Aufregung um Kremser Kranzniederlegung. Historikerbeirats-Gremium soll sich problematischen Straßennamen und Ehrenbürgerverzeichnis widmen. Die Stadt schweigt indes zur Kranzniederlegung für den Antisemiten Franz Xaver Kießling.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 12. November 2019 (14:55)
Aufreger: Die Stadt legte zu Allerheiligen einen Kranz auf das Grab von Franz Xaver Kießling, dem Erfinder des „Arierparagraphen“.
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Robert Streibel ist bekannt dafür, den Finger in die Wunde zu legen. Der Historiker, der 2018 mit seinem Buch „Wein des Vergessens“ die Gründungsgeschichte der Winzer Krems auf den Kopf stellte, sorgte zu Allerheiligen diesmal mit einem Facebook-Posting für Aufregung.

Historiker Robert Streibel machte auf den Fall Franz Xaver Kießling aufmerksam.
F: Kalchhauser

Es zeigt das mit einem Kranz der Stadt Krems geschmückte Grab Franz Xaver Kießlings, des Erfinders des „Arierparagraphen“ beim Deutschen Turnverein. Der „Arierparagraph“ schloss „Nicht-Arier“ aus Vereinen, Verbänden und Organisationen aus. „Ehre, wem Ehre gebührt?“, fragte Streibel in seinem Posting. Warum kam es zu der Kranzniederlegung am Grab eines Antisemiten? Das wollte die NÖN von der Stadt Krems wissen.

Die mauert dazu aber: „Wir arbeiten an dem Thema und können derzeit keine weiteren Informationen dazu geben“, heißt es in einem Statement der Pressestelle. Eine Vorgehensweise, die Streibel nicht versteht: „Das macht alles noch viel schlimmer. Dadurch signalisiert man, dass man etwas verheimlicht.“ Seit dem heurigen Sommer wisse Streibel, dass Kießling Ehrenbürger von Krems ist. Darauf habe er die Stadt anschließend auch hingewiesen.

„Niemandem bewusst, wer dieser Mensch war“

Eigene Recherchen, nach welchen Kriterien die Stadt zu Allerheiligen Kränze niederlegen lässt, hat KLS-Gemeinderat Niki Lackner angestellt. „Mein Großvater und mein Urgroßvater sind als politische Häftlinge im Konzentrationslager gewesen. Ich sehe den Umgang mit dieser Zeit als persönlichen Auftrag“, erklärt er sein Interesse. Lackner sagt, es habe sich bei der Kranzniederlegung um einen „Automatismus“ gehandelt, der bei Ehrenbürgern oder Ehrengräbern angewendet wird. „Niemandem war bewusst, wer dieser Mensch war.“

Die Vergangenheitsbewältigung steckt in der Stadt Krems noch in den Kinderschuhen. „Ja, da war man in der Vergangenheit zu nachlässig“, stellt Streibel fest. Auch Gregor Kremser räumt ein: „Das mag durchaus so sein.“

Kulturamtsleiter Gregor Kremser plant, dass der Historikerbeirat Ende November seine Arbeit aufnimmt.
Kalchhauser

Der Leiter des Kulturamtes möchte deswegen einen Historikerbeirat ins Leben rufen. Die Planungen dazu sind weit fortgeschritten, das laut Kremser „fünf bis sechs Personen“ umfassende Gremium soll Ende November seine ehrenamtliche Arbeit aufnehmen. Vertreten sein wird darin auch Robert Streibel. Die anderen Namen wollte Kremser mit Verweis darauf, dass noch das grüne Licht des Gemeinderats fehlt, nicht verraten.

Beschäftigen soll sich der Historikerbeirat mit belasteten Straßennamen, aber auch dem Ehrenbürgerverzeichnis. Bezogen auf die Arbeitsweise erwartet sich Kremser, dass Empfehlungen an den Gemeinderat abgegeben werden, der dann eine „fundierte Entscheidungsgrundlage“ hat. Eine dieser Empfehlungen hat Streibel schon jetzt. Die Maria-Grengg-Gasse in Stein würde er gerne zur Judith-Sachs-Gasse machen. Grengg, 1888 in Stein geboren, war eine Kinderbuchautorin und sympathisierte offen mit Adolf Hitler. Sachs war eines der jüngsten jüdischen Todesopfer aus Krems in der Zeit des Nationalsozialismus. „Das wäre ein schönes Zeichen“, sagt Streibel.