werden gut ausgebildet für den Einsatz, den sie ab den vollendeten 15. Lebensjahr fahren dürfen. Auch unser Erholungszentrum ist sehr viel wert für unsere Jugend, und dieses wurde vor Kurzem modernisiert.

Das Jahr 2020 war geprägt durch Corona. Gab es Vorhaben im Sinne der Jugend, die dadurch auf der Strecke geblieben sind?

Zagler: Viele Themen konnten nur langsamer angegangen werden, als geplant. So z.B. das Projekt Street Racket, welches ich betreue. Dabei geht es darum, in ganz Stockerau die Möglichkeit zu bieten, möglichst einfach gemeinsam Sport auszuüben. Stockerau hat bisher noch zu wenige Möglichkeiten für frei zugängliche Sportanlagen. Gleichzeitig sind andere Projekte, etwa das Radfahren, umso mehr in den Fokus gerückt – man bedenke, dass Stockerau bei NÖ radelt 2020 gewonnen hat! Gerade das sehe ich als Jugendthema, da Klimaschutz für diejenigen am Wichtigsten ist, die noch am längsten vom Klimawandel betroffen sein werden.

Kurzmann: Es ist sehr viel auf der Strecke geblieben. Unsere Jugend hatte ein Clubbing geplant und auch organisiert, dies war uns durch Corona aber nicht vergönnt. Aber wir bleiben am Ball und werden nicht aufgeben.

Welches Projekt für die Jugend hat für Sie Priorität? Was wollen Sie in naher Zukunft umsetzen?

Zagler: Das Radnetz muss noch verbessert werden. Hier haben wir mit Stadtrat Herwig Hödl (Anm.: ÖVP) zum Glück jemanden, der etwas umsetzen will. Neben den Feldern, um Street Racket zu spielen, wären mir auch weitere frei zugängliche Sportmöglichkeiten wichtig. Ein weiteres Thema ist natürlich der Nachtbus. Dieser war allgemein eines der ersten Themen, dem ich mich als Jugendgemeinderat angenommen hatte. Da die Fahrgastzahlen sanken, stand die weitere Existenz auf dem Spiel. Durch die coronabedingten Schließungen der Nachtlokale verkehrt der Nachtbus zur Zeit nicht. Wie es danach weiter geht, ist derzeit noch offen.

Kurzmann: Mein Projekt ist noch immer, Clubbings umzusetzen, sodass es wieder Möglichkeiten gibt zu feiern. In Überlegung wäre auch, die Jugend in die Stadtverschönerung einzubinden; z.B. gibt es Spray-Künstler, die man bei der Sanierung mancher Unterführungen einbeziehen könnte und die sich so mit großartigen Bildern verewigen könnten. Ein modernes Stockerau, von unserer Jugend verziert, wäre eine super Sache.

Sie sind beide junge Menschen, die sich in der Politik engagieren. Wieso haben Sie sich dazu entschieden?

Zagler: Es gab einiges, was mich in Stockerau störte, was einfach nicht rund gelaufen ist. Eine Zeit lang habe ich mich geärgert, bis ich mir gedacht habe, dass jammern alleine zu wenig ist. Daher wollte ich selbst mitarbeiten und habe einfach mal beim ÖVP-Sekretariat angeklopft und gefragt, ob ich mitarbeiten kann.

Kurzmann: Ich habe eine sehr soziale Ader, mein Art ist es, überall helfen zu können und dabei zu sein. Mir macht es viel Spaß, sich einsetzen zu dürfen und das noch dazu für unsere Jugend. Da ich auch zehn Jahre Jugendbetreuer bei der Feuerwehr Stockerau war, habe ich gelernt, wie Jugendarbeit funktioniert. Ich entschied mich dann in die Politik zu gehen und allgemein für unsere Jugend da zu sein, und deren Wünsche auch umsetzen. Ich hatte die WBA (Wiener Bildungsakademie) besucht, und mich dadurch näher mit Politik beschäftigt. Es war eine sehr gute Entscheidung, in die Politik zu gehen, und habe dadurch sehr schöne Zeiten erlebt, und wirklich großartige Menschen kennen gelernt und viel Freundschaften geschlossen. Ich werde immer da sein und kämpfen, denn gemeinsam sind wir stark.