Boom bei Grippeimpfstoff auch im Bezirk Krems. Kremser Apotheker und Ärzte beobachten deutlich erhöhte Nachfrage nach Impfstoff und rechnen mit harten Engpässen. Coronavirus sorgt indirekt für besseres Impfbewusstsein.

Von Johannes Mayerhofer. Erstellt am 23. September 2020 (05:37)
„Rechne mit Ansturm“: Hans Kratzwald erwartet ein „G‘riss“ um den Grippeimpfstoff, wenn dieser Ende September eintrifft.
Martin Kalchhauser

In der Apotheke in der Kremser Mitterau geht es drunter und drüber – zumindest, wenn es um den Grippeimpfstoff geht. „Wir haben dreimal so viele Anfragen im Vergleich zu den vergangenen Jahren. So eine extreme Situation haben wir beim Grippeimpfstoff noch nie erlebt“, berichtet Apotheken-Chefin Susanne Gauster. „Ein Nebeneffekt des Coronavirus ist, dass das Thema Impfen nun wieder stärker ins Bewusstsein gerückt ist“, so Gauster.

Die Durchimpfungsrate bei der Grippe liegt hierzulande bei gerade einmal 10 Prozent. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent als notwendig an, um effektive Herdenimmunität gewährleisten zu können. Jährlich sterben über 1.000 Österreicher an der „gewöhnlichen“ Grippe.

„Impfstoff schlichtweg nicht mehr verfügbar“

Dass das Coronavirus die blamable Durchimpfungsrate tatsächlich deutlich in die Höhe bringen wird, bezweifelt Gauster: „Es gibt zwar mehr Nachfrage, der Impfstoff ist aber schlichtweg nicht vorhanden.“ Sogar bereits zugesagte Bestellungen wird die Apotheke Mitterau „vermutlich gar nicht bekommen.“ Genaueres wird erst Ende September feststehen. In weiterer Folge nehme Gauster ihrerseits keine Impfstoffbestellungen von Kunden mehr entgegen. Man könne niemandem etwas garantieren.

„Mich nervt, dass die Bevölkerung von allen Seiten zur Grippeimpfung aufgerufen wird, aber am Impfstoff mangelt es hinten und vorne“, zeigt sich Gauster verärgert. Ihr täten vor allem jene leid, die sich schon seit Jahren gegen die Grippe impfen lassen und heuer wohl erstmals seit Langem „durch die Finger schauen werden“.

Angebot ist sehr schwer Nachfrage anzupassen

Gauster möchte den Herstellerfirmen nicht den Schwarzen Peter zuschieben. „Die produzieren natürlich immer nur nach der gewohnten Nachfrage. Das Angebot auf so kurzfristige Nachfrageschübe anzupassen, ist für sie schwer möglich. Es gab auch schon Jahre, da musste ich zahlreiche Impfdosen wegschmeißen“, so Gauster.

Auch der Langenloiser Allgemeinmediziner Matthias Skopek kennt die Problematik und erläutert: „Grippe ist nicht gleich Grippe. Das Virus hat bestimmte Proteinkomponenten, die sich laufend wandeln. Daher kann der Grippeimpfstoff des Vorjahres nicht verwendet werden.“

Gauster und Skopek teilen die Befürchtung, dass die jetzt gestiegene Nachfrage zu einer höheren Impfstoffproduktion im kommenden Jahr führen könnte. „Wenn die Nachfrage nächstes Jahr dann wieder auf normales Niveau sinkt, gibt es dann wieder einen Impfstoffüberschuss und dementsprechende Entsorgungen.“ Beide hoffen, dass die erhöhte Durchimpfungsrate länger erhalten bleibt. Einen Anstieg der Impfstoff-Anfragen gebe es laut Skopek nicht nur hinsichtlich der Grippe, sondern auch bei Pneumokokken und Keuchhusten.

Skopek hebt hervor, dass sich aufgrund der Corona-Pandemie auch die Grippeinfektionen nicht im gewöhnlichen Ausmaß abspielen werden. „Die Corona-Maßnahmen werden ja  auch bremsende Auswirkungen auf die Verbreitung der jährlichen Grippeviren haben. Hinzu kommt noch der bessere Herdenschutz, wenn sich jetzt mehr Leute gegen Grippe impfen lassen.“

„Befürchte Ansturm, sobald Impfstoff da ist“

Im Juni 2020 wurde die Grippeimpfung in das Kinderimpfprogramm aufgenommen. Für Kinder und Jugendliche ist der Eingriff künftig kostenfrei. Schulärzte wie Hans Kratzwald – er betreut aktuell das BRG Rechte Kremszeile – sehen den Schritt positiv, betont aber die Zielgenauigkeit solcher Maßnahmen.

„Ältere Menschen sind besonders gefährdet. Es gibt medizinische Studien, die etwa die Grippeimpfung von Kindergartenkindern empfehlen, weil diese zu den wichtigsten Kontaktpersonen für ihre Großeltern zählen. Je mehr es in den Bereich von Oberstufenschülern geht, desto weniger Relevanz hat eine Grippeimpfung zumindest in dieser Hinsicht“, erklärt der Arzt. „Da viele Apotheken keine Vormerklisten führen, rechne ich mit einem Ansturm, sobald der Impfstoff Ende September eintrifft. Wer zuerst kommt, mahlt dann zuerst“, so Kratzwald zur aktuellen Situation.

Ein Abstrichtest für Grippe und Corona?

Ob das kostenfreie Angebot  zu einer höheren Zahl an Geimpften führen wird, ist fraglich. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass der finanzielle Aspekt nicht ausschlaggebend ist. „Österreich ist bei Preisen für Impfstoffe sowieso im günstigen Segment. Bei den aktuellen Verbreitungs- und Todesraten denken sich viele, dass es sie nicht treffen wird. Man sollte sich aber immer vor Augen halten, dass man selbst älter wird und dass ungeimpfte Enkelkinder ihre eigenen Großeltern anstecken könnten“, meint Kratzwald.

Eine gute Nachricht zum Schluss hat Allgemeinmediziner Skopek: „Bald sollen Abstrichtests zur Anwendung kommen, die sowohl Grippe- als auch Coronaviren feststellen können.“ Dies erspare nicht nur ihm als Arzt Arbeit. „Auch die Leute werden sich freuen, denn so angenehm ist ein solcher Abstrichtest jetzt nicht“, scherzt er.

Umfrage beendet

  • Werdet ihr euch heuer gegen Grippe impfen lassen?