Krems entdeckt die Schutzzone. Baudirektor Weitzer prüft Möglichkeiten. Für die Schillerstraße könnte das zu spät kommen.

Von Franz Aschauer und Martin Kalchhauser. Erstellt am 07. Februar 2020 (06:19)

Einmal ganz abgesehen von der Landesgalerie: 2019 war für Krems das Jahr der umstrittenen Bauvorhaben. Die Debatte um die Bauklassenerhöhung auf dem Wachtberg oder ein Großprojekt in der Gaswerkgasse brachte die Menschen sogar auf die Straße.

Bauwerber haben in der Denkmalschutzstadt Krems definitiv kein leichtes Leben. Die Motivation, in der Kulturmetropole und Heimat tausender Studenten zu bauen, bremst das nicht. Parallel zu den Bemühungen, Neues zu schaffen, wächst in der Bevölkerung die Sorge um den ausgiebig vorhandenen historischen Baubestand. Eine Entwicklung, die nun ihren vorläufigen Höhepunkt fand und die Politik zum Handeln zwang.

„Die Mitarbeiter des Bauamtes sind nicht in der Lage, die Arbeit des Gestaltungsbeirats zu übernehmen.“Vizebürgermeister Erwin Krammer (ÖVP)

Die Schutzzone ist als Möglichkeit für Gebäude und Straßenzüge entdeckt worden, die nicht unter den Denkmalschutz fallen. Sie einzurichten, liegt im Wirkungsbereich der Stadt. Eine dementsprechende Ergänzung im Bebauungsplan würde einen „baukünstlerisch oder historisch erhaltungswürdigen Baubestand“ schützen, wie es wortwörtlich im Raumordnungsgesetz heißt.

Der Plan, zwei rund 150 Jahre alte Häuser in der Schillerstraße abzureißen und an ihrer Stelle Eigentumswohnungen zu errichten (die NÖN berichtete), brachte den Stein ins Rollen. Bürgermeister Reinhard Resch trug Baudirektor Reinhard Weitzer per Brief auf, „in Abstimmung und unter kooperativer Einbindung des Bundesdenkmalamtes“ die Schaffung von Schutzzonen zu prüfen. Resch betont in dem Schreiben, das der NÖN vorliegt, dass Krems zu Recht „als Musterstadt des Denkmalschutzes wahrgenommen“ werde. Zugleich hätten aber verschiedene Bauprojekte in der jüngsten Zeit Diskussionen über deren rechtliche Zulässigkeit und Weltkulturerbeverträglichkeit ausgelöst.

Auch der Gemeinderat beschäftigte sich in seiner jüngsten Sitzung am vergangenen Mittwoch intensiv mit dem Thema. KLS-Gemeinderat Wolfgang Mahrer appellierte per Dringlichkeitsantrag, Gebiete mit Ensembleschutz und Schutzzonen einzurichten, „um den einzigartigen Charakter unserer Stadt zu retten“. Darunterzufallen haben auch die „Schillerstraße und Undstraße als Gesamtes“.

Ob sich das ausgeht, noch bevor die Wiener Haring Group den Abrissbescheid für ihr umstrittenes Projekt in der Schillerstraße erhält, ist allerdings unwahrscheinlich. „Eine allenfalls künftig verordnete Schutzzone“ stelle „keinen Versagenstitel für die Ausfertigung eines diesbezüglichen Bescheides dar“, teilt Weitzer auf Anfrage mit.

Der Leiter der Baudirektion ist nicht nur Overhead der strategischen Stadtentwicklung, sondern seit 2018 auch Weltkulturerbebeauftragter. Auf die Seite der Schillerstraße schlägt er sich trotzdem nicht. „Die Frage stellt sich nicht, da unsere Tätigkeit auf Basis unserer gesetzlichen und vertraglichen Grundlagen zu erfolgen hat, eine Parteilichkeit in die eine oder andere Richtung keinesfalls Platz hat und zugespitzt Amtsmissbrauch bedeuten würde.“

Gestaltungsbeirat als Sündenbock

Einen Sündenbock für die Bedrohung historischer Gebäude durch Bauträger hat die Opposition übrigens in den eigenen Reihen gefunden. Der Gestaltungsbeirat der Stadt, dessen Mitglieder mit den Stimmen von SPÖ und ÖVP neu bestellt wurde, quäle die Privaten und bevorzuge die Großen, so etwa der Tenor der FPÖ. „Die 120.000 Euro, die für den Gestaltungsbeirat in drei Jahren aufgewendet werden, wären in die Erstellung eines Schutzplanes besser investiert“, sagt Mandatar Christoph Hofbauer.

ProKrems-Abgeordneter Robert Simlinger glaubt überhaupt, dass das Bauamt die Aufgaben des Gestaltungsbeirats ebenso gut umsetzen könne. Eine Meinung, die ÖVP-Vizebürgermeister Erwin Krammer nicht teilt. „Die Mitarbeiter des Bauamtes sind weder von der Ausbildung noch von der Kapazität in der Lage, die Arbeit des Gestaltungsbeirats zu übernehmen.“

Der Gestaltungsbeirat wurde 1993 für die Beurteilung besonders stadtbildwirksamer Bauvorhaben eingerichtet. Die Mitglieder werden alle drei Jahre vom Gemeinderat nominiert. Für die kommende Periode gehören ihm die Architekten Gerhard Lindner aus Baden, Susanne Wagner aus Wien und Johannes Kisling aus Horn an.