Zweite Chance für Lebensmittel in der Region Krems. Sozialmärkte und Tafeln erhalten tonnenweise Spenden. Bewusstsein für Wert von Lebensmitteln im Kommen?

Von Johannes Mayerhofer. Erstellt am 16. Juni 2021 (05:13)

 Gudrun Amesser kümmert sich um den Gebäckverkauf, um die Gemüseabteilung, auch um das Kühlregal. Ihre helfende Hände packen im Sozialmarkt am Kremser Bahnhofsplatz fleißig mit an. „Ich arbeite hier ehrenamtlich“, erklärt sie.

Neben dem psychosozialen und integrativen Nutzen leistet der SOMA auch einen kleinen Beitrag gegen die systematische und massenhafte Verschwendung von Lebensmitteln. „Auch beim eigenen privaten Einkauf schaue ich oft auf die preisreduzierte Ware. Dass es noch immer so viele Menschen gibt, die sich von einem knappen Mindesthaltbarkeitsdatum abschrecken lassen, finde ich seltsam.“

Die Produktmengen, welche SOMA durch Spenden von Bauern, Großhandel, Bäckereien und Co erhält, sind erheblich: 2019 handelte es sich um 127, 2020 um 120 Tonnen. Bis Mai 2021 sammelte SOMA 41,6 Tonnen.

„Wir sind keine Müllentsorgung“

„Der Gedanke, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, spielte bei SOMA von Beginn an eine wichtige Rolle“, betont Projektleiterin Claudia Psota. Sie stellt aber auch klar: „Wir sind keine Müllabnehmer!“ SOMA empfängt über Verträge ausschließlich Ware, die auch verkaufsfähig ist. Jedes Produkt hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum, Milchprodukte sind bei uns etwa noch zehn Tage verkaufsfähig.“ Was die Qualität der Ware und die Kooperativität der Vertragspartner angeht, berichtet Psota von durchwegs von guten Erfahrungen. „Es gibt auch einen Diskonter, der um die Weihnachtszeit durch eine Aktion dabei hilft, dass wir auch Mehl und Zucker bekommen, was normalerweise durch die sehr lange Haltbarkeit nicht der Fall ist.“

Lebensmittelverwertung im SOMA

SOMA beschränkt sich allerdings nicht nur auf den bloßen Verkauf. Immer wieder werden den Kunden auch Rezepte und Tipps nahe gelegt, mit denen sie aus Lebensmitteln – auch aus vermeintlich unbrauchbaren – noch etwas zaubern können. „Aus trockenem Gebäck machen wir zum Beispiel unsere eigenen Brösel.“

Bei gewissen Produkten wie Obst und Gemüse wurde aus Gründen der gerechten Verteilung eine Einkaufsgrenze von zwei Kilogramm festgelegt. Auch wenn Nahrungsmittel im SOMA eine „zweite Chance“ bekommen, wird hier ebenfalls nicht immer alles an den Kunden gebracht. In einem Hinterraum zeigt Psota dutzende Joghurtbecher, welche zur Entsorgung vorgesehen sind.

Tafel Langenlois versorgt 120 Personen

Auch in der Langenloiser Tafel, welche vom Roten Kreuz betreut wird, gehen große Mengen an gespendeten Produkten an Bedürftige. „12,4 Tonnen waren es 2021 bislang. An einem durchschnittlichen Samstag versorgen wir zwischen 100 und 120 Personen“, berichtet Harald Hager, der die Tafel seit Jahren betreut. Gesammelt werde bei Vertragspartnern in Langenlois und Krems.

"Die Qualität ist absolut okay"

„Lediglich bei Obst und Gemüse müssen wir manchmal aussortieren, wenn etwas schimmelt. Das passiert schnell einmal.“ Was das Ausmaß der gespendeten Ware betrifft, komme es aber immer wieder zu unvorhersehbaren Schwankungen. „Manchmal bekommen wir vom Handel zwei Kartons, manchmal auch 18.“

Beim Kremser Umweltverband hat man das Phänomen der Nahrungsmittelverschwendung genau im Blick: „Die privaten Haushalte verursachen mittlerweile etwas mehr als die Hälfte aller noch genießbaren Lebensmittel, die im Müll landen.“

Gründe dafür vielfältig

So tragen mangelhafte oder fehlende Einkaufsplanung, aber auch kurzfristige Lebensplanung, nicht sachgerechte Lagerung und Haltbarmachung sowie mangelhaftes Wissen hinsichtlich des Mindesthaltbarkeitsdatums dazu bei. Aber auch auf der Seite der Produzenten kommt es vielfach zu Lebensmittelverlusten. „In der Lebensmittelindustrie sind die wesentlichen Gründe Transportschäden, falsche Lagerung und technische Ursachen in der Produktion. Auch die interne Qualitätssicherung und Überproduktion tragen dazu bei.“

Im SOMA Krems berichtet Psota von einer denkwürdigen Unterhaltung mit einem Produzenten von Tiefkühlprodukten. „Von dem bekamen wir normalerweise Probepackungen. Beim letzten Mal musste er mir aber leider unerwartet absagen. Er hat seine Produktion stark gedrosselt, um Überangebot und letztlich Verschwendung zu vermeiden“, erklärt sie.

Dies fand sie einerseits schade, andererseits lobenswert. Sie deutet auf das Kühlregal. „Selbst was wir an Joghurts im Supermarkt finden ist ja fast absurd. Es gibt etwa 50.000 verschiedene Sorten. In meiner Kindheit hatten wir eine Sorte, das war deutlich übersichtlicher und damit war es auch einfacher, Verschwendung zu vermeiden.“