Fasten ist nicht nur Verzicht. Diese Praxis ist Bestandteil aller Ein-Gott-Religionen. Pfarrer und Gläubige aus dem Bezirk Krems sprechen über ihre persönliche Bedeutung.

Von Johannes Mayerhofer. Erstellt am 17. Februar 2021 (05:17)
Symbolbild
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Keine Schokolade mehr? Weg mit den Zigaretten? Fleisch ade? Beim Wort „Fasten“ schwingen meist viele medizinische und gesundheitsbezogene Assoziationen mit, ebenso wie der Glaube an ein striktes Verzichtsgebot. Der Katalog an diätologisch untermauerten Fastenkonzepten ist sehr breit. Versprochen werden niedrigeres Gewicht, verbesserter Stoffwechsel, Zellregeneration et cetera.

Es lohnt sich, die religiösen Wurzeln der Fastenidee zu beleuchten. Es gibt sie in fast allen großen Weltreligionen. Im neutestamentarischen Christentum fußt die Fastenidee auf Jesus‘ 40-tägigem Aufenthalt in der Wüste, den er betend und fastend verbrachte. Warum tat Jesus das? Wollte er abnehmen? Mit besserer Zellregeneration seiner Alterung entgegenwirken?

Fasten als „Ausstiegaus dem Hamsterrad“

Pfarrer Franz Richter: „Seelsorger stehen bei Fragen immer zur Verfügung.“
MK

Die Antwort lautet: „Nein.“ Denn Fasten geht weit über den blanken Verzicht hinaus. Während das diätologische Fasten von körperlicher Entgiftung und Reinigung spricht, betont der Kremser Stadtpfarrer Franz Richter: „Im christlichen Sinne geht es auch um die geistige Reinigung, um ein bewusstes Heraustreten aus dem Alltag und den Routinen. Damit schärft man die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen. Man schafft dadurch den Boden für Selbstreflexion des eigenen Handelns.“ Praktisch heiße das eben, nicht nur auf Selbstverständliches zu verzichten, sondern Dinge aktiv anders zu machen als sonst.

Ferdinand Fuchsbauer, Moderator und geschäftsführender SPÖ-Gemeinderat aus Rossatz-Arnsdorf, kleidet sein spirituelles Fastenverständnis in eine Körper-Methapher: „Ich sehe Fasten als etwas, das alle Sinne und den gesamten Körper ergreift. Etwa die Ohren, im Sinne, dass man anderen Menschen wieder mehr zuhört. Gerade wenn man sich mit Themen wie telefonischer Seelsorge befasst, merkt man, wie viele Menschen niemanden haben, der ihnen zuhört.“ Fuchsbauer appelliert daran, auch die Augen zu öffnen und empfindsamer für die Belange anderer und das Geschehen im Umfeld zu sein.

Die Hände sieht Fuchsbauer als Symbol für das Anpacken, um Gutes zu tun. Der 71-Jährige betont jedoch, dass altruistisches Handeln nicht bloß innerhalb der 40-tägigen Zeit im Vorfeld von Ostern gelten solle, auch wenn es da besonders in den Vordergrund trete. Zum ausschließlich diätologisch-medizinischen Fasten meint Fuchsbauer: „Das trifft für mich den Sinn des Fastens nicht auf den Punkt, aber ich bin kein Missionierer, weshalb ich die Vielfalt des Fastens natürlich akzeptiere.“

Moderator Ferdinand Fuchsbauer: „Beim Fasten zuhören, hinsehen und Gutes tun!“
JM

„Wenn einige Kilo purzeln oder man sich durch das Fasten wohler fühlt, ist das zwar nett, aber nur ein Nebeneffekt“, meint Karl Popp, Direktor der privat-katholischen Mary Ward Mittelschule in Krems. Wie Fuchsbauer ist auch er praktizierender Christ. Vom Totalverzicht hält er nichts, jedoch beinhalte das Fasten für ihn auch, „weniger von gewissen Dingen zu konsumieren und zu praktizieren“. In seiner Schule sei die Vermittlung dieses Fastenkonzeptes ein Thema: „Wenn wir von Reduktion bei etwa Zehn- bis Vierzehnjährigen sprechen, betrifft das häufig den Konsum von Medien und Spielekonsolen.“ Den persönlichen Gewinn des Fastens sieht Popp unter anderem in dem Gefühl, gefestigter, sicherer zu sein. 

Auch der Austausch mit anderen ist wichtig

Was aber, wenn der Blick hinter die Kulissen des Alltags zu Zweifeln führt? „Das kann natürlich der Fall sein. Daher plädiere ich dafür, sich mit seinen möglicherweise verunsichernden Gedanken und Selbsterfahrungen nicht zu verkriechen, sondern sich mit anderen auszutauschen“, sagt Pfarrer Richter. „Katholische Seelsorger stehen für Gespräche zur Verfügung.“

Dieser Austausch sollte aber nicht mit Selbstdarstellung verwechselt werden: „Schon Jesus war gegen die Pharisäer, die ihren vermeintlichen Glauben sehr extrovertiert nach außen getragen haben, obwohl dann nicht viel dahinter steckte“, erklärt Richter. „Wer seinen Glauben wirklich ernst nimmt, muss ihn nicht vor anderen präsentieren. Gott weiß das auch so.“ 

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