Übergewicht: Auch Schlanksein will gelernt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einer „Übergewichtskrise enormer Ausmaße“ für die europäische Region. Die NÖN hat Sabine Brandstetter, Ernährungswissenschaftlerin aus Furth, und Sabrina Fichtinger, Diätologin aus Krems, zu diesem Thema befragt.

Von Petra Vock. Erstellt am 18. Mai 2015 (12:53)
NOEN, Lechner
Ernährungswissenschaftlerin Sabine Brandstetter wünscht sich konkrete Konzepte, um Kindern Gesundheitskompetenz beizubringen.

NÖN: Seit Jahren gibt es die Übergewichts-Diskussion. Wie dramatisch ist Ihrer Einschätzung nach die Lage wirklich? Ist die Tendenz zu Übergewicht bei Erwachsenen und Kindern wirklich so stark steigend?

Sabine Brandstetter: Die Zahl der übergewichtigen Erwachsenen ist zwar hoch, aber relativ konstant, die der übergewichtigen Kinder noch immer im Ansteigen. Ich persönlich vermute, dass diese Tendenz leider auch noch einige Jahre weitergehen wird. Starkes Übergewicht im Kindesalter stellt einerseits eine starke psychische Belastung dar - denkt man an Hänseleien und auch an den Turnunterricht, während dessen nicht alle Übungen mitgemacht werden können - andererseits sind Übergewicht und dessen Folgen ab einem gewissen Grad nicht mehr rückgängig zu machen.

So stimmt es, dass leichtes Übergewicht sich noch auswachsen kann, wenn man rechtzeitig Ess- und Bewegungsverhalten verbessert, sehr starkes Übergewicht hat aber auch Auswirkungen, die auch im Erwachsenenalter bleiben.

Sabrina Fichtinger: Laut der WHO-Studie sind fast ein Drittel der Bevölkerung in Europa übergewichtig oder fettleibig. Genau diese Entwicklung präsentiert sich auch in der diätologischen Beratungstätigkeit. Ich betreue seit 3,5 Jahren freiberuflich Patienten in einer ärztlichen Ordination. Von den dort durchgeführten Beratungen fallen mehr als 80 % alleine auf das Thema Übergewicht und Adipositas.
 
So einfach es auch klingen mag ist eine gezielte Ernährungsumstellung in der Praxis jedoch nicht. Durch den Überfluss an Ernährungsinformationen und die vielen Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion ist es für den Betroffenen schwierig, tatsächlich wirkungsvolle Herangehensweisen zu finden. Sinnvoll ist es deshalb, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Adipositas gilt seit langem als schwerwiegende Krankheit. Deshalb muss hier auch medizinisch ausgebildetes Personal (wie eben Diätologinnen/Diätologen sind) zur Therapie eingesetzt werden.

Was sind die schlimmsten Ernährungsfehler, die gemacht werden? Worauf sollte man insbesondere bei der Ernährung von Kindern achten?

Sabine Brandstetter:  Sehr energiereiche, meist hochverarbeitete Lebensmittel sind in unserer Ernährung normal geworden. Durch die hohe Energiedicht bei gleichzeitig wenig Volumen, wie dies zum Beispiel bei Kuchen, Süßigkeiten, aber auch vielen Fertiggerichten der Fall ist, entsteht nicht dasselbe Sättigungsgefühl, als wie wenn Lebensmittel mit geringerem Energiewert wie zum Beispiel Gemüse, Obst oder Vollkornprodukte verzehrt werden. Gott sei