Hruschka: „Gibt keine Piazza in Krems“. Thomas Hruschka will Piazzas mediterranen Stils etablieren. Die NÖN sprach mit dem Visionär, der mutige Politiker braucht.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 19. März 2020 (05:53)
In Italien sind lebendige, autofreie Plätze wie die Piazza dei Signori in Padua (Hintergrund) gang und gäbe. Thomas Hruschka (rechts eingeklinkt) präsentierte sein Projekt auf der Zukunftskonferenz und erhielt dafür viel Beifall. Fotos: NOEN (Hruschka) bzw. Shutterstock/Catarina Belova
NOEN (Hruschka) bzw. Shutterstock/Catarina Belova

Sein Vortrag dauerte nicht einmal zehn Minuten, und doch erntete er wohl den größten Applaus aller Referierenden.

Thomas Hruschka präsentierte sein Projekt auf der Zukunftskonferenz und erhielt dafür viel Beifall.
NOEN

Der 59-jährige Kremser Thomas Hruschka begeisterte das Publikum bei der Zukunftskonferenz Ende Februar mit seiner Vision einer Stadt Krems, deren Plätze nicht mehr wie heute lediglich eine Abstellfunktion für Autos haben, sondern die angelehnt an den mediterranen Raum von Leben, Gastlichkeit und Aufenthaltsqualität nur so strotzen.

Die NÖN sprach mit dem studierten Pflanzenphysiologen und Leiter des Bereichs Nachhaltige Entwicklung in der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien über sein Herzensprojekt „Unsere Piazza“.

NÖN: Woher rührt Ihre Liebe zu mediterranen Plätzen?

Thomas Hruschka: Ich bin sehr gerne in Italien, aber man hat es überall in der Mittelmeerregion, dass sich die Leute in der Stadt treffen, kommunizieren, sich hinsetzen und etwas trinken. Vom Eindruck her ist Krems auch ein bisschen eine mediterrane Stadt, gerade im Sommer. Aber bei uns gibt es diesen Platz zum Treffen nicht.

In Italien sind Piazzas fest in der Infrastruktur verankert. In welcher Größenordnung kann es sie in Krems geben?

Man muss vorsichtig anfangen. Veränderung macht immer Angst, die muss man nehmen. Die Einschätzung, dass bei uns so etwas nicht funktioniert, ist nicht richtig. Wenn ich nach St. Pölten schaue: Die haben eine Riesen-Piazza, und die ist auch immer voll. So etwas haben wir in Krems nicht und deswegen ist es am Abend auch ausgestorben.

„In Perugia gibt es ein Rolltreppensystem in der Stadt. Ich sage nicht, Krems braucht Rolltreppen. Aber das ist Mobilität anders gedacht.“

Mit dem Ruf nach Piazzas geht unvermeidlich einher, Plätze autofrei zu machen. Wie ist dieses Problem in einer Stadt lösbar, die, wie viele behaupten, ohnehin zu wenig Parkplätze hat?

Jedes Anliegen von jedem Betroffenen ist zunächst mal berechtigt. Wenn wir die Parkplatzdiskussion in der Innenstadt führen, nämlich permanent, machen wir genau das, was den Einkaufszentren zugutekommt. Weil nie eine Innenstadt so perfekte Parkplatzverhältnisse haben wird wie ein Einkaufszentrum. Wenn ich aber die Diskussion Lebens- und Aufenthaltsqualität führe, hat die Innenstadt den großen Vorteil. Und was steht hinter dem Thema Auto? Das Mobilitätsthema. Da gibt es ganz viele andere Lösungen. Die Frage ist, wie kommen die Leute in die Stadt und wie kommen sie wieder raus. Eine Lösung ist das Auto, aber da gibt es viele andere.

Die Leute vom Auto wegzuführen, ist ein Thema, das Krems nicht lösen wird. Müssen Parkplätze geschaffen werden, um Piazzas zu realisieren?

