Lokalhistoriker erinnern sich: Widerstand stoppte Wasserkraftwerksbau

Gestoppte Kraftwerkspläne, Brückensprengungen, Landflucht: Lokalhistoriker ziehen Bilanz über die vergangenen 100 Jahre in der Region Krems.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 05:35
Lesezeit: 4 Min
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Lokalhistoriker Josef Hadrbolec konnte durch einen russischen Botschafter das Dokument mit Befehl zum Wiederaufbau der Brücke ergattern.
Foto: Martin Kalchhauser

Wenn es um die Region Wachau geht, ist Fritz Friedl unbestritten ein Fachmann. Im NÖN-Gespräch nennt der Lokalhistoriker einige aus seiner Sicht wichtige Ereignisse und Entwicklungen der letzten 100 Jahre im UNESCO-Weltkulturerbe.

„Alleine, was sich in der Landwirtschaft getan hat, ist beachtlich“, sagt Friedl. „Noch Mitte des 20. Jahrhunderts setzten Winzer hier vereinzelt den sogenannten ,Weiberschinder‘ ein.“ Dieser kleine Pflug wurde von ein oder zwei Frauen an einem Strick gezogen, während ein Mann den Pflug führte. Zugtiere seien auf den schmalen Terrassen weniger gebräuchlich gewesen.

„1934 gab es alleine in Weißenkirchen noch 149 Kühe, acht Ochsen und acht Pferde. 1987 wurde in Spitz das wohl letzte Rind der Wachau zur Schlachtbank geführt, während dort 1954 schon der erste Traktor im Einsatz war“, erzählt Wachaukenner Friedl. Bis heute habe der Weinbau die übrige Landwirtschaft verdrängt, mit einer Ausnahme: der Wachauer Marille. In den 1950er-Jahren initiierte Lenz Moser, Weingutbesitzer und Önologe aus Rohrendorf, die Hochkultur im Weingarten: Der Rebstock wird weiter nach oben gezogen und von drei waagrechten Drähten gehalten. Dieses System hat sich bis heute unverändert erhalten.

Die Mauterner Brücke wurde in nur drei Monaten wiederaufgebaut.“ Josef Hadrbolec Lokalhistoriker aus Mautern

In den 1920ern wurden die Rollfähren über die Donau eingeführt. „Die Rollfähre zwischen Weißenkirchen und St. Lorenz wurde 1927 in Betrieb genommen. In der Geschichte dieser Überfuhr gab es tragische Vorfälle“, erklärt Friedl, der sein Wissen in zwei Bänden und einen Bildband mit dem Titel „Wachau-Wein-Welt“ zusammengetragen hat. Zwei Fährleute ertranken, ein Zusammenstoß mit einem Schiff ging aber glimpflich aus.

Vom gestoppten Kraftwerk zum UNESCO-Kulturerbe

Eine historische Infrastrukturentscheidung fiel im Jahr 1983. „Stellen Sie sich eine fünf Meter hohe Dammmauer vor, die von der Spitzer Uferpromenade über Weißenkirchen bis Dürnstein reicht und den Donaustrom über 25 Kilometer staut!“ So würde die Landschaft heute aussehen, wäre die Variante D-75 eines Wasserkraftwerkes nach den Plänen aus dem Jahr 1978 gebaut worden. Jedoch regte sich Widerstand. „Es gab unter anderem Interventionen bei Bundeskanzler Bruno Kreisky und Bundespräsident Rudolf Kirchschläger.“ 1983 schließlich entschied Bundeskanzler Fred Sinowatz: „Das Kraftwerk wird nicht gebaut.“

Zu diesem Zeitpunkt war das Kraftwerk Melk bereits fertiggestellt, und die Auseinandersetzungen um das Kraftwerk Hainburg hatten bereits eingesetzt. Das „Europadiplom für Naturschutz“, welches die Wachau 1994 erhielt, stand unter einer Bedingung des Europarates: kein Kraftwerk in der Wachau. „Im Jahr 2000 wurde die Wachau in die UNESCO-Welterbeliste der Kultur- und Naturstätten aufgenommen, die in ihrer Art einmalig und damit von Bedeutung für die gesamte Menschheit sind.“

Donaubrücke: Sprengung und Wiederaufbau 1945

Lokalhistoriker Josef Hadrbolec‘ Rechercheschwerpunkt liegt am Tor zur Wachau, Mautern. Er verfügt nicht nur über ein Füllhorn an Wissen, sondern auch über ein beachtliches Archiv. So präsentiert er etwa eine zunächst unscheinbar wirkende Rechnung. „Das ist eine Rechnung bezüglich eines Kaufes von Töpfen und Eimern“, erläutert Hadrebolec. Jedoch steckt der Teufel im Detail. „Bemerkenswert ist der hier aufgelistete Inflationsaufschlag von 520 Prozent.“ Die Rechnung stammt aus den frühen 1920ern. „Dieses oberflächlich betrachtet banale Dokument symbolisiert für mich die schwere Zeit, durch die Niederösterreich in den ersten Jahren seines Bestehens gegangen ist“, schildert Hadrbolec.

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30. September 1945: Nach der Sprengung durch die Nazis zum Kriegsende wird die wiedererrichtete Mauterner Brücke von den Sowjets an die noch junge Republik Österreich, vertreten durch Bundeskanzler Karl Renner, übergeben.
Foto: Archiv Josef Hadrbolec

Noch wichtiger ist ihm aber die Geschichte der Mauterner Brücke zum Ende des Zweiten Weltkrieges. „Die Brücke wurde im Mai 1945 beim Rückzug der Wehrmacht gesprengt und in nur drei Monaten wiederaufgebaut.“ Die Übergabe der Brücke durch die Russen an Bundeskanzler Karl Renner erfolgte am 30. September 1945. Kurios: „Zu diesem Zeitpunkt wurde Renner von den Westalliierten noch nicht anerkannt, jedoch marschierten dort auch Franzosen und Amerikaner in Uniform mit.“

Hausgeburten am Land bis 1950er ganz normal

Bezüglich der Entwicklungen in der Region um Gföhl erkundigte sich die NÖN bei Lokalhistoriker Friedrich Weber. „Wichtig waren definitiv die Gemeindezusammenlegungen 1967/68 und 1970/71“, meint Weber. Dies sei eine Basis für die Entwicklung der heutigen Gemeinden gewesen. „Gerade der Gföhler Bereich war ja rein kleinbäuerlich strukturiert. Größere Produktion gab es hier so gut wie gar nicht.“ Hier sieht Weber ein historisches Manko. „Diese Region wurde immer benachteiligt, was Firmenansiedlungen und Infrastruktur betrifft.“

Es habe zwar vereinzelt Versuche im Bereich Schuhproduktion und Textilgewerbe gegeben, diese seien aber nach zehn Jahren wieder gescheitert. Weber hebt auch Versuche hervor, Schulverbände zu gründen. „Eine weitere richtige Entscheidung war die Auflösung des Bezirksgerichts in Gföhl. Das braucht heute kein Mensch mehr.“ Das Thema Landflucht sei in seiner Region schon seit den 70ern zu beobachten. „Ich bin aber dankbar über jedes Haus, das zum Beispiel von Wienern aufgekauft und instand gehalten wurde.“ Die letzten 100 Jahre brachten aber auch sehr positive Entwicklung: „Wenn eine Frau aus der Region heute entbinden muss, kann sie das in einem der umliegenden Krankenhäuser tun. Bis in die 1950er-Jahre war die Mobilität in die Städte kaum vorhanden. Da waren Hausgeburten ganz normal.“

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