Integration durch Bildung?. Die Forderung nach einer "Bildungspflicht bis 18" sorgt derzeit für hitzige Debatten. Die NÖN Krems bat Dieter Melcher, Abteilungsleiter der Beratungszone am AMS Krems, zum Gespräch.

Erstellt am 09. August 2013 (12:13)

8000 Jugendliche brechen jährlich die Schule ohne Abschluss ab, Migranten vier Mal so oft wie Nicht-Migranten. Im Integrationsbericht des Integrationsstaatssekretariates schlagen Experten nun eine Bildungspflicht bis maximal 18 Jahre vor. Treffen soll sie jene Schüler, die am Ende ihrer Schulpflicht noch keine ausreichenden Bildungskompetenzen erworben haben. Erst wer gewisse Mindeststandards in den Bereichen Lesen, Schreiben und Rechnen erfüllt, soll die Schule verlassen dürfen.

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NÖN: Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Melcher: Eine "Bildungspflicht bis 18" bildet nur einen Teilbereich des Integrationsaufwandes ab. Denn die zu integrierenden ausländischen Staatsbürger sind nicht nur Jugendliche. Und es gibt in Österreich keine "staatliche Infrastruktur" für Immigranten, die diese unterstützt.

Welche Schritte müssten Ihrer Meinung nach gesetzt werden?
Alleine die Sprache zu lernen ist ein mehrjähriger Vorgang. Zusätzliche Deutsch-Lernangebote im Kindergarten und den Pflichtschulen legen erst den Grundstock für eine gute Informations- und Wissensverarbeitung. Einen 15-Jährigen, der die Pflichtschule wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht ordentlich abschließen konnte und der nun arbeiten will, wird man zu einem weiteren Schulbesuch nicht motivieren können. Nur ein flächendeckender Ausbau des Deutschtrainings für die Jugendlichen während der normalen Pflichtschulzeit kann verhindern, dass junge Menschen wegen ihrer schlechten Sprachkenntnisse in ihrem Leben und ihrer Ausbildung diskriminiert werden.

Welche Angebote wären für erwachsene Menschen mit Mitgrationshintergrund sinnvoll?
Auch Erwachsene brauchen ausreichende sprachliche Bildungsmöglichkeiten, um sich ordentlich integrieren zu können. Die kann man nicht in die Pflichtschule schicken, um sie in den Mindeststandards zu unterrichten. Der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur wäre hier absolut zu begrüßen. Vom Arbeitsmarkt her betrachtet werden Arbeitsuchende ohne gute Deutschkenntnisse von den Betrieben nicht eingestellt. Ohne ordentliche Kommunikation kann man niemanden einschulen oder weiter- bzw- ausbilden. Die Kosten tragen die Gemeinden, die die Mindestsicherung finanzieren müssen, wenn Betriebe den Immigranten keine Arbeits- oder Ausbildungsplätze anbieten können. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es auch mehr als 300.000 Österreicher gibt, die zumindest funktionale Analphabeten sind und einfachste schriftliche Informationen nicht verstehen können. So könnte man, wenn man eine entsprechende Infrastruktur aufbaut, auch anderen hier lebenden Menschen Unterstützung anbieten.