Stell Dir vor, es geht das Licht aus…. Die NÖ Ärztekammer schlägt Alarm: Der ärztliche Nachwuchs fehlt, Arztpraxen am Land können schon bald nicht mehr nachbesetzt werden. Die NÖN bat Gemeindearzt und Universitätslektor Ulrich Busch zum Gespräch.

Erstellt am 02. August 2013 (11:47)
NOEN, privat
NÖN: Wie schätzen Sie die Situation in NÖ ein? Wird es in Zukunft Engpässe in der medizinischen Versorgung der Landbevölkerung geben?
Busch: Aufgrund der Alterspyramide, der mangelnden Ausbildung, sowohl universitär als auch im so genannten Turnus nach der Universität, und aufgrund der mangelnden Bereitschaft, den Facharzt für Allgemeinmedizin zu fördern, ist die Zukunft für die Land- und Hausarztmedizin düster.

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NOEN, privat
Droht auch hierzulande ein Ärztemangel?
Der Ärztemangel ist schon da, wenn man sich etwa die Spezialistenfächer - zum Beispiel Anästhesie - anschaut. Turnusstellen sind aus mehreren Gründen lange vakant: weil weniger Doctores an den Unis ausgebildet werden, weil ein Teil der Studenten aus anderen EU-Ländern - insbesondere Deutschland - nach dem Studium in Österreich das Land wieder verlässt, weil die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und in den Praxen von Bürokratie überfrachtet sind, weil die Lehre in Österreichs Spitälern keinen Stellenwert hat, weil die ausbildenden Ärzte fehlen, weil die Lehrpraxis für Allgemeinmedizin nicht gefördert wird, weil die Besoldung unter dem Gehalt von diplomiertem Personal liegt, weil die haus- und landärztliche Primärversorgung in Österreich nicht etabliert ist und weil die "Gesundheitsreform" die kleinste Einheit der medizinischen Pyramide vergessen hat: das Sprechzimmer des Haus- und Landarztes...

Ist der Beruf des Landarztes nicht mehr attraktiv genug?
Eine moderne Primärversorgung ist mit althergebrachtem Denken - also Kassenverträgen, spitals- und spezialisteninteressenslastigen Strukturen, einer Aufsplitterung in privat zu bezahlende Wahl- und öffentlich besoldete Kassenärzte, etc. -  nicht zu machen! Österreich ist trauriger unangefochtener Spitalsbetten-Weltmeister! Was fehlt ist  der Zugang zum bestens ausgebildeten Generalisten, der den Menschen mit seiner Krankheit sieht, nicht den Träger für eine Krankheit, ein Organ, ein Symptom! Ein Landarzt wird leider erst dann vermisst, wenn seine Praxis für immer geschlossen wird.

Womit haben Landärzte zu kämpfen?
Mit kassenvertraglich limitiert zementierten Öffnungszeiten, mit Wochenenddiensten im Umfang von 48 Stunden - im Sanitätssprengel Krems etwa für mehr als 24.000 Patienten in einem 18-Kilometer-Radius. Mit dem überzogenen Rund-um-die-Uhr-Ereichbarkeitsbegehren, das man als "Einzelkämpfer" nicht erfüllen kann. Ebenso wenig können mit dem heutigen Leistungskatalog - aus der Nazi-Zeit - moderner technischer Aufwand, Personalkosten, Mieten, Gebäude- und Energiekosten am Land bestritten werden. Weitere Reizworte: "Basel III". "Qualitätssicherung" - gefordert wird etwa warmes Wasser im Patienten-WC. "Hygienerichtlinien", die OP-Standards für Hausarztpraxen vorsehen. Die sogenannte "Nadelstichverordnung" der EU. Oder die "Medizinprodukteverordnung", die ein jährliches Eichen von Patientenwaagen, Thermometern usw. vorsieht. Das "ELGA"-Verzeichnis ab 2014 - ohne Kostenschätzung! Dazu kommen stetig wachsende EDV- und Telekom-Leitungskosten und die kalte betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise der Kassen: Kostenfaktor Arzt, Kostenstelle Patient! Sinnvolle Vernetzungen mit anderen Berufsgruppen scheitern einmal mehr am Florianiprinzip und Kantönligeist der gesetzlichen Berufsvertretungen, Kammern, Gewerkschaften und an antiquierten gesetzlichen Rahmenbedingungen .

Österreich ist europaweit das einzige Land
ohne Lehrpraxis für Allgemeinmedizin!

