Region Krems: Sport-Lockdown hatte einen hohen Preis

Erstellt am 13. April 2022 | 04:35
Lesezeit: 4 Min
Sportlehrer beobachten schlechtere körperliche Leistung bei Schülern. Anmeldungen bei Sportvereinen normalisieren sich.
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„Für diese Erkenntnis hätte ich keine Studie gebraucht. Das erlebe ich in meiner täglichen Arbeit als Sportlehrer“, kommentiert Martin Dürhammer vom BG Rechte Kremszeile, die Erkenntnisse einer aktuellen Untersuchung der Uni Graz, welche feststellte, dass in einem Sampel von 738 Volksschülern die Zahlen von extrem fettsüchtigen, fettsüchtigen und übergewichtigen Kindern über die Pandemiezeit zwischen 27 und 50 Prozent gestiegen sind.

Zahlreich ausgefallene Turnstunden und mehrfache Sport-Lockdowns haben ihren gesundheitspolitischen Preis gefordert. Das Absinken des körperlichen Leistungsniveaus vieler Schüler mache ihm große Sorgen. „Ein einfacher Hopsa-Lauf, auf das Reck hinaufspringen und ein paar Sekunden das eigene Gewicht halten und weitere, eigentlich einfache Übungen, sind für etliche Kinder unvorstellbar.“

„Ein einfacher Hopsa-Lauf, auf das Reck hinaufspringen und ein paar Sekunden das eigene Gewicht halten und weitere, eigentlich einfache Übungen, sind für etliche Kinder unvorstellbar.“
Martin Dürhammer, Sportlehrer im BG Rechte Kremszeile

Ähnliches beobachtet auch Sportlehrer Jürgen Surböck von der Gföhler Sportmittelschule. „Wir bemerken regen Andrang bei unserer Sportschule“, freut er sich zwar. Jedoch würden immer mehr Bewerber beim körperlichen Aufnahmetest niedrige Leistungen hinlegen. „Wir verlangen da nicht wahnsinnig viel ab von unseren Bewerbern. Da geht es um 20-Meter-Sprinten, gewisse Aufgaben bezüglich Ausdauer, Schnelligkeit und Wendigkeit. Im Wesentlichen sind das nur Grundfertigkeiten.“ Die Sportschule verfolge laut Surböck einen inklusiven Plan, selbst bei Kindern mit geringen körperlichen Leistungen. „Es ist uns lieber, dieses Kind hat dann bei uns sieben Stunden Sport in der Woche, als dass wir es ablehnen und es dann kaum oder gar keinen Sport treibt“, erklärt er. „In der ersten Klasse ist die Benotung noch schaumgebremst. Jedoch muss man festhalten: Was früher selbstverständliche Fertigkeiten waren, muss heute bei manchen erst mühsam erarbeitet werden.“

Turnprogramm muss nach unten nivelliert werden

Natürlich müssen jene von Bewegungsmangel und/oder Übergewicht betroffenen Kinder im Turnunterricht „dort abgeholt werden, wo sie sind“, so die Turnlehrer. Dürhammer sieht primär die Eltern in der Pflicht. „Ich erlebe in meinen Sprechstunden oft Erziehungsberechtigte, die wenig bis kein Bewusstsein für die körperlichen Zustände ihrer Kinder haben.“ Wenn er etwaiges Übergewicht anspreche, komme mitunter auch als Antwort: „Schauen Sie uns an, wir sehen doch genauso aus!“ Die schlechten Gesundheitsentscheidungen der Eltern übertragen sich auf die Kinder. „Die Verbesserung beginnt übrigens nicht erst bei mehr Sport. Es würde schon reichen, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr mit dem Auto bis direkt vor die Schule bringen würden.“

„Die tägliche Turnstunde muss in allen Schulen endlich her.“

Surböck appelliert an die Politik: „Die tägliche Turnstunde muss in allen Schulen endlich her.“ Viel Optimismus, dass dies bald Realität werde, haben beide Sportlehrer jedoch nicht. Sie betonen die Wichtigkeit der Kooperation mit Sportvereinen. Dort sieht man sich nach zwei dürren Pandemiejahren wieder mit guten Anmeldezahlen konfrontiert. „Wir haben über die Pandemiezeit etwa ein Drittel bis die Hälfte unserer Mitglieder verloren. Gerade bei jenen Kämpfern, die in den Leistungssport hätten übernommen werden sollen, sind etliche weggefallen. Nun haben sich die Anmeldezahlen immerhin normalisiert“, so Andreas Schlögl, sportlicher Leiter beim Judoklub Krems. Übergewicht sei beim Judo kein so großes Problem, solange ein Kind gegen ein anderes Kind in etwa gleicher Gewichtsklasse kämpft. Was Schlögl negativer auffällt, sind körperliche Koordinationsprobleme. Auch verschiedenartige Verhaltensauffälligkeiten kämen vor.

Bei der Fechtunion Krems freut man sich ebenfalls über mehr Neuzugänge. „Vergangenen Herbst hatten wir zwölf Fechtanfänger“, erzählt Trainer Thomas Wittner. „Davon sind uns zehn geblieben. Das sind sehr gute Zahlen. Normalerweise ist das Verhältnis eher 50 zu 50.“ Koordinations- und Konzentrationsprobleme bemerkt auch er. „Vielen Schülern fällt es schwer, sich länger auf eine Übung zu konzentrieren. Manche kommen mit dem Handy zum Training, aber das unterbinden wir so gut es geht.“

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