Korneuburger Pendler: Zugausfall bedeutet Odyssee. Tausende sind täglich am mühsamen Weg zum Arbeitsplatz unterwegs.

Von Herwig Mohsburger. Erstellt am 11. Dezember 2019 (05:21)
Fällt ein Zug aus, beginnt für Ingrid Klima das große Bangen, wie und wann sie von der Arbeit wieder heimkommt. Foto: Mohsburger
Mohsburger

Seit 26 Jahren pendelt Ingrid Klima nach Wien; früher von Großenzersdorf, seit acht Jahren von Hausleiten. Jeden Tag sind es dieselben Leute, die mit ihr um 5.59 Uhr am Bahnsteig stehen und im Zug sitzen.

„Man lernt sich aber trotzdem nicht kennen, die meisten dösen“, so Klima. Einfach ist das Pendeln für sie nicht, sämtliche Einkäufe muss sie bereits in Wien machen, denn die Busverbindung ins rund sieben Kilometer entfernte Stockerau wurde gekappt.

Stärksten Anstieg gab es in Rußbach

Korneuburg gilt als typischer Pendlerbezirk, Hauptgrund ist die Nähe zu Wien. Dies zeigen auch Erhebungen der Rechercheplattform Addendum. In vielen Gemeinden ist die Auspendlerquote zwischen den Jahren 1991 und 2017 deutlich gestiegen. Die höchste Quote hat Spillern mit 86,6 Prozent. Dies schreckt SPÖ-Bürgermeister Thomas Speigner nicht. Aufgrund der ausgezeichneten S-Bahnanbindung nach Wien sei Spillern eine typische Zuzugsgemeinde.

Den stärksten Anstieg der Auspendlerquote gab es in Rußbach von 70 auf 80,8 Prozent. Dies sieht ÖVP-Bürgermeister Hermann Pöschl nicht negativ: „In dieser Zeit gab es viele Siedlungserweiterungen und entsprechenden Zuzug aus Wien.“ Wobei die Neo-Rußbacher ihren Arbeitsplatz in Wien behielten.

Einzige Gemeinde mit einem Rückgang der Pendlerquote um 3,8 Prozent auf 82,4 Prozent ist Bisamberg. Laut ÖVP-Bürgermeister Günter Trettenhahn ist der Grund für diese Entwicklung, dass sich im Ort doch einige kleine Unternehmen neu angesiedelt haben.

Für die 57-jährige Klima sind die fehlenden Zugverbindungen in den Abendstunden und am Wochenende ein großes Problem: „Man kann praktisch nichts unternehmen, weil man nicht heimkommt.“ Das hat letztlich auch das berufliche Fortkommen gebremst, weil sie auch am Wochenende hätte arbeiten müssen.

Ist der letzte Zug weg, wird es schwierig: 75 Euro hat Klima für ein Taxi ab Wien gezahlt. Kann vom Bahnhof Stockerau weder ein IST-Mobil noch ein Taxi geordert werden, sind es in der Nacht zwei Stunden Fußmarsch über finstere Landstraßen.

Gerade die gute Erreichbarkeit per S-Bahn oder Straße hilft aber Pendlern und Gemeinden. „Die S1 ist Gold wert“, sagt Stettens SPÖ-Bürgermeister Thomas Windsor-Seifert. Die Gemeinde wurde für Betriebsansiedlungen attraktiver.

Gemeinden profitieren von der Wien-Nähe

Ein ähnliches Bild bietet sich in Leobendorf: „Natürlich profitieren wir von der Nähe zu Wien sowie dem Autobahn- und S-Bahnanschluss“, erklärt ÖVP-Bürgermeisterin Magdalena Batoha. Die Folge: Der Pendlerindex stieg deutlich. Dabei handelt es sich um die Gegenüberstellung der 3.067 Arbeitsplätze im Ort zu den in der Gemeinde wohnhaften 2.367 Erwerbstätigen. Leobendorf landete auf Platz zwei mit Index 128.

Kritik gibt es indes von Klima, dass S-Bahn und Linienbus nicht aufeinander abgestimmt sind, wenn es Zugausfälle gibt. Auch das IST-Mobil sei zuwenig flexibel, speziell bei Zugausfällen.

„Strandet“ die S-Bahn wegen einer Störung - zumeist in Wien-Floridsdorf - ist Kreativität gefordert: Mit der U6 geht es zur Station Spittelau, mit dem „Gmünder“-Zug nach Absdorf. „Dort bete ich, dass der Bus nach Hausleiten gewartet hat“, schildert Klima die Odyssee, die sie mehrmals im Jahr erlebt. Das sind dann Tage, an denen sie um 16 Uhr das Büro verlässt und erst vier Stunden später heimkommt – für eine Strecke von weniger als 40 Kilometer.

Spitzenreiter beim Pendlerindex im Bezirk ist übrigens Hagenbrunn mit dem Wert 156. Von 1991 bis 2017 wurde der Index verdoppelt, das entspricht netto 1.852 Arbeitsplätzen. „Wir haben den großen Vorteil, dass unser Betriebsgebiet sehr weit von der Wohngegend ist, somit gibt es auch wenig Belastung für die Bevölkerung“, begründet ÖVP-Bürgermeister Michael Oberschil die Entwicklung.

Die meisten Arbeitsplätze im Bezirk bietet übrigens Stockerau mit 7.622 Beschäftigten. Zudem hat die Stadt auch mit 31,6 Prozent die meisten Binnenpendler im Bezirk, ihr Arbeitsplatz liegt in der Wohngemeinde.

Dieser Pendler-Report wurde mit Daten der Rechercheplattform Addendum der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH. erstellt.

Umfrage beendet

  • Stehen für NÖ-Pendler ausreichend öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung?