Interview mit Martin Nuhr: Professor, ÖVPler, Kritiker. Martin Nuhr, Chef des Nuhr Medical Centers in Senftenberg, fordert die sofortige Öffnung von Gastronomie, Kultur und Sport. Die NÖN traf den Mediziner.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 04. März 2021 (05:12)
Martin Nuhr: „Die Bereiche der Gastronomie, der Hotellerie aber auch die Sportvereine und Kulturinstitutionen haben sich im letzten Jahr sehr viel mit der Pandemie auseinandergesetzt. Sie haben sich ernsthaft Gedanken gemacht, um ein sicheres Business machen zu können. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, dass die Leute die Möglichkeit haben, jetzt aufzumachen.“
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Unternehmer, Mediziner, außerordentlicher Universitätsprofessor, ÖVP-Gemeinderat. Martin Nuhr beschäftigt sich in allen seinen Funktionen mit der Corona-Pandemie und ihren Folgen. Der Chef des Nuhr Medical Centers in Senftenberg sorgte zuletzt mit einem emotionalen Facebook-Posting für Aufsehen, in dem er den fortwährenden Lockdown kritisiert. Im Gespräch mit der NÖN fordert der 50-Jährige, die geschlossenen Branchen jetzt aufzusperren.

NÖN: Sie sind gegen den Lockdown. Was wäre Ihre Lösung?

Martin Nuhr: Prinzipiell wäre einmal zu überprüfen, welche der im letzten Jahr gesetzten Maßnahmen wirklich Wirkung gezeigt haben, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Da glaube ich, dass gerade das konsequente Tragen der medizinischen Masken, der Abstand und die Händedesinfektion probate Mittel sind. Es wäre wichtig, sämtliche begleitende Maßnahmen der Hygienekonzepte umzusetzen. Viele Betriebe machen das ja bereits. Man sollte hier die Bevölkerung mehr an Bord holen und ihr zeigen, warum das so wichtig ist. Das würde eine Alternative zum Lockdown eröffnen.

Könnte man mit diesen begleitenden Maßnahmen Bereiche wie die Gastronomie oder den Sport sofort wieder öffnen?

Nuhr: Die Bereiche der Gastronomie, der Hotellerie aber auch die Sportvereine und Kulturinstitutionen haben sich im letzten Jahr sehr viel mit der Pandemie auseinandergesetzt. Sie haben sich ernsthaft Gedanken gemacht, um ein sicheres Business machen zu können. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, dass die Leute die Möglichkeit haben, jetzt aufzumachen. Sie müssen gleichzeitig aber auch dafür verantwortlich sein, dass diese Maßnahmen auch wirklich eingehalten und umgesetzt werden.

Braucht es dann scharfe Kontrollen?

Nuhr: Vollkommen richtig. Ich kann nicht ein Konzept präsentieren, das nicht eingehalten wird. Wenn wir uns anschauen, wie im dritten Lockdown das Verkehrsaufkommen auf den Straßen war oder jetzt auch nach 20 Uhr, fragt man sich, ob dieser Lockdown überhaupt eingehalten beziehungsweise ausreichend kontrolliert wird.

Wie sähen diese Kontrollen in der Praxis aus? Soll die Polizei durch die Lokale gehen und sich die Testergebnisse der Gäste vorlegen lassen?

Nuhr: Ich sehe da nicht unbedingt die Exekutive in der Verantwortung, sondern den Unternehmer selbst. Er wird ja trachten, dass er seinen Betrieb unter maximalen Sicherheitsmaßnahmen führen kann. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres für einen Unternehmer, als dass er sich mit der Situation auseinandersetzen muss, dass er einen Cluster hat.

Sie sind neben Ihrem Hauptberuf als Mediziner auch ÖVP-Gemeinderat in Senftenberg. Haben Sie eigentlich einen Rüffel für ihr kritisches Posting bekommen?

Nuhr: Ich glaube, dass die ÖVP eine Partei ist, die unterschiedliche Meinungen zulässt. Wir sind aktuell in einer Situation, wo noch keiner den Stein der Weisen gefunden hat. Somit habe ich noch von keiner Seite einen Ordnungsruf erhalten.

Wie bewerten Sie die Performance der Regierung seit Beginn der Krise?

Nuhr: Ich würde nicht gerne mit einem Politiker der Bundesregierung tauschen wollen. Denn wie man es macht, ist es nicht jedem recht getan. Es hat im ersten und auch noch im zweiten Lockdown sehr gut funktioniert. Dann gab es ein paar Sachen, die man besser machen hätte können. Wenn Impfdosen vorhanden sind, die aber nicht weggeimpft werden, dann kann man das ruhig einmal hinterfragen. Das sollte man auch beim Lockdown machen.

Rechnen Sie mit Folgeschäden durch die Pandemie auf gesundheitlicher Ebene?

Nuhr: Wir sehen, dass durch das Nicht-Angebot sportlicher Aktivität speziell für Kinder und Jugendliche, aber auch das Zusperren von Fitnesscentern, die regelmäßige Bewegung absolut ins Hintertreffen kommt. Wir werden in den nächsten Jahren Folgeprobleme haben, bedingt durch mangelnde Bewegung und Gewichtszunahme. Das verursacht Herz-Krauslauferkrankungen und Stoffwechselerkrankungen.

Wie ist Ihr Unternehmen durch die Krise gekommen?

Nuhr: Wie alle anderen selbstständigen Ambulatorien oder Krankenanstalten hatten wir im April das behördliche Betretungsverbot. Wir haben dann im Mai aber wiedereröffnen können, weil wir einen klaren Versorgungsauftrag haben. Mit den entsprechenden Hygienekonzepten sind wir an und für sich ganz gut durch die Krise gekommen. Natürlich haben wir auch immer wieder Patienten gehabt, die dann positiv getestet worden sind, es hat aber keinerlei Übertragung bei uns gegeben. Wir haben sehr viele Gäste aus dem Ausland. Das ist im letzten halben Jahr aufgrund der restriktiven Einreisebestimmungen natürlich weniger gewesen. Wir konzentrieren uns aktuell auf die Betreuung und Versorgung von Patienten aus dem Umkreis und im stationären Bereich auf Gäste aus Österreich.