Vereine profitierten von Gemeindefusion. Wie wirkte sich die Fusion vor 50 Jahren auf die Gemeinden und ihr Vereinsleben aus? Die NÖN fragte im Bezirk Krems nach.

Von Johannes Mayerhofer. Erstellt am 21. April 2021 (05:56)

Zum 50. Mal jährt sich heuer der Beschluss zur NÖ-weiten Zusammenlegung von Gemeinden. Während zunächst auf Freiwilligkeit gesetzt, und jenen Gemeinden mit weniger als 1.000 Einwohnern die Zusammenlegung mit höheren Anteilen aus dem Finanzausgleich schmackhaft gemacht wurde, kam es im NÖ-Landtag am 3. November 1971 zum Beschluss des Gesetzes zur „Verbesserung der Kommunalstruktur in Niederösterreich“.

Gemeindeverschmelzungen bedeuten in erster Linie natürlich einen lokalpolitischen Kraftakt. Doch oft haben sie nicht nur politische und verwaltungstechnische Effekte, sondern setzen auch andere Rahmenbedingungen für das zivilgesellschaftliche Leben und wirken in die Arbeit von Vereinen hinein. NÖN befragte Personen, welche die Vorgänge als Zeitzeugen und Vereinsfunktionäre miterlebten.

Feuerwehren erlebten Modernisierungsschub

Leopold Koller, 1947 in Angern geboren, zählt zu den engagiertesten Bürgern seiner Gemeinde. Schon Mitte der 1960er-Jahre trat er der örtlichen Feuerwehr bei. Später fungierte er auch als Stellvertreter, 1991 bis 2001 hatte er letztlich als Kommandant das Zepter der Angerner Florianis selbst in der Hand. Den Vergleich zwischen der damaligen Zeit – vor allem jener vor der Zusammenlegung – und der Gegenwart bringt er mit einem verschmitzten Satz auf den Punkt: „Damals gab es mehr Feuerwehrmitglieder, aber schlechtes Material, heute ist es vielerorts umgekehrt.“

Generell habe sich im Laufe der Zusammenlegung von Angern, Thallern, Hollenburg und Brunnkirchen zur Großgemeinde Hollenburg und später mit dem Beitritt zur Statutarstadt Krems vieles verändert. „Die Effizienz und die Schlagkraft der Feuerwehren hat sich deutlich erhöht“, erklärt der bald 74-Jährige. Auch auf dem Gebiet der technischen Modernisierung gab es Fortschritte. „1973 waren wir noch mit einem vom Traktor gezogenen Tragkraftspritzwagen unterwegs. Einige Jahre später, 1976, bekamen wir dann das Tanklöschfahrzeug der Stadt Krems. Das war ein Modell, welches nach den Maßgaben der Wiener Berufsfeuerwehren umgebaut wurde. Das bedeutet, dieses Fahrzeug war schon etwas Wertvolles.“ Die Idee kam vom damaligen Kremser Feuerwehrkommandanten Erwin Nowak. „Angern liegt zentral, so kann das Fahrzeug in beide Richtungen ausfahren, so war seine Überlegung“, erklärt Koller.

Auch Günter Leitzinger, bekannt als dienstältester Feuerwehrkommandant Österreichs, erinnert sich zurück. „Die Zeit der Gemeindezusammenlegung ist aus Feuerwehr-Sicht relativ ruhig verlaufen“, erklärt der 65-Jährige, der die Feuerwehr Joching von 1978 an leitete und sein Amt vergangenen Sommer niederlegte. Einige Auswirkungen gab es dennoch. So wurde im Vorfeld noch ein neues Fahrzeug angeschafft. „Das war eine rationale Überlegung, weil wir uns sagten: Schnell noch selbst ein Fahrzeug besorgen, bevor die Zusammenlegung kommt und wir möglicherweise länger auf die Genehmigung der Gelder für den Kauf warten müssen.“

Joching sei aufgrund zahlreicher Betriebe – Stichwort: Kommunalabgabe – finanziell gut aufgestellt gewesen. Hat sich die Fusion Jochings, Wösendorfs und St. Michaels mit der Gemeinde Weißenkirchen auch auf die Vernetzung und Zusammenarbeit der lokalen Feuerwehren ausgewirkt? „Die Frage der Zusammenarbeit war bei uns kein Thema, denn die war sowieso immer gegeben“, stellt Leitzinger klar. „Der drei Kilometer lange Hochwasserschutz entlang der Donau ist unsere gemeinsame Aufgabe, so etwas schweißt schon zusammen. Jede Feuerwehr hat hier ihren Kilometer zu bearbeiten, aber zur Not half und hilft man sich auch immer aus.“

Koller erzählt auch von verstärkter Aktivität der Verschönerungsvereine, welche sich im Rahmen der Großgemeinde Hollenburg unter dem gemeinsamen Dach des „Verschönerungs- und Geselligkeitsvereins Wetterkreuz“ zusammenschlossen. „Es sollten die einzelnen Orte zusammengeführt werden durch Veranstaltungen und andere Aktivitäten.“ Seit 2021 leitet Koller wieder die Geschicke des Vereines.

Zeitzeugen ziehen ein gutes Fazit

„Die junge Generation weiß oft gar nicht mehr, dass die heutigen Gemeinden nicht immer so existiert haben.“ Dieser Satz kommt Menschen, welche die NÖ-weite Gemeindezusammenlegung der frühen 70er Jahre erlebt haben, oft über die Lippen. „Als damals die Marktgemeinde Wösendorf samt St. Michael und der Dorfgemeinde Joching zu Weißenkirchen kamen, war das aber ein kontroverses Thema für viele Menschen“, erinnert sich etwa Fritz Miesbauer, von 1978 bis 1993 Bürgermeister von Weißenkirchen. Aufseiten der „Hinzugekommenen“ fürchtete man den Verlust der Eigenständigkeit und auch der lokalen Identität. Miesbauer spricht davon, dass die Leute sehr „eingefleischt“ und „zufrieden mit den kleinen Gemeinden“ waren.

