Erwin Kirschenhofer: „Auch das Positive sehen!“. Der Kremser AMS-Chef Erwin Kirschenhofer über das Jahr 2020, aktuelle Herausforderungen am Arbeitsmarkt, Chancen für Jobsuchende und die Möglichkeit der Selbst-Motivation.

Von Martin Kalchhauser. Erstellt am 12. Februar 2021 (05:43)
Erwin Kirschenhofer vom AMS Krems
NOEN

Die NÖN traf den Kremser AMS-Leiter Erwin Kirschenhofer zum Gespräch über die aktuelle Lage.

NÖN: Vor rund elf Monaten war am Arbeitsmarkt plötzlich alles anders. Wie haben Sie das erlebt?

Kirschenhofer: Das AMS Krems war noch ganz stark mit der Bewältigung der Winterarbeitslosigkeit beschäftigt. Genau in diese Phase, in der es hinausgegangen wäre ins Frühjahr, ist mit einem Schlag die heftige Corona-Krise gekommen. Von heute auf morgen hatten wir eine Situation zu bewältigen, die es vorher noch nie gegeben hatte. Das Tolle dabei war, dass alle zusammengestanden sind.

Das Team wurde also zusammengeschweißt?

Kirschenhofer: Richtig. Wir hatten 2020 durchschnittlich um 30 Prozent mehr Arbeitslose als 2019. Für ein Team mit 35 Leuten ist das gewaltig. Allen Mitarbeitern gilt ein großes Kompliment, das war eine großartige Teamleistung. Das Bemerkenswerte war, dass es uns trotzdem gelungen ist, dass wir 4.831 Menschen wieder in Arbeit gebracht haben, ein Plus von 12,9 Prozent gegenüber 2019.

Wurden Sie ausreichend unterstützt – vom AMS NÖ einerseits, von der Politik andererseits?

Kirschenhofer: Grundsätzlich sind alle näher zusammengerückt. Wir haben immer wieder sehr gute Unterstützung bekommen und es hat ein großes Bemühen um gute Kommunikation gegeben. Was die Politik angeht, war es sehr spannend. Es sind immer wieder zeitgleich verschiedene Dinge passiert, beispielsweise bei der Kurzarbeit. Es hat Pressekonferenzen gegeben, wir haben die Information noch nicht gehabt, und die Leute haben schon danach gefragt. Das war der enormen Geschwindigkeit geschuldet.

Stichwort Kurzarbeit: Sie ist zu einer Langzeitlösung geworden. Wie lange kann sie noch dauern?

Kirschenhofer: Kurzarbeit darf nicht zu einer Dauerlösung werden. Es geht dabei um die Sicherung der Arbeitsplätze, um das Einkommen, und – was ganz besonders wichtig ist – darum, dass das Know-how in den Betrieben leibt. Derzeit läuft die Kurzarbeit bis 31. März. Es gibt Hinweise, dass sie bis Sommer verlängert werden könnte. Aber Ziel ist es, wieder in die Normalität zu kommen. Wichtig ist, dass durch die Kurzarbeit der Faden zwischen Dienstgeber und -nehmer nicht gerissen ist und so beide profitieren.

Was ist aktuell die größte Herausforderung?

Kirschenhofer: Unsere größte Herausforderung ist derzeit, die Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern. Es gilt, rasch und konsequent zu vermitteln. Wenn das nicht geht, muss man schauen, die Betroffenen durch die Qualifizierungsoffensive schulisch zu unterstützen. Pflege und Digitalisierung sowie Umwelt und Klima sind da große Themen. Beim Projekt AQUA geht es um arbeitsplatznahe Qualifizierung. Grundidee: Es gibt einen Arbeitslosen, es gibt einen Ausbildungsbetrieb, der die Qualifizierung übernimmt, und wir machen in dieser Phase die Existenzsicherung. Danach soll das dann in ein Dienstverhältnis übergehen.

Sind die Kunden genervt, ist mehr Aggressivität spürbar?

Kirschenhofer: Wir freuen uns immer wieder über positive Feedbacks. Wir haben bei den Betreuungsschienen das Persönliche stark zurückgefahren und auf andere Kontakte, etwa über e-AMS, verlegt. Aber es ist eine wachsende Ungeduld bemerkbar. Das spüre ich auch in der Kollegenschaft. Mein Rezept dagegen ist, dass wir im Hier und Jetzt bleiben. Wichtig ist, nicht mittel- und langfristig zu planen, sondern aus der aktuellen Situation das Beste zu machen. Und man muss immer auch das Positive sehen: 307 Personen konnten zum Beispiel im Jänner ihre Arbeitslosigkeit beenden.

Wie motivieren Sie sich und Ihr Team?

Kirschenhofer: Das Geheimnis ist, dass man bei allem Negativen auch Erfolge sieht. Man darf nie vergessen, dass es auch Positives gibt. Mein persönlicher Rückhalt sind Familie, Freunde und die Natur.

Die Zukunft ist ungewiss. Können Sie einen Ausblick geben?

Kirschenhofer: Wenn nicht Corona-bedingt jetzt noch ein starker Einschnitt kommt, dann sollten wir ab März und April wieder einen Rückbau der Arbeitslosigkeit haben. Gerade im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit müssen wir alle Chancen, die sich auftun, konsequent nützen. Ein weiter Ausblick ist meines Erachtens derzeit einfach nicht seriös möglich.