Bezirkshauptfrau: „Maßnahmen wirken nicht mehr scharf“. Die Kremser Bezirkshauptfrau Elfriede Mayrhofer im NÖN-Gespräch über grenzwertige Belastungszustände, Lockdownmüdigkeit und ihren bevorstehenden Abschied.

Von Martin Kalchhauser und Franz Aschauer. Erstellt am 27. Januar 2021 (05:29)
Elfriede Mayrhofer
Martin Kalchhauser

Das Thema Corona beherrscht Ihre Arbeit. Haben Sie von Anfang an geahnt, was da auf die Behörde zukommt?

Elfriede Mayrhofer: Am 29. Februar hatten wir die erste Besprechung in der Sanitätsdirektion. Unsere ersten Absonderungsbescheide haben wir Anfang März ausgestellt. Die erste betroffene Personengruppe waren die ersten Rückkehrer aus Südtirol, vom Karneval aus Venedig und die Skifahrer aus Ischgl und auch vom Arlberg. Zu Beginn hatten wir keine Ahnung, was auf uns zukommen wird. Im Nachhinein betrachtet, war die Welle vom März im Vergleich zu November und Dezember doch um einiges geringer.

Hat es den Moment gegeben, wo Sie geglaubt haben, „wir schaffen das nicht mehr“?

Mayrhofer: Eine Zeit lang kamen meine Mitarbeiter im Stab schon sehr an die Grenze des Machbaren. Wir mussten teilweise bis 23 Uhr arbeiten. Das gesamte Haus hat in den kritischen Phasen zusammengeholfen. Im Laufe des Herbstes erhielten wir sukzessive Unterstützung durch externe Kräfte, wie Soldaten des Österreichischen Bundesheeres und zusätzlich für diese Arbeit aufgenommene Kräfte, dadurch kann ich derzeit mein hauseigenes Personal etwas zurücknehmen. Bei den eingesetzten Arbeitsmitteln, den eigens entwickelten IT-Programmen und technischen Anwendungen hat sich in diesen zehn Monaten viel geändert. Das erleichtert uns natürlich die Arbeit.

Wenn man den Lockdown des Frühjahrs mit dem aktuellen vergleicht, dann wirkt es so, dass die Disziplin zuhause zu bleiben und sich von den Mitmenschen abzuschotten, abgenommen hat. Ist das auch Ihr Eindruck?

Mayrhofer: Bezogen auf die Zahlen kann ich diesen Eindruck nur bestätigen. Die Regelungen des neuerlichen Lockdowns werden leider nicht mehr so ernst genommen, wie beim ersten. Ab 20 Uhr sollte sich das Leben eigentlich nicht mehr auf der Straße abspielen. Fahren Sie um 21 Uhr durch Krems und Sie sehen, wie viele Autos und Fußgänger unterwegs sind. Das ist natürlich auch den Lockerungen und Interpretationen, was man alles nach 20 Uhr noch machen darf, geschuldet. Durch eine Vielzahl von Ausnahmeregelungen wirken die Maßnahmen im Vergleich zum Frühjahr nicht mehr so scharf.

Halten Sie es für richtig, dass es diese Ausnahmen gibt?

Mayrhofer: Jeder müsste sich selbst bei der Nase nehmen und sich fragen, was kann ich dazu beitragen, dass die Pandemie so schnell wie möglich beendet wird. Da habe ich manchmal das Gefühl, den Leuten ist nicht bewusst, dass jeder seinen Beitrag dazu leisten kann, man muss sich nur an die Regeln halten.

Es fällt auf, dass sich in der Bevölkerung immer mehr Gruppen auftun. Da gibt es die Verschwörungstheoretiker, Menschen, die sich an die Maßnahmen halten und auch Leute, die Angst vor dem Virus haben und sich völlig abschotten. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich innerhalb der Bevölkerung Gräben auftun?

Mayrhofer: Ich würde nicht Gräben sagen. Ich habe jedoch Angst vor den Gruppierungen, die sich jetzt formieren und demonstrieren gehen, aus welcher Motivation auch immer. Ich habe Sorge vor einer möglich entstehenden Massenbewegung.

Es gab wöchentliche Videokonferenzen der Bezirkshauptleute mit dem Gesundheitsminister. Von Regierungsseite sind dann trotzdem immer wieder Überraschungen auf die lokalen Behörden zugekommen. Wie bewerten Sie den Informationsfluss zwischen Bund und lokalen Behörden?

Mayrhofer: Zu Beginn der Pandemie lief der Informationsfluss nicht unbedingt optimal. Wenn wir einen Verordnungstext um 22Uhr bekommen haben mit der Wirkung der Verordnung ab 0Uhr, denke ich mir, dass eine Vorinformation besser gewesen wäre. Die Medienvertreter haben die Gesetzesentwürfe oft schon in der Hand gehabt, bevor wir ihn bekommen haben.

