Auf Mithäftlinge eingestochen: 24-Jähriger vor Gericht. Wegen zweifachen Mordversuchs ist ein 24-Jähriger am Donnerstag in Krems vor einem Geschworenengericht gestanden. Dem Mann wird vorgeworfen, im August 2018 in der Justizanstalt Stein zwei Mithäftlinge mit einer selbst gebauten Stichwaffe attackiert zu haben.

Von APA Red. Erstellt am 16. Mai 2019 (10:28)
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Landesgericht Krems

Der Beschuldigte bekannte sich nicht schuldig, sein Verteidiger sprach davon, dass höchstens eine Körperverletzung "stehen bleiben könne".

Der Tatverdächtige ist in Österreich laut Anklageschrift bereits vierfach vorbestraft und verbüßt derzeit eine 21-monatige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung, Sachbeschädigung und gefährlicher Drohung in der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Bis August des Vorjahres war der Beschuldigte in der Justizanstalt Stein - so wie beide Opfer. Laut Anklageschrift ist er marokkanischer Staatsbürger, in der Hauptverhandlung gab er laut Dolmetscherin an, Tunesier zu sein.

Bereits in den Tagen vor der Tat soll es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen einem der späteren Opfer und dem 24-Jährigen gekommen sein. Laut Anklage wurde immer wieder gestritten, weil sich der Beschuldigte Tabak borgte und der Mithäftling behauptete, der 24-Jährige habe deshalb Schulden bei ihm. Verteidiger Martin Mahrer sprach davon, dass es nicht nur um Tabak, sondern "sehr wohl um Schulden aus Suchtgiftgeschäften" gegangen sei.

Die Einvernahme des Tunesiers, die teilweise von einer Dolmetscherin übersetzt wurde, gestaltete sich aufgrund der Sprachbarriere schwierig. Der Beschuldigte berichtete ausführlich über die Auseinandersetzung mit den beiden späteren Opfern - zwei Tschetschenen - am 9. August. Das Duo hätte von ihm und einem Mithäftling mittags 70 Euro Schutzgeld verlangt, zudem sei er geschlagen worden. "Ich habe gesagt: Bitte ich kann nicht zahlen. Aber wenn ich zahlen muss, zahle ich. Für mich ist das besser, als dass ich jeden Tag geschlagen werde", sagte der Angeklagte in gebrochenem Deutsch aus.

Am Nachmittag ging er nach eigenen Angaben in die Zelle der beiden Kontrahenten - auch ein weiterer Häftling sei anwesend gewesen. Um sich gegebenenfalls wehren zu können, habe er das Brotmesser mitgenommen, sagte der Beschuldigte. Im Haftraum sei er von den beiden Männern, mit denen er am Vormittag gestritten hatte, angegriffen worden. "Ich habe mich erinnert, dass ich ein Messer mithabe. Damit habe ich einfach so herumgefuchtelt und einen von ihnen verletzt", räumte der Angeklagte ein.

Danach seien alle drei neben ihm in der Zelle anwesenden Häftlinge auf ihn losgegangen. Im Zuge dessen habe er auch das zweite Opfer "mit dem Messer berührt". Einmal habe er während der Auseinandersetzung gesagt: "Ich bringe dich um - das habe ich aber nicht so gemeint."

Am Nachmittag desselben Tages soll der 24-Jährige jenen Haftraum gestürmt haben, in dem sich die beiden späteren Opfer und zwei weitere Häftlinge befanden. Mit dem laut Anklage selbst gebauten Messer - ein Griff und eine Stanley-Messerklinge mit einer Länge von vier bis fünf Zentimetern - soll er auf seinen Kontrahenten mehrmals eingestochen haben. Der Mann erlitt Kopf-, Hals- und Bauchverletzungen. Während der Attacke soll der Beschuldigte mehrmals "ich bringe dich um!" geschrien haben. Ein zweiter Häftling kam dem Opfer zu Hilfe und wollte den Angreifer wegzerren. Daraufhin soll der Verdächtige auch ihm mehrmals in den Kopf und den Halsbereich gestochen haben.

Laut dem 32-jährigen Opfer, gleichzeitig Hauptbelastungszeuge, habe der vom Angeklagten verwendete Gegenstand "so wie ein Brotmesser ausgesehen". Ähnlich wurde das Tatwerkzeug vom 21-Jährigen beschrieben, der Tschetschene sprach von einer Art Streichmesser. "Ich dachte am Anfang, dass es ein Stanley-Messer ist, später bin ich aber daraufgekommen, dass es ein normales Messer war", sagte das zweite Opfer.

Der medizinische Gutachter Wolfgang Denk widersprach der Version der beiden Tschetschenen allerdings. Aufgrund der Verletzungen der beiden sei darauf zu schließen, dass es sich "um ein Tatwerkzeug mit spitz zulaufender Klinge" gehandelt habe, von einem "Haushaltsmesser" sei daher nicht auszugehen.

Der Beschuldigte soll die Attacke erst beendet haben, nachdem ihm das erste Opfer mit einem Sessel aus dem Haftraum auf den Rücken geschlagen hatte. Die im Raum Verbliebenen alarmierten laut Anklage die Justizwache.

Die Justizwachebeamtin, die während des Vorfalls in dem Zellentrakt Dienst hatte, gab an, den Vorfall nicht beobachtet zu haben. Die Kriminalpolizei habe danach im Haftraum nach der Tatwaffe gesucht, diese aber nicht gefunden. "Kommt es öfters vor, dass solche Sachen in einer Justizanstalt verschwinden?", fragte eine Laienrichterin. "Ja, oftmals wird sowas zum Beispiel eingewickelt und die Toilette hinunter gespült", antwortete die Beamtin. In eine ähnliche Kerbe schlug ein als Zeuge einvernommener Häftling. "Ich glaube, dass er das Messer mitgenommen und weggeschmissen hat", sagte er in Richtung des Beschuldigten.

Die Staatsanwältin bedauerte in ihrem Schlussvortrag, dass "die Opfer nicht restlos zur Wahrheitsfindung bemüht" waren. Dennoch solle man den Sachverhalt nicht kleinreden, vor allem der 32-Jährige habe beim Vorfall "um sein Leben gefürchtet". Verteidiger Martin Mahrer sprach davon dass "relativ wenig passiert ist, nicht einmal eine Wunde musste laut Sachverständigem genäht werden". Er plädierte auf Notwehr.

Den Geschworenen wurden drei Haupt-, zwei Zusatz- und zwölf Eventualfragen gestellt. Die Beratungen starteten gegen 16.30 Uhr. Ein Urteil wurde für die Abendstunden erwartet.