Lockdown trifft auch Kinder hart. Psychologen berichten seit Start des Heimunterrichts von immer mehr seelisch hilfsbedürftigen Kindern - auch im Bezirk Krems.

Von Johannes Mayerhofer und Petra Vock. Erstellt am 20. Januar 2021 (04:15)
Psychologin Edith Bernhard-Weixelbaum: „Soziale Komponente des Lernens geht verloren.“
Fabio Prince/shutterstock.com

Während die Regierung die niederösterreichischen Schüler bis 8. Februar in den Distanzunterricht schickt, mehren sich die Warnungen vor seelischen Belastungen. „Den Kindern geht es zunehmend schlechter“, vermeldet etwa Kathrin Sevecke, Präsidentin der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Psychologin Edith Bernhard-Weixelbaum: „Soziale Komponente des Lernens geht verloren.“
privat

Edith Bernhard-Weixelbaum, Kinder- und Jugendpsychologin aus Krems, berichtet von steigenden Anfragen. „Da geht es um vermehrte Stresssituationen, Unruhezustände und Schlafprobleme. Mit dabei sind auch Tic- und Zwangserkrankungen“, so die Fachfrau.

Weiters erlebe sie bei den Kindern häufiger Trennungsängste, Ängste vor dem Alleinesein sowie die Furcht, dass die Großeltern erkranken könnten. „Bei manchen Jugendlichen beobachte ich in verstärktem Maße depressionsähnliche Symptome wie Verstimmungen, Interessen-, Motivations- und Freudlosigkeit und ein höheres Aggressionsniveau“, zeigt sich Bernhard-Weixelbaum besorgt.

Versagensängste und fehlende Tagesstruktur

Durch den fehlenden „normalen“ Schulalltag falle es den Betroffenen schwerer, eine stabile Tagesstruktur und einen Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten. Hinzu kämen Versagensängste. „Wir dürfen nicht unterschätzen, dass schulisches Lernen soziale Komponenten hat, die im Distanzunterricht stark eingeschränkt sind.“ Wichtig sei etwa der Austausch zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen den Schülern.

Auch für jene Kinder, die Probleme mit Lehrern, Mitschülern oder Mobbing haben, sei der Distanzunterricht auf Dauer kein Segen. „Anfänglich war es für die Betroffenen eine Entlastung. Auf Dauer muss aber jeder lernen, mit negativen Situationen umzugehen. Der Distanzunterricht verhindert diese Lernprozesse. Der Wiedereinstieg in den Schulalltag wird für die Betroffenen dadurch nicht leichter.“

Welche Möglichkeiten sieht Bernhard-Weixelbaum, um die Situation zu lindern? „Sport ist zum Beispiel immer gut. Viele waren ja vor der Pandemie in Sportvereinen. Auch kreative Aktivitäten wie das Erlernen eines Instrumentes können Sinn und Struktur bieten.“ Oft helfe aber schon, mit einer externen Person über die Probleme sprechen, alles „einfach mal rauslassen zu können“.

Schule bietet qualitativ "ganz anderes Niveau"

Anna Steinschaden, Schülerin des BRG Ringstraße und AHS-Landesschülervertreterin (LSV), zitiert eine LSV-Umfrage: „15 Prozent gaben an, durch die Coronamaßnahmen definitiv mit vermehrten sozialen und psychischen Problemen zu kämpfen, 22 Prozent antworteten mit ,eher ja‘.“

HTL-Schülerin Victoria Polsterer: „Viele haben das Gefühl, etwas von ihrer Jugend zu verpassen.“
privat

Victoria Polsterer, BMHS-Landesschulsprecherin und Schülerin der HTL Krems, schildert, dass viele durch die runtergeschraubten sozialen Kontakte das Gefühl hätten, etwas von ihrer Jugend zu verpassen. „Das ist schließlich die Zeit, von der wir später unseren Kindern und Enkelkindern erzählen wollen“, meint Steinschaden.

Evelyn Pfeiffer, Elternvereinsobfrau der Mary Ward Schulen Krems, sieht bei ihren Kindern ein gemischtes Bild. „Mein Sechsjähriger wünscht sich, dass Corona endlich vorbei ist, hat aber Verständnis. Eine meiner Töchter hat überhaupt kein Problem, in Ruhe zu lernen. Die andere braucht hingegen soziale Kontakte und ist demotiviert.“

Wie zufrieden sind die Betroffenen mit dem Homeschooling an sich? „Wir wären froh, wieder an die Schule zu können, da es qualitativ ein ganz anderes Niveau ist. Viele Schüler bemühen sich sehr, aber es kommt dennoch nicht zum gewünschten Ergebnis. Da entstehen bei manchen Schülern Lücken“, so Polsterer. „Es hängt stark von der Initiative der Lehrperson ab, und es gab auch große Fortschritte, etwa die einheitliche Lernplattform Moodle. In manchen Fächern müssen wir zurzeit aber unsere eigenen Lehrer sein“, so Steinschaden. In der LSV-Umfrage gaben sechs Prozent an, dass ihre Professoren nicht ausreichend mit der Technik umgehen könnten, 41 Prozent waren zufrieden.

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