Bedenklich: Den Krankenhäusern fehlen billige Arbeitskräfte, die “Spritzenferdl”, also wird 2013 der “Turnus” flugs um ein Jahr verlängert! Die Aufwertung des Fachs "Allgemeinmedizin" zu einer höherwertigen Ausbildung zum "Generalisten für Haus- und Familienmedizin" wurde 2013 von den Parteien - rot, schwarz, grün -, vom Bund, den Landeskaisern und durch die "Reform" von Herrn Minister Stöger auf lange Sicht begraben!
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NOEN, privat
Die hohe Politik denkt in Betonkubikmetern und nicht in kleinen, vernetzten, intelligenten, menschlichen Strukturen, die es vermögen, selbstständig und wohnortnah die kranken  Menschen besser und effizienter zu betreuen und in den Familien zu behandeln. Seit 40 Jahren spricht jede Regierung von der Aufwertung der Primärmedizin beim Haus- und Landarzt: Geschehen ist bis dato “ned amoi nix”. Die Kosten für die moderne Medizin steigen weiter, die Einkommen der meisten Patienten sinken. Die Patienten werden älter, mit gleich mehreren belastenden, langwierigen Krankheiten. Die Behandlungen werden komplexer, zeitintensiver, doch das kümmert weder Kassen noch Hauptverband, noch Politik oder die zuständigen Ministerien. Die ausufernde Bürokratie nimmt keine Rücksicht auf die notwendigen Voraussetzungen für eine moderne, flexible, zeitgemäße Haus-, Land- oder Stadtmedizin.

Wo sehen Sie Lösungswege?
Die erforderlichen Konzepte sind weltweit seit Jahrzehnten bekannt. Die Politiker, Interessensvertreter und die Kassen wollen aber keine moderne Medizin in kleinen Einheiten. Ein Spital macht jedoch keine Hausbesuche! Die verantwortlichen Politiker suchen ihr Heil in der Privatisierung - auf Kosten all der Menschen, die alt, krank, wehrlos, weit ab am Land oder in den Zinshäusern zurückgeblieben, zurückgelassen, eingeschlossen worden sind.

Greissler weg, Postler weg, Pfarrer weg,
Polizisten weg, Haus- und Landarzt weg?

Ohne die Keimzelle der Medizin ins Zentrum zu setzen, das Sprechzimmer des Haus- und Landarztes, ist jede „Gesundheitsreform“ mangels Tiefgang zum Scheitern verurteilt!

Wie könnte eine vernünftige Gesundheitsreform ausschauen?
Sinnvoll wären eine breite Erweiterung des allgemeinmedizinischen Leistungsspektrums und die Aufstellung von Primär-Gesundheitsteams vor Ort - je nach lokaler, gemeinsam mit der Bevölkerung durchgeführter Bedarfserhebung. Ausgestattet mit allem, was auch immer vor Ort gebraucht wird - von diplomiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal über medizinisch-technischen Assistenten und medizinische Task-Forces für die Hauskrankenpflege bis hin zu Diätassistenten, Hebammen, Fitnesstrainern, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern. Weitere Punkte: die Ausbildung und Lehre in der Allgemeinpraxis, Patientenapotheken für alle Teams, durchaus auch mit Beteiligung von pharmazeutischem Personal, Patienten-Listen mit maximal 800 Patienten pro Arzt, mehrere arbeitsteilig simultan arbeitende Ärzte in einem - mit öffentlich verwaltetem Budget und technisch bestens ausgestatteten -  Teamstützpunkt vor Ort - im Verbund mit Fachärzten und Bettenstationen.

Es sollten finanzielle Anreize für Patienten geboten werden, so diese zuerst zum Haus- und Landarzt-Team kommen und ihre notwendigen Check-Ups einhalten. Weitere Reform-Schritte wären die Abschaffung der Chefarztpflicht, ein Stopp des freien, unkontrollierten Ambulanz- und  Krankenhaus-Zugangs und eine Befreiung der Spezialisten von Fremdproblemen.

Stopp dem Slogan: Mit der e-Card in der Hand, kommst du ins ganze Medizinerland. Also auch mit Schnupfen ins Uni-Spital?

Notwendig wäre die Verzahnung aller Beteiligten in Aus- und Fortbildung sowie Kommunikation zum Wohl des Patienten! Ziele müssen die Hebung der Patientenzufriedenheit, der Patientensicherheit sein, die Minimierung der Gefahren der modernen Medizin für alle Beteiligten, familienfreundliche Verträge für Ärzte für menschlichere Zuwendungsmedizin und Zeit für Behandlung statt Fließbandabfertigung á la Gebietskrankenkassenvertrag! Wir brauchen gesunde Ärzte für die Gesundheitsarbeit! Ein sofortiger radikaler und nachhaltiger Abbau der Kassenbürokratie ist erforderlich. Die Gesundheitsversorgung muss sich an den Weltbesten orientieren, nicht an der Barfußmedizin des Mittelalters! Auf der Welt gibt es viele erfolgreiche Beispiele für solch ein mutiges Unterfangen. Dieses Ziel kann in fünf Jahren erreicht werden! Kosteneffizient und menschlich für alle.

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