Corona-Zahlen in Region Krems werden bezweifelt. Schüler und Eltern sind „Opfer“, ebenso Gemeinden und Wirtschaft. Die NÖN hörte sich um.

Von Martin Kalchhauser und Petra Vock. Erstellt am 18. November 2020 (04:47)

Die Zahl der Corona-Kranken geht weiter nach oben. Jetzt hofft alles auf den zweiten Lockdown. Es gibt aber auch Zweifel an den Zahlen und deren Handhabung.

„Unsere Zahlen haben überhaupt nicht zusammengepasst“, ärgert sich Krumaus Bürgermeister Josef Graf. Von zwei sei die Zahl auf null gesunken, die Betroffenen seien aber auch unter den Genesenen nicht aufgeschienen. „Auf der Bezirkshauptmannschaft Krems hat man mir dann erklärt, dass das sein könnte, weil jemand weggezogen ist, vom Nebenwohnsitz auf den Hauptwohnsitz gewechselt hat oder ins Spital gekommen ist.“

„Zahlen sind für uns nicht nachvollziehbar“

Ins selbe Horn stößt seine Nachbarin Ludmilla Etzenberger aus Gföhl: „Bei uns ist die Zahl explodiert, aber das ist für uns nicht nachvollziehbar, und ich will die Leute nicht verunsichern.“ Sie hegt Zweifel am korrekten Einpflegen der Daten und bekrittelt, dass sie wegen des Datenschutzes auch keine Namen bekomme.

Neben der aktuellen Überforderung aller Stellen ortet sie fehlende Kommunikation. „Wenn es wieder ruhiger wird, sollte es eine Verbesserung der Kontakte der Behörde zur Basis geben!“

Bezirkshauptfrau Elfriede Mayrhofer bestätigt, dass es auch kurzfristig Veränderungen aus den von Graf genannten Gründen geben kann. „Die Bürgermeister können sich bei uns melden!“ Dass die Bezirkssumme nicht die Summe der einzelnen Gemeinden ausmacht, ist für die Behördenchefin ebenfalls darin begründet, dass Menschen in einem Krankenhaus liegen oder außerhalb des Kremser Bezirks (Wien, …) abgesondert sein können.

Für die Schulen kommt der zweite Lockdown nicht mehr ganz so überraschend wie der erste: „Wir haben seit dem Frühling dazugelernt“, sagt Alfons Russ, Direktor der Mittelschule Krems. Lehrer und Schüler seien in Schulungen auf eine solche Situation vorbereitet worden.

Woran es allerdings nach wie vor hapert, ist die technische Ausstattung. „97 Kinder – ein Drittel meiner Schüler – würden ein Leihgerät benötigen, das es aber zurzeit noch nicht gibt“, schildert Russ. Teilweise wird das „Distance Learning“ daher auf Papier oder über die Handys abgewickelt.

Auch Gerlinde Heindl, Direktorin der Volksschulen Grafen egg-Etsdorf und Grafenegg-Haitzendorf, fühlt sich vom Lockdown nicht überrumpelt: „Wir haben damit gerechnet.“

Wie im Frühling bekommen die Volksschulkinder Aufgabenpakete mit nach Hause, welche die Eltern gestaffelt abholen. Online-Unterricht mittels Videokonferenzen würde bei Kindern dieses Alters nicht funktionieren, erklärt Heindl. „Außerdem würden die Kinder dann die Endgeräte der Eltern brauchen, die ja zum Teil selbst Home-Office machen.“

Die Bereitschaft der Eltern, den Lockdown mitzutragen, hat allerdings gegenüber dem ersten Mal spürbar nachgelassen: „Im Frühling war in Etsdorf gar kein Kind da und in Haitzendorf nur eines, diesmal sind es doch einige“, schildert Heindl. Das Angebot des Ministers, bei Betreuungsbedarf dürfe jedes Kind in die Schule kommen, werde als Freibrief missverstanden.

Ähnliches berichtet Russ: „Im Frühling haben sehr wenige Eltern die Betreuung an der Schule in Anspruch genommen, diesmal sind es deutlich mehr.“ Auch er sieht den Grund dafür in den zweideutigen Botschaften vonseiten der Politik und betont: „An und für sich sollten die Kinder zu Hause bleiben.“

Zu den Eltern, die sich zähneknirschend bemühen, genau das zu ermöglichen, zählt Andrea Kupka, die Elternvereinsobfrau der Sport- und Europamittelschule Mautern. Sie hat im Frühling zwei Wochen Urlaub aufgebraucht, um mit ihrem Sohn alle Aufgaben zu meistern. Über den neuerlichen Schul-Lockdown ist sie nicht erfreut, will aber ihr Kind auch diesmal wieder zu Hause betreuen.

„Wenn es gesundheitlich nicht anders geht, dann müssen wir halt damit leben.“ Auch für die Kinder sei das eine schwere Zeit, ist Kupka überzeugt: „Der soziale Kontakt fehlt den Kindern fix, die körperliche Betätigung auch.“ Sie hofft, dass es bei drei Wochen bleibt.

Vom neuerlichen Lockdown hart getroffen werden auch Wirtschaft und Gemeinden. „Wir müssen die Entschädigungen abwarten“, meint Wirtschaftskammer-Obmann Thomas Hagmann. „Letztlich werden wir alles in den kommenden Jahren zahlen müssen.“

Ob es beim Ende des Lockdowns mit 6. Dezember bleibt? Hagmann: „Ich hoffe es im Sinne des Weihnachtsgeschäftes.“ Hier sieht er die Gefahr, dass die Leute auf den Online-Handel ausweichen. „Wenn die Menschen daheim einkaufen, erhalten sie ihre eigenen Arbeitsplätze. Konzerne wie Amazon zahlen in Österreich keine Steuern.“ Der Unternehmer bemüht sich, optimistisch zu bleiben: „Vielleicht sind ,danach‘ alle positiver gestimmt und schätzen, was sie haben.“

Einig sind sich die Bürgermeister Reinhard Resch (Krems, SPÖ), Harald Leopold (Langenlois, ÖVP) und Christian Geppner (Wei ßen kir chen, ÖVP), dass der Lockdown „notwendig“ war.

Resch kritisiert, dass Fachexperten und Psychologen lange nicht gehört wurden. Jetzt gebe es für die Schulen mit der Sperre bei gleichzeitigem Betreuungsangebot „eine komplizierte Lösung“. Dramatisch seien die finanziellen Auswirkungen. „Wir werden 2020 Mindereinnahmen von ca. 6 Millionen Euro haben“, erwartet der Stadtchef.

Wie lange es dauern werde, bis man wieder das Niveau „vor Corona“ erreicht, „hängt von der weiteren Entwicklung ab“. Nach dem 6. Dezember erwartet Resch einen „weihnachtlichen Lockdown soft“. Gewinner werden Online-Handel und Supermärkte sein. „Das Stadtmarketing wird sich aber bemühen, mit Aktionen Anreize zu schaffen, dass die kleinen, feinen Geschäfte in Krems nicht besonders leiden.“

Sinkende Ertragsanteile vom Bund machen es für Bürgermeister Leopold „noch weniger als bisher möglich, alle Wünsche zu erfüllen. Gott sei Dank sind die gemeindeeigenen Abgaben relativ stabil, sodass notwendige Investitionen auch künftig möglich sein werden.“ Das Hochfahren nach dem Lockdown müsse behutsam passieren. „Für den Handel bin ich zuversichtlich, für Gastronomie und Hotellerie wird es aber schwierig.“

Geppner, der als Bürgermeister und Schulleiter Einblick hat, denkt, dass das Homeschooling jetzt gut funktionieren werde. In der Gemeinde fehlen die Ertragsanteile. „Bei der Erstellung des Budgets 2021 sind die Gemeinden sehr gefordert. Insgesamt kommen schwierige Zeiten auf sie zu.“

Was das Weihnachtsgeschäft betrifft, hofft der Weißenkirchner auf Geduld. „Man sollte jetzt nicht alles im Internet bestellen. Wir können unsere Briefe ans Christkind ab dem 9. Dezember abschicken. Es hat dann noch genügend Zeit, sie bei der heimischen Wirtschaft zu besorgen.“

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