Rechtsanwalt als Imker. Wahl-Krumauer Ernst Brandl war als Jurist mehrmals bei der Aufarbeitung von Banken-Skandalen im Einsatz. Nun widmet er sich Bienenzuchtprojekt.

Von Gerald Mayerhofer. Erstellt am 12. November 2020 (05:21)
Bienen Symbolbild
Die Biene steht nun auf der Liste: Seit dem neuen Jahr tritt die Novelle der Registrierungsverordnung in Kraft.
shutterstock.com/darios

Rechtsanwalt Ernst Brandl hat mit seinem pragmatischen Zugang zur teilweise überbordenden Regulatorik des Banken- und Versicherungsmarkts schon mehrmals auf sich aufmerksam gemacht.

Er hat ursprünglich Musik studiert, schließlich aber im Jus-Studium seine Erfüllung gefunden. In seinem Lebenslauf sind auch ein postgraduales Studium an der Universität von Chicago und an der Harvard-Universität zu finden. Brandl war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Verfassungsgerichtshof und Jurist bei der Bundeswertpapieraufsicht.

440_0008_7959899_kre44portrait_ernst_brandl_gfo.jpg
Der Jurist Ernst Brandl war in seiner Karriere bei einigen interessanten Rechtsfällen im Einsatz: darunter bei den Banken-Skandalen rund um die Hypo-Alpe-Adria oder zuletzt bei der Commerzialbank. Nun widmet sich der Wahl-Krumauer der nachhaltigen Bienenzucht und dem Miëlo-Diversitätsprojekt.
Julie Brass

Im Jahr 2000 gründete er mit Thomas Talos die Rechtsanwaltskanzlei Brandl & Talos, die mittlerweile rund 70 Mitarbeiter hat. Heuer im Frühjahr zog sich der Jurist aus dem Management der Kanzlei zurück, um sich unter anderem in seiner Wahl-Heimat Krumau seinem nachhaltigen Bienenprojekt zu widmen. Die NÖN hat Ernst Brandl dazu zum Interview gebeten.

NÖN: Sie haben mit Ihrer Kanzlei als Jurist fast ausschließlich Banken und Versicherungen vertreten. Was hat Sie vor rund 20 Jahren nach Ihrem Dienst bei der Bundeswertpapieraufsicht bewogen, die Seiten zu wechseln?

Ernst Brandl: Meine Erwartung, bei der Behörde zu lernen, wurde in vielfacher Hinsicht übertroffen. Sowohl zwischenmenschlich als auch fachlich. Gerade die richtige Ergänzung meiner Ausbildung, um mit Thomas Talos eine auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierte Kanzlei zu gründen.

Was waren die für Sie herausforderndsten Fälle, die Sie begleiten durften?

Brandl: Zu den besonderen Fällen zählen sicher die Vertretung der Depotbank im Auer-Welsbach-Komplex, die Beratung von Geschädigten im Hypo-Alpe-Adria-Skandal und jetzt auch die Vertretung von Sparern der Commerzialbank Mattersburg gegen die Republik und das Land Burgenland.

Apropos Commerzialbank: Wie ist Ihre Sicht auf die Dinge – hat die Aufsicht bei der Kontrolle der Bank versagt? Unterliegen größere Banken strengeren Kontrollen als kleine Institute?

Brandl: Ich halte es für unfassbar, dass die Finanzmarktaufsicht (FMA), das Land Burgenland als Genossenschaftsrevisor und die Wirtschaftsprüfer von den Machenschaften in der Bank nichts gemerkt haben. Es bestätigt meinen Eindruck aus ganz vielen Verfahren, dass der Prüfungsfokus der FMA mehr auf das Abarbeiten von Checklisten als auf das kritisch-inhaltliche Mitdenken gerichtet ist. Das Land Burgenland als Genossenschaftsrevisor hat überhaupt den Bock zum Gärtner gemacht und den Wirtschaftsprüfer sich selbst überprüfen lassen. Es muss dem Land und der Aufsicht schon nach einem einfachen Vergleich der von der Commerzialbank bezahlten, sehr hohen Sparzinsen mit dem Zinssatz, den andere Banken bezahlt haben, aufgefallen sein, dass da etwas nicht stimmen kann. Da brauche ich gar keinen unterschiedlichen Prüfungsmaßstab zwischen großen und kleinen Banken bemühen.

Was hat Sie nach mehr als 20 Jahren bewogen, sich als Geschäftsführer aus der Kanzlei zurückzuziehen?

Brandl: Auch in Zukunft stehe ich unseren Mandanten als Rechtsanwalt und der Kanzlei als Berater zur Verfügung. Ich wollte mich aber nicht mehr um das Management kümmern und unseren jungen Anwälten beim weiteren Ausbau der Kanzlei nicht im Weg stehen.

Wie lange leben Sie schon in Krumau am Kamp? Was verbindet Sie mit der Waldviertler Gemeinde?

Brandl: Ich war in meiner Kindheit immer wieder im Waldviertel auf Urlaub und bin seither ein Fan dieser Gegend. Deshalb haben hier meine Frau und ich einen Bauernhof revitalisiert und freuen uns jeden Tag darüber, dass wir ein so schönes Fleckerl Erde gefunden haben. Wir haben hier viele Freundschaften geknüpft. Trotz der geringen Größe hat Krumau eine funktionierende Infrastruktur und ein aktives Vereinsleben.

Wie sind Sie zur Imkerei gekommen?

Brandl: Ich habe mich immer wieder mit Krumauern unterhalten, die mir erzählt haben, dass man noch vor 30 Jahren über Rebhühner und Fasane, Igel und Maulwürfe geradezu gestolpert sei. Und im Lauf der Zeit seien fast alle diese Lebewesen verschwunden. Gemeinsam haben diese Tiere, dass sie sich von Insekten ernähren. Die Wissenschaft bestätigt diese Beobachtung: Die Artenvielfalt, das ökologische Gleichgewicht, die Zukunft der Natur und damit auch unserer Ernährung stehen auf dem Spiel! Als ich 2008 begonnen habe, mich mit Bienenhaltung zu beschäftigen, hat mich das betroffen gemacht.

Was machen Sie, um dieses Ziel zu erreichen?

Brandl: Wir haben möglichst große zusammenhängende Flächen in Krumau und in Traismauer geschaffen, auf denen keine Pestizide verwendet werden dürfen. Den benachbarten Bauern ersetzen wir den „Schaden“, den sie durch den Minderertrag bei Verzicht auf die Pflanzengifte erleiden. Unseren auf 100 Völker angewachsenen Bienen- und Wildinsekten-Beständen stehen rund 100 Hektar nachhaltig bewirtschaftete Äcker zur Verfügung, um unbelasteten Nektar und Pollen zu finden und sich zu vermehren. Die Dimension ist groß: Im Sommer sind bis zu fünf Millionen Bienen auf unbelasteten Flächen in der Größe von 143 Fußballfeldern unterwegs. Seit 2014 haben wir rund 1.500 Obst-, Linden- und Ahornbäume gepflanzt, die ebenfalls Nahrung für Insekten und Tiere bieten. Finanziert wird das Projekt aus dem Verkauf des Honigs, des gemeinsam mit BrauSchneider (Schiltern) kreierten Honigbiers und des Mineralwassergetränks „Switchel“, das mit Vöslauer entwickelt wurde.

Sollte ein NÖN-Leser Honig aus dem Hause Brandl erwerben wollen, wohin wendet er sich?

Brandl: Wer das Miëlo-Diversitätsprojekt unterstützen will, kann sich auf unserer Homepage www.mielo.eu informieren und gerne bestellen. Der Großteil des Ertrags wird in den Ausbau des Projekts investiert.