Nein, glaube ich nicht. Es gibt vielfältigste Lösungen, auch wenn sie absurd klingen. In Perugia gibt es ein Rolltreppensystem in der Stadt. Ich sage nicht, Krems braucht Rolltreppen. Aber das ist Mobilität anders gedacht. Laibach ist in knapp sechs Jahren völlig autofrei geworden in der Innenstadt. Da fahren zehn Elektrowagerl herum und man kann ohne Karte aufsteigen und sich durch die Stadt führen lassen.

In Italien sind lebendige, autofreie Plätze wie die Piazza dei Signori in Padua gang und gäbe.
Shutterstock/Catarina Belova

Wie kann so ein Prozess angestoßen werden?

Zunächst einmal ist die Politik gefordert. Es braucht den Mut zur Entscheidung. Das ist die Grundlage. Ich weiß, wie die Situation in Laibach war. Da war es eine mutige Entscheidung des Bürgermeisters. Dann kann man schauen, wer solche Prozesse macht. Bürgerbeteiligung ist etwas Professionelles und nicht Fragebögen ausfüllen lassen und konfrontative Diskussionen führen. Das kann man besser machen.

„Potenzial haben ganz viele Plätze, auch in Stein.“

Ist nach der Zukunftskonferenz hinsichtlich einer Umsetzung etwas vereinbart worden?

Es gab das Commitment vom Herrn Bürgermeister, die Energie zu nutzen. Auf mich zugegangen ist noch niemand. Wenn man erst im Oktober darüber redet, ist es vielleicht zu spät, es sollte schon einen zeitnahen Zusammenhang geben. Das wäre auch ein ideales Thema für das Stadtmarketing.

Welche Plätze in Krems wären geeignet, um sie als Piazza zu gestalten?

Potenzial haben ganz viele Plätze, auch in Stein. Eine Piazza macht aus, dass sie das Herz der Stadt ist. Wenn ich auf einer italienischen Piazza stehe, ist, vereinfacht gesagt, auf der einen Seite die Kirche, auf der anderen das Rathaus. Das ist eines, was für den Pfarrplatz spricht. Das andere ist, es gibt schon viele Elemente. Wir haben dort den Markt, der braucht mehr Platz und mehr Gelegenheit, sich zu entwickeln. Es gibt rundherum Lokale, dort wäre es relativ einfach, es auszuprobieren.

„Früher war St. Pölten tot; wenn ich es mir jetzt anschaue, ist es moderner als Krems.“

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in der Innenstadt?

Ich glaube, dass man kommunikativ aufpassen muss. Wenn man permanent negativ kommuniziert, wer soll dann kommen und investieren? Warum soll ich als Besucher in eine Innenstadt gehen wollen, wenn ich nur davon höre, sie stirbt? Meine Frau macht Kunst- und Kreativseminare. Da kommen Leute aus ganz anderen Einzugsbereichen. Leute, die nicht in unserer Kommunikationsblase stecken. Die sind völlig zufrieden und überrascht, wie toll Krems ist. Sie verstehen nur nicht, warum alles völlig zugeparkt ist. Leute aus Tulln, Wien oder Horn rufen vorher an und sagen, in Krems kann man ja nirgends parken. Da sieht man, was man auslöst.

Hat es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben?

Ja, weil man sich nicht ändern will. Früher war St. Pölten tot; wenn ich es mir jetzt anschaue, ist es moderner als Krems. Alle müssen sich selber bei der Nase nehmen und fragen, was haben wir eigentlich verpasst? Es braucht politischen Mut zu sagen, die Stadt ist nicht für das Blech da, sondern für die Menschen. Es ist nicht der Sinn einer Stadt, dass ich hier parken kann. Wer will denn auf den Hohen Markt gehen? Wer will sich auf das Bankerl hinter den Autos hinsetzen? Niemand, natürlich ist das leer.