Ein Schnuller für den Nikolo. Heitere Anekdote von Autorin Katharina Grabner-Hayden als Vorgeschmack auf ihre Lesung am 28. November 2019 im Arkadensaal Langenlois: "Gerade zu Weihnachten sollte man genügend lachen, vielleicht vergeht dann auch der Stress."

Von Katharina Grabner-Hayden. Erstellt am 19. November 2019 (15:15)
Heiterer Abend in Langenlois mit Katharina Grabner-Hayden
zVg

Oh, ich liebe den Heiligen Nikolaus! Erhaben und würdig stand er da.

Der weiße lange Bart schmiegte sich weich auf das rot-goldbestickte Gewand, die perlenbesetzten Handschuhe griffen nach dem Bischofsstab und nach dem dicken Buch, aus dem in Kürze vorgelesen werden sollte. Vorsichtig setzte ich die Mitra auf sein Haupt und gab dem heiligen Mann noch einen kräftigen Kuss mit auf den Weg, bis sich unerwartet Karin brutal zwischen uns schob und uns aus der bezaubernden Stimmung riss: „Hast du die Liste eh nicht vergessen?“

„Welche Liste?“ fragte mein Mann mit seiner würdevoll tiefen Nikolausstimme.

„Na, die Betragensliste! Und vergiss nicht auf Sophies Schnuller! Ich bitte dich!“

Meine Freundin hatte bereits Tage zuvor meinen Mann mit sämtlichen Fehlern ihrer Kinder genervt, der Nikolaus sollte ihrer Meinung nach der Rasselbande „einmal so richtig einheizen!“

„Ach ja, die Liste! Natürlich hab ich sie!“, und schon schritt der heilige Mann in das mit Kerzen erleuchtete Wohnzimmer, indem die Kinder bereits gespannt warteten.

„Ihr macht mir große Freude, Kinder! Was steht denn da alles in meinem heiligen Buch geschrieben?“ Karin wetzte siegessicher und aufgeregt auf dem Sofa hin und her.

„Ein paar von Euch sind ja wirklich keine großen Mathematikgenies, dafür wunderbar in Turnen und Deutsch, auch Geographie und Geschichte, lese ich da, macht euch Spaß. Nur weiter so, die dummen Sinus und Cosinus Kurven versteht ja sowieso keiner.“

Karin erbleichte, wütend zischte sie durch die versteinerten Lippen: „Der Schnuller!“

„Was lese ich da weiter? Zerschossene Fensterscheiben in der Schule?  Gut, die kann man wieder reparieren. Sonst seit ihr ja echte Engel!“

Die Kinder kicherten zufrieden, nur Karin stand kurz vor einer Explosion: „Der Schnuller!“

„Ach ja, unser kleines liebes Sophiechen! Du hast ja einen ganz besonders guten Freund in deinem Mund!“

Sophie nuckelte noch fester an ihrem Schnuller und nickte ängstlich, sie ahnte Schlimmes.

„Schmeckt der wirklich so gut?“

„Mmmmmmmhhhhhhh!“ blies das kleine Mädchen aus den Mundwinkeln heraus.

„Dann darfst du ihn auch behalten!“ Sophies Augen verwandelten sich in diesem Moment zu großen leuchtenden Sternen. Karin schnappte nach Luft und fiel frustriert in die Kissen.

Gemütlich klang der vorweihnachtliche Abend aus, die Kinder naschten Lebkuchen und Schokolade aus ihren Nikolaussäcken, nur Karin sagte kein einziges Wort.

Spätabends saßen mein Mann und ich bei einem guten Gläschen Wein im Wohnzimmer und mussten herzhaft über Karins dümmliche Fehlerliste lachen, doch was sahen wir zu unserer Überraschung?

Sophiechen hatte ihren geliebten „Schnulli“ zum Adventkranz gelegt und dort „vergessen“.

Wir haben ihren Schatz natürlich aufgehoben, vielleicht braucht sie ihn irgendwann einmal.

Mehr zur Autorin und Kolumnistin Katharina Grabner-Hayden und ihren nächsten Lesungen unter www.grabner-hayden.at