Corona: Virologe Crowther appelliert an Vernunft. John Crowther, mit Gattin seit 25 Jahren in Österreich bzw. in Idolsberg (Gemeinde Krumau) lebend, erforschte 40 Jahre lang Viren, war für IAEA weltweit im Einsatz.

Von Gerald Mayerhofer. Erstellt am 04. Dezember 2020 (05:11)
Der in der Region auch als Musiker und Maler bekannte Virologe John Richard Crowther appelliert gemeinsam mit seiner Frau Giovanna Charlotte Larson an Vernunft und Durchhaltevermögen der Menschen.
privat

Der Virologe John Richard Crowther lebt mit seiner Ehefrau Giovanna Charlotte Larson seit über zehn Jahren in Idolsberg. Vor seiner Pensionierung erforschte der gebürtige Engländer 40 Jahre lang Viren, die Erkrankungen bei Tieren und Menschen auslösen.

Ab 1995 arbeitete er für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. Während seiner Karriere lernte er die US-Amerikanerin Giovanna Charlotte Larson kennen, die er vor wenigen Jahren heiratete. Die NÖN hat beide zum Interview getroffen und zur Pandemie befragt.

NÖN: Mit welchen Viren hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere zu tun?

John Richard Crowther: Während meiner Zeit in England erforschte ich verschiedene Viren: Wir waren mit Maul- und Klauenseuche, Rinderpest, der Afrikanischen Schweinepest und vielen weiteren Seuchen konfrontiert, die auch für den Menschen gefährlich sind. Ich habe Diagnose-Techniken entwickelt und diese in meinem Buch „The ELISA Guidebook“ publiziert, das ein Bestseller wurde und nach wie vor von Fachleuten weltweit in Verwendung ist.

NÖN: Wie sah Ihr Alltag als Berufs-Virologe aus?

Crowther: Ab 1995 bereiste ich für die IAEA Labors auf der ganzen Welt, um Tierseuchen zu bekämpfen. Vor allem in den Entwicklungsländern ist es sehr wichtig, aktiv zu sein, da dort das Wohlergehen der Menschen fast vollständig vom Vieh abhängt. Ich wurde immer mit großem Respekt behandelt und habe viele Freunde gefunden.

NÖN: Wie war die Zeit der beiden Lockdowns für Sie?

Giovanna Charlotte Larson: Ich war vor dem ersten Lockdown aufgrund des Ablebens eines Familienmitglieds in den USA. Ich hatte großes Glück, mit einem der letzten Linienflüge nach Hause nach Österreich fliegen zu können. Wir gingen daraufhin sechs Wochen in Selbstisolation. Wenn man mit einem Virologen zusammenlebt, weiß man, wie wichtig es ist, Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten. Wir gehen nur bei Bedarf aus dem Haus – und um mit unseren vier Hunden spazieren zu gehen beziehungsweise um Sport zu betreiben. Mit Videotelefonie bleiben wir mit unseren weit entfernten Familien in Kontakt. Besonderen Fokus haben wir auf gesündere Ernährung gelegt.

NÖN: Wie sehen Sie den aktuellen Lauf der Coronavirus-Pandemie?

Crowther: Für mich ist der Verlauf der COVID-19-Pandemie nicht überraschend. Was mich aber frustriert und ärgert, sind die schlechten wissenschaftlichen Informationen während der Entwicklung dieser Pandemie. Das ist einerseits die Schuld der wissenschaftlichen Pressesprecher, die von der Bevölkerung nicht verstanden werden – andererseits aber auch von Politikern einiger Länder, die Fakten leugnen. Es ist schwierig, eine Prognose zu treffen. Bei Tierseuchen ist das deutlich einfacher als bei Pandemien, die den Menschen betreffen. Impfungen und gezieltes Contact-Tracing sind ein effektiver Weg, ein Virus zurückzudrängen. Bisher konnten aber nur zwei Viruserkrankungen tatsächlich ausgerottet werden: nämlich die Pocken beim Menschen und die Rinderpest bei Tieren.

NÖN: Wo stehen wir Ihrer Meinung nach mit dem Coronavirus?

Crowther: Die gute Nachricht ist, dass wir viele Impfstoffkandidaten haben. Schaffen wir es, mit der Impfung einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung zu immunisieren, können wir das zirkulierende Virus auf nahe Null drücken. Dann können wir wieder einigermaßen normal leben. Die schlechte Nachricht ist, dass Massenimpfungen ein immenser Aufwand sind und die Menschen weiterhin die Richtlinien, sich die Hände zu waschen, Abstand zu halten und Masken zu tragen, befolgen müssen. Wir brauchen eine hohe Durchimpfungsrate und müssen umfangreiche Hausaufgaben machen, um wieder aufflammende Hotspots sofort zu identifizieren. Wie wir am Beispiel der USA sehen, handeln Menschen oft nicht logisch. Viele sind nicht auf der Seite der Wissenschaft und nicht bereit, sich an Sicherheitsrichtlinien zu halten.

NÖN: Frau Larson, Sie sind US-Amerikanerin – wie sehen Sie die Entwicklung in den USA?

Larson: Es ist sehr positiv, dass ein Hauptstressor der letzten Jahre durch den Sieg von Joe Biden abgewählt wurde. Natürlich habe auch ich abgestimmt. Hoffentlich arbeiten die USA jetzt auch wieder gemeinsam international auf einen blühenden Planeten hin.

NÖN: Was möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Crowther: Es wird andere Pandemien geben, wir sollten gewarnt sein und sorgfältig planen. Es ist sehr wichtig, die Politik dazu zu bringen, prophylaktische Maßnahmen zu setzen und dafür Geld zu investieren, um vor jedem Ausbruch einer Seuche gerüstet zu sein. Viren sind in der Tat nicht lebende Wesen. Sie brauchen eine lebende Zelle, um mehr von sich selbst zu produzieren. Die Kontrolle hängt vom Menschen ab.