Adi Distelberger: Lebemann, Liebhaber, Priester

Adi Distelberger war Präses und schillernde Persönlichkeit. Sein Neffe widmete dem wohl beliebtesten Pfarrer, den Dürnstein je hatte, ein Buchkapitel.

Erstellt am 25. November 2020 | 04:35
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Anton Distelberger erzählt die Geschichte seines Onkels und dessen letzter Liebe. Titel des Buches: „Liebende im Mostviertel“.
Foto: privat

P-PPPP-1: Mit diesem Auto-Kennzeichen, das ihm Freunde geschenkt hatten, soll Adi Distelberger zeitweise unterwegs gewesen sein. Wofür die vier P standen? Für Priester, Professor, Präses und Promille, so die Überlieferung.

Der Polizei sprang die einfache Buchstabenkombination immer wieder ins Auge. Distelberger verlor mehrmals wegen Trunkenheit am Steuer den Führerschein.

Bürgernah: Beliebtheitswerte waren enorm

Der Geistliche im PS-starken Mercedes war gefürchtet bei der Gendarmerie. Beinahe Kultstatus hat eine Verfolgungsjagd im Dezember 1990, bei der Distelberger der Exekutive in Krems um die Ohren fuhr und erst am Bahnhof in St. Pölten gestoppt werden konnte. Einen Alkotest verweigerte er.

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Pfarrer Adi Distelberger und seine Freundin am Buchcover.
privat

Diese und noch viel mehr Geschichten erzählt sein Neffe Toni Distelberger aus Perchtoldsdorf im Buch „Liebende im Mostviertel“. Auf der Titelseite: Ein Foto von seinem Onkel Adi auf der Fähre der Familie Thiery aus Dürnstein, wo Distelberger von 1982 bis 1988 Pfarrer war. Bei ihm: seine langjährige Lebensgefährtin aus Baden.

Adi Distelberger ist seit mittlerweile 17 Jahren tot. Als Präses der Kolpingfamilie in St. Pölten und Initiator für die Errichtung zweier Wohnheime mit insgesamt 600 Betten machte sich der 1930 im Mostviertel geborene Geistliche früh einen Namen.

Er galt als großer Förderer der Jugend und begnadeter Prediger. So in Erinnerung hat ihn auch Johann Schmidl, der langjährige Bürgermeister von Dürnstein, der den Präses Distelberger in seiner Zeit in der HTL St. Pölten, wo er 1968 maturierte, kennenlernte.

Distelberger habe stets viel in Bewegung gebracht, auch in Dürnstein: „Bei der Stiftsrenovierung hat er in seiner jovialen Art große Unterstützung geliefert. Er hatte sehr gute Kontakte zur Politik“, erzählt Schmidl.

Distelbergers Beliebtheitswerte in der Wachau waren wegen seiner Bürgernähe enorm. „Es gab keinen Heurigen, wo man ihn nicht getroffen hat“, erinnert sich Schmidl zurück. Ihn als alkoholkrank bezeichnen, wie es Toni Distelberger in seinem Buch tut, würde er nicht. „Aber vielleicht sieht man das in der Wachau auch anders. Es möge sich jeder selbst bei der Nase nehmen.“

Stadtpfarrer Franz Richter erinnert sich

Etwas später als Schmidl hat Franz Richter Adi Distelberger kennengelernt. Der Kremser Stadtpfarrer traf 1976 ebenfalls als Schüler erstmals auf den Kolpingpräses. „Ich war im Stiftsgymnasium in Melk und habe eine Nachprüfung in Mathematik gehabt. Damals gab es im Kolpinghaus in St. Pölten Nachhilfekurse. Begonnen hat alles mit einer Ansprache von Adi Distelberger. Sein Schmäh hat mir imponiert.“

Richter traf erst 2001, als Pfarrer von Weißenkirchen, wieder auf Distelberger, der sich auch nach seiner Zeit in Dürnstein gerne in der Wachau aufhielt. Damals schon elf Jahre an seiner Seite: eine Frau. „Ich hatte den Eindruck, dass sie sich unheimlich gern mögen“, erzählt Richter. Ob es eine Liebesbeziehung gewesen sei, könne er aber nicht sagen.

Dass es definitiv das war, sagt Distelbergers langjährige Begleiterin, die heute 83 Jahre alt ist. Kennengelernt habe sie ihn im Schlosshotel Dürnstein. „Ich hatte damals einen Freund und war schon einmal geschieden. Ich fragte ihn, ob er uns verheiraten würde. Daraufhin hat er gesagt, ‚jetzt tanzen wir einmal‘“.

Es dauerte nicht lange, und der bisherige Freund war Geschichte. Distelberger verbrachte glückliche Jahre mit seiner Partnerin und reiste mit ihr viel. Selbst bei einem Frühstück in Venedig mit Papst Johannes Paul II. sei sie dabei gewesen.

Versteckt hat Distelberger seine Freundin nie. Die Badenerin hat sich an der Seite eines Priesters, der eigentlich zölibatär leben sollte, nicht unwohl gefühlt. „Ich bin mir nicht besonders vorgekommen.“ Bis 2003, als Distelberger von Krankheit schwer gezeichnet starb, war sie an seiner Seite. Die Erinnerung an den Lebemann, den sie Freund nannte, strahlt im Licht der Vergangenheit hell.