Langsam aber doch nimmt die Impfkampagne Fahrt auf, welche Aufgaben kommen auf die BH zu?

Mayrhofer: Die Bezirkshauptmannschaft als Gesundheitsbehörde hat bei der Impfkampagne keine Mitwirkungspflicht. Für uns wird die Impfung dann relevant, wenn geimpfte Personen bei der Beurteilung der Risikokontakte zu berücksichtigen sind.

Lassen Sie sich impfen?

Mayrhofer: Ja, sobald ich drankomme.

Die BH stellt die Absonderungsbescheide aus. Zieht man sich da zwangsläufig den Unmut der Betroffenen zu?

Mayrhofer: Zu Beginn der Pandemie mussten die betroffenen Personen, die positiv auf das Virus getestet waren, über die behördlichen Maßnahmen aufgeklärt, beruhigt und informiert werden. In dieser Phase war das Informationsgespräch sehr wichtig, um zu erklären, was den Sinn einer Absonderung darstellt. Nur wenige Betroffene haben gegen einen Absonderungsbescheid Beschwerde erhoben. Generell kann ich sagen, dass sich die Informationsschiene beginnend mit der SMS-Verständigung laufend verbessert hat. Es gibt nur ganz Wenige, die vielleicht über einen Absonderungsbescheid ein bisschen murren, das sind vor allem diejenigen, die keine Symptome haben.

Es gibt Betroffene, die einen Absonderungsbescheid bekommen aber nicht alle Kontaktpersonen angeben, um Freunden keine Quarantäne umzuhängen. Gibt es da eine Taktik, wie man solchen Leuten auf die Schliche kommt?

Mayrhofer: Durch richtige Fragestellung bekommen wir die notwendigen Informationen. Manchmal erhält man im Gespräch mit einer Kontaktperson noch zusätzlich wichtige Hinweise über weitere Personen, die bei einer Feier anwesend waren ober über die Dauer von Begegnungen und zu den Abständen, auch ob Mundschutz getragen wurde oder nicht. Fest steht, dass wir auch angelogen werden. Was sich natürlich günstig auswirkt, ist, dass meine Mitarbeiter im Bezirk verteilt wohnhaft sind und die Zusammenhänge in ihren Ortschaften kennen. Sie wissen dann schon, wie man fragen kann, um zu einer Antwort zu kommen. Contact Tracing hat auch etwas Detektivisches an sich.

Sind Corona-Partys oder Geburtstagsfeiern ein Problem im Bezirk?

Mayrhofer: Im Moment kann ich nicht feststellen, dass diese Art von Feiern stattfinden. Clusterbildungen, die aufgrund von gemeinsamen Feiern auftreten, gibt es derzeit nicht. Ich weiß, dass es im November einige Feste gegeben hat und auch nach dem Besuch von bestimmten Lokalen und Heurigen verstärkt positiv getestete Personen angefallen sind, die einen Bezug zu einer oder mehreren Positiven herstellen ließen.

Kommen wir zu einigen persönlichen Dingen: Es spricht sich herum, dass für Sie der Abschied aus dem aktiven Berufsleben bevorsteht. Wie konkret ist das schon?

Mayrhofer: : Ja, ich denke daran und habe für mich persönlich die Mitte des Jahres für diese Entscheidung ins Auge gefasst. Berücksichtigen werde ich, wie sich die Lage mit Covid-19 und der Pandemie entwickelt. Ich verlasse das Schiff nicht, wenn es gerade auf stürmischer See ist.

Sie sind in Melk 1998 die erste Bezirkshauptfrau Niederösterreichs geworden. Hat man es als Frau heute leichter in dem Amt?

Mayrhofer: : Es sind in der Zwischenzeit 23 Jahre vergangen. Ein kleiner Unterschied seit damals ist zu spüren. Wir sind jetzt sechs Damen in der Funktion der Bezirkshauptfrau. Heute ist das kein Thema mehr und selbstverständlich. Damals sah ich mich schon ein wenig als Exotin. Auch wenn von überall und jedem Akzeptanz und Wertschätzung mir gegenüber entgegengebracht worden ist.

Worauf freuen Sie sich in der Pension am meisten?

Mayrhofer: Erstens einmal, dass ich mehr Zeit zum Reisen habe. Und vor allem ist mir wichtig, dass ich einmal 14 Tage das Handy auf die Seite legen kann, weil ich nicht erreichbar sein muss.

Wohin wird die erste Reise gehen?

Mayrhofer: Ich würde gerne nach Südafrika fliegen. Aber ich glaube nicht, dass es 2021 dazu kommen wird. Und auch Paris habe ich am Radar.