Anders beschreibt Leopold Koller die Fusionierung von Hollenburg, Thallern, Brunnkirchen und seiner Heimatgemeinde Angern mit der Stadt Krems. „Das wurde auf jeden Fall von einer Mehrheit begrüßt“, so der bald 74-Jährige. Vor allem in Hollenburg sah man es als Aufwertung an, der Weinstadt Krems und der Weinregion Kremstal beizutreten. Durch die höhere Anzahl an Betrieben kassiert Krems auch mehr an Kommunalsteuer als betriebsarme Landgemeinden. Durch derartige Umverteilung konnten Angern, Hollenburg, Thallern und Brunnkirchen auch finanziell profitieren. Aber gab es keine Ängste, als Kleingemeinde gegenüber der mächtigen Stadt keine Stimme mehr zu haben? „Ich finde, dass Krems-Süd mit den Stadträten Martin Sedlmaier, Helmut Mayer und anderen gut vertreten ist.“

„Schon bald zeigten sich die positiven Effekte der Zusammenlegung mit Weißenkirchen“, erklärt Alt-Bürgermeister Miesbauer. So blühte nicht nur das Vereinsleben auf. Den Bürgern aus Joching und Wösendorf standen auch der professionell geführte Bauhof und andere wichtige Infrastruktureinheiten zur Verfügung. Miesbauer sieht aber auch Nachteile der damaligen Vorgänge. „Die einheitliche Gemeinde Weißenkirchen war und ist attraktiver für Zuzügler aus dem In- und Ausland. Wiener, Deutsche, auch Schweden. Dadurch hat sich die Mentalität und das Gemeinwesen hier schon deutlich verändert.“ Integration ist also auch im Wachauer Idyll ein Thema.

Stratzing und Droß: Vom Streit zur Kooperation

Das eine Zusammenlegung nicht für die Ewigkeit sein muss, bewiesen Stratzing und Droß. Josef Gallauner, ehemaliger Bürgermeister Stratzings, erlebte die Vereinigung und die „Scheidung“ unter anderem als ÖVP-Gemeindeparteiobmann und Vizebürgermeister. Unter dem Stratzinger Anton Harter (ÖVP) wurde die Vereinigung vollzogen. „Ein Laster war, dass die Gemeinden nichts verband. Nicht einmal gemeinsame Kirchen oder Vereine.“ Er berichtet auch von Feindseligkeiten zwischen Stratzinger und Droßer Familien. Beiderseits habe es das Gefühl gegeben, durch den „Ehepartner“ übervorteilt und belastet zu werden.

„Droß war mit seiner Wasserversorgung am Ende wegen Typhuskeimen. Harter ließ die Stratzinger und Droßer Leitungen daher verbinden. Diese neu gebaute Leitung schlug sich natürlich auf die Wasserpreise nieder. So zahlten die Stratzinger dann denselben Preis wie Droß. Das war eine Steigerung von circa zwei auf über zehn Schilling pro Kubikmeter.“ Bei den Gemeinderatswahlen 1975 wurden weitere Risse sichtbar, als zwei separate ÖVP-Listen antraten. Nachdem Harter 1981 abtrat, hätte ihm einem Beschluss nach ein Stratzinger folgen sollen. Nach langem Hin und Her wurde es aber der Droßer Josef Loidl. Der nächste Riss.

Alle Verästelungen des Konflikts dieser Zeit aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. 1993/94 kam es schließlich zur erneuten Trennung der beiden Gemeinden, nachdem 87,4 Prozent der Stratzinger und 28,8 Prozent der Droßer – insgesamt über 60 Prozent der Gemeindebevölkerung- in einem Votum beschlossen: „Es reicht!“ Der Trennungswunsch der Bürger – dem eine Wirtschaftlichkeitsprüfung vorausgegangen war – wurde mit einstimmigem Gemeinderatsbeschluss und dem Segen der damaligen NÖ Landesregierung umgesetzt.

Josef Schmid, Bürgermeister von Stratzing und Andreas Neuwirth, Bürgermeister von Droß (beide ÖVP), sind froh, dass sich die Dinge mittlerweile zum Guten entwickelt haben. „Beide Gemeinden entwickeln sich positiv, und es gibt Zusammenarbeit und Austausch unter anderem auf den Gebieten Kindergarten und Schule.“ Der Droßer Landeskindergarten wird auch von Kindern aus Stratzing besucht. Im Rahmen der gemeinsamen „Volksschulgemeinde“ befindet sich die erste und zweite Schulklasse in Stratzing, die dritte und vierte Klasse in Droß. Auch das Aus- und Herborgen von Fahrzeugen und Gerätschaften für Gemeindearbeiter der jeweils anderen Gemeinde und gegenseitige Hilfestellung beim Winterdienst seien Gang und Gäbe.

Massiver Ausbau als Egelsee zu Krems kam

Die NÖN fragte auch beim Kremser Ex-Bürgermeister und Wahl-Egelseer Franz Hölzl (ÖVP) nach, was der Beitritt zur Statutarstadt seiner Gemeinde gebracht hat. „Ein großes Projekt war die Asphaltierung der damaligen Schotterstraße im Alauntal nach Egelsee. Weiters wurde die Volksschule um einen Bewegungsraum, und das Kanalsystem um Hochwasserschutzmaßnahmen erweitert.“ Vom danach einsetzenden Bauboom waren etliche Ur-Egelseer hingegen weniger begeistert.

Umfrage beendet

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