Grengg ist ihre Gasse in Krems los. NS-belasteter Straßenname in Stein verschwindet. Wie erwartet stimmte die FPÖ dagegen. Überraschender kam das Nein der ÖVP.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 03. März 2021 (05:44)
Aus der Maria-Grengg-Gasse in Stein wird die Margarete-Schörl-Gasse.
NOEN

33 Minuten – länger als bei der Gemeinderatssitzung am vergangenen Mittwoch, als es um die Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse ging, stand Werner Friedl wohl nie am Mikrofon. Der FPÖ-Mandatar versuchte mit einer Reihe von Beispielen historischer Persönlichkeiten, die wie die im Kremser Stadtteil Stein geborene Literatin den Nationalsozialismus unterstützten, zu begründen, warum der kurze Seitenarm, der von der Dorrek-Straße zu Volksschule, Kindergarten und Hort führt, seinen Namen behalten sollte.

FPÖ-Gemeinderat Werner Friedl argumentierte über eine halbe Stunde für Maria Grengg.
MK

Friedl fuhr mit allen Geschützen auf. Am Ende halfen ihm aber weder die Auflistung längst verstorbener Sozialdemokraten und Politiker der Volkspartei mit brauner Vergangenheit, noch Zitate der Evangelisten Matthäus und Johannes sowie des spätantiken Philosophen Boetius, die SPÖ-Stadtrat Helmut Mayer als „sehr lange Relativierungslehre“, und KLS-Mandatar Wolfgang Mahrer als „Bemühungen einer Normalisierung des Nationalsozialismus“ zusammenfassten.

Der Gemeinderat beschloss mit den Stimmen von SPÖ, KLS und ProKS die Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Margarete-Schörl-Gasse. Eine Zusatztafel mit einer Erklärung wird angebracht. Margarete Schörl (1912 – 1991) war eine Reformpädagogin im Kindergartenbereich und als Ordensmitglied der Englischen Fräulein in Krems tätig.

Für Bürgermeister Reinhard Resch (SPÖ) ist sie die „richtige Namensgeberin für eine Straße, die zu einem Kindergarten, einer Volksschule und einem Hort führt“. Krems zeige damit, dass es eine weltoffene Bildungs- und Kulturstadt sei.

ÖVP hätte „Rückgrat zeigen wollen“

Gegen die Umbenennung stimmte zur Überraschung Vieler die ÖVP. Vizebürgermeister Erwin Krammer plädierte für die Wiener Lösung. Die Maria-Grengg-Gasse in der Bundeshauptstadt behielt ihren Namen. Eine Zusatztafel erklärt dort die NS-Affinität der Dichterin.

ÖVP-Vizebürgermeister Erwin Krammer stimmte mit seiner Fraktion gegen die Umbenennung.
Kalchhauser

Zu Beginn seines Statements kritisierte Krammer, dass der Gemeinderat 1990 die bis dahin namenlose Gasse per einstimmigem Beschluss überhaupt erst Maria Grengg widmete. „Mit den Dingen geht es mir heute nicht mehr so gut. Es soll kein Vorwurf sein, aber heute verstehe ich da manche Zusammenhänge nicht.“

Bald, nachdem das Abstimmungsergebnis die Runde gemacht hatte, war die ÖVP für ihre Haltung aus mehreren Richtungen kritisiert worden. Stadtparteiobmann Martin Sedelmaier versuchte, auf eigene Initiative hin, zu beruhigen – unter anderem mit der Klarstellung „wir sind nicht rechtsradikal“ –, blieb aber auf Krammers Linie. „Wir hätten Rückgrat zeigen wollen. Wir müssen nicht Angst haben, dass jedes zweite Kind, das an der Tafel vorbeiläuft, rechtsradikal wird.“

„Mein Wissensstand über die Biografie Maria Grenggs war damals gering.“ Ex-Vizebürgermeister Ewald Sacher übt Selbstkritik

Zu Wort meldete sich im Nachgang auch noch Ewald Sacher, der als Vizebürgermeister 1990 für den Namen Maria-Grengg-Gasse gestimmt hatte. Im Rückspiegel sieht das der ehemalige Nationalratsabgeordnete kritisch: „Unser beziehungsweise mein Wissensstand über die Biografie Maria Grenggs war damals gering.“ Die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte habe damals in allen Parteien noch zu wenig Stellenwert gehabt. Die Umbenennung findet Sacher richtig.

Als „interessante und innovative Lösung“ bezeichnet Zeitgeschichte-Professor Oliver Rahkolb von der Uni Wien die Umbenennung mit dem Hinweis auf den alten Namen.