Vize Erwin Krammer: „Habe es nicht bereut!“. ÖVP-Politiker verlässt nach 24 Jahren die politische Bühne. Ein NÖN-Gespräch über den Zeitpunkt seines Rückzugs, eine Bilanz der Arbeit für Krems und die persönliche Zukunft.

Von Martin Kalchhauser. Erstellt am 05. Mai 2021 (05:11)
Erwin Krammer vor in voller Blüte stehenden Birnbäumen: Bald hat er mehr Zeit für seinen geliebten Garten im Alauntal.
Martin Kalchhauser

Der Kremser ÖVP-Vizebürgermeister Erwin Krammer (66) erklärte seinen Rücktritt mit 15. Mai. Die NÖN bat ihn zum Abschiedsinterview.

NÖN: Ihr Rückzug noch vor der Wahl 2022 war angekündigt. Warum haben Sie sich jetzt entschieden, Ihr Amt zurückzulegen?

Erwin Krammer: Es ist schon seit längerer Zeit in mir gereift, dass ich bei der Wahl 2022 nicht mehr antrete. Nach fast 25 Jahren in der Kommunalpolitik ist irgendwann die Zeit dafür. Das habe ich zu Jahresbeginn in den Gremien, auch Richtung Landespartei, signalisiert. Gespräche haben sich dann im März verdichtet. Aufgrund der Argumente hat sich für mich persönlich ergeben, dass der ideale Zeitpunkt gekommen ist. Wir haben jetzt eine Zeit, die ist ruhig, in Richtung Wahl 2022 wird es unruhiger werden. Es ist eine Zeit, in der man sich zurückziehen und die Dinge übergeben kann. Es ist auch eine Chance für Nachfolger, sich zu positionieren und neu aufzustellen. Es ist unbestritten, dass die ÖVP in Krems eine Erneuerung braucht – nicht nur personell, sondern auch organisatorisch.

Sie bleiben noch bis 15. Mai im Amt. Was ist noch zu erledigen?

Ich bin in diversen Gremien, in Gesellschaften der Stadt, und ich vertrete die Stadt in vielen Dingen. Das kann man nicht einfach hinschmeißen. Übergeben sollte man das in der Funktion. Ich war nie einer, der sich davongestohlen hat.

War der Abschied eine völlig freie Entscheidung, oder gab es Druck?

Es war aufgrund der Sachargumente die beste Lösung – die beste Lösung für die ÖVP und die beste Lösung für mich persönlich. Es gab schon eine Nachdenkphase und eine Diskussion. Nach Ostern habe ich das bekannt gegeben, und da stehe ich dazu.

Ende 2020 gab es von einigen Parteifreunden heftige Kritik. Ging Ihnen das persönlich nahe?

Es wäre mir viel näher gegangen, wenn das aus der Fraktion gekommen wäre. Das ist aber nicht gewesen. Das kam natürlich aus der ÖVP, meinetwegen von Insidern, aber nicht aus meiner Fraktion. Es steht jedem zu, dass er Kritik übt, es gibt aber zum Glück auch viele Menschen, die meine Arbeit für die Stadt sehr positiv sehen.

Warum gab es für die ÖVP Krems in den vergangenen Jahren bei Wahlen Misserfolge?

Es wird nie eine Partei gewählt – es wird nur eine abgewählt, auch die ÖVP 2012. Wenn die Arbeit funktioniert und in der Stadt alles rennt, hat niemand einen Grund, dass er sagt: Ich wähle eine Partei ab. Daher ist es sehr schwierig – und das betrifft nicht nur Krems – eine regierende Partei auszuhebeln. Da tut sich der Zweite immer schwer.

Ein Kritikpunkt war, dass Sie zu „bürgermeisterfreundlich“ agiert haben. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit Reinhard Resch beschreiben?

Wir waren uns nicht immer einig. Das ist auch notwendig, sonst bräuchte man ja keine Parteienlandschaft. Aber grundsätzlich war die Zusammenarbeit sehr gut. Ich habe immer gesagt, ich bin in erster Linie Stadtpolitiker und erst in zweiter Parteipolitiker. Ich würde nie etwas machen, was meiner Heimatstadt schadet. Da bin ich mit jedem einig, der das auch will. Man überschätzt vielleicht manchmal die Parteipolitik. Wenn es wirklich um etwas geht, helfen alle zusammen. Das ist meine Überzeugung. Es gab immer wieder Dinge, wo man, auch auf meine Initiative hin, alle Parteien zusammengeholt und beraten hat. Zu meiner Überraschung und Riesenfreude gibt es da dann das politische Geplänkel nicht mehr. Wenn es um unsere Stadt geht, da helfen alle zusammen.

Auf welche Leistungen sind Sie stolz? Was ist Ihnen gelungen?

Das sind alles Projekte, die im Wirtschaftsbereich liegen. Schon als Wirtschaftsstadtrat ab 2002 habe ich begonnen, zu schauen, dass wir bei der Ansiedlung von Betrieben eine Struktur hineinbringen, um einen Mischmasch wie in manchen anderen Städten zu verhindern. Wir haben klar strukturierte Gebiete. Wir haben zum Beispiel einen Hafen, wo wir viel Geld in die Infrastruktur hin eingesteckt haben. Dort werden nur „Hafen-affine“ Betriebe angesiedelt. Wir haben einen Bereich der Biotechnologie auf den ehemaligen MAGINDAG-Gründen. Dort werden nur Biotechnologie-Betriebe angesiedelt. Da werden wir sicher keinen Supermarkt hinstellen. Dafür haben wir einen Gewerbepark Ost, wo wir gesagt haben, dort kommt der Handel hin. Dazu kommt die Struktur der Altstadt. Schon zu Beginn der 2000er-Jahre sind Initiativen über Kleinregionen entstanden, in unserem Fall die ARGE Raum Krems mit zehn Gemeinden, deren Sprecher ich bis heute bin, in denen man sich zusammengesetzt und gemeinsame Projekte überlegt hat. Die Stadt hört ja nicht an den Gemeindegrenzen auf. Herausgekommen ist der Gewerbepark Krems-Gedersdorf, wo heute rund 200 Menschen beschäftigt sind. Die Stadt hält dort 30 Prozent. Wir haben damals ein Stammkapital von 165.000 Euro eingebracht, aber durch die Kommunalsteuer schon wesentlich mehr zurückbekommen. Wir haben also sogar Gewinne. Darauf habe ich auch bei den Gesellschaften der Stadt geschaut. Wir haben auch noch acht Hektar Reserven dort. Der Kauf von Flächen war auch immer wichtig für mich. Wir haben zum Beispiel im Osten der Stadt Grund erworben, wofür ich kritisiert wurde. Aber es gäbe heute dort nicht die Baustelle des Biomassekraftwerks.

Das Stadtmarketing ist ja sozusagen „Ihr Kind“ …

Auf das Stadtmarketing bin ich besonders stolz, weil ich da als Geburtshelfer dabei war. Der Beginn war ein bisserl holprig, aber ich bin froh, dass wir den Horst Berger gefunden haben. Auch beim Tourismus ist es holprig gegangen, und es läuft jetzt rund. Die einzige Kritik, die beim Stadtmarketing gerechtfertigt wäre: Es hätte früher kommen können. Aber es hat gedauert, bis ich meine Kollegen zum einstimmigen Beschluss im Gemeinderat überzeugen konnte.

Wer wird Ihr Nachfolger? Gibt es einen „Wunschkandidaten“?

Es gibt von mir keinen Wunschkandidaten und mehrere Möglichkeiten. Am 26. Mai werden im Gemeinderat das neue Stadtsenatsmitglied und der neue Vizebürgermeister gewählt. Da gibt es ein paar Kandidaten im Hintergrund. Ich habe großes Vertrauen, dass eine gute Entscheidung fällt.

Kommt Doris Berger-Grabner?

Es gibt mehrere Möglichkeiten …

Könnten Sie das Rad der Zeit 25 Jahre zurückdrehen: Würden Sie wieder in die Politik gehen?

Eine solche Entscheidung beeinflusst das Leben ungemein. 1997 war ich auf einem „Kampfplatz“ und bin aufgrund eines guten Wahlergebnisses in den Gemeinderat gekommen. Damals hatte ich nicht geplant, dass ich 2002 Stadtrat und 2017 Vizebürgermeister werde. Die Summe aller Erfahrungen – positive, enttäuschende und belastende – gibt es nicht. Meine Familie hat meine Arbeit sicher viel Zeit gekostet. Ich habe aber viel zurückbekommen, miterleben dürfen, wie gut sich die Stadt entwickelt hat, durfte viele Kremser und viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen. Im Nachhinein betrachtet: Zum damaligen Zeitpunkt würde ich wieder Ja sagen. Ich weiß nicht, ob ich jetzt Ja sagen würde. Ich würde jedenfalls sagen, ich habe es nicht bereut.

Demnächst im Ruhestand: Was kommt jetzt, worauf freuen Sie sich am meisten?

Es gibt für mich noch keinen Ruhestand. Ich nehme meinen Abschied aus der Politik, werde aber mit meiner Firma noch weiterarbeiten. Wir haben unter anderem einige Großaufträge im Laufen. Auch in den Fachvertretungen auf Bundes- und Landesebene werde ich noch weitermachen. Aber ich werde hoffentlich mehr Zeit für meine Familie haben. Und auch für meine Hobbys, etwa meine Kakteensammlung, das Skitourengehen und generell ein wenig mehr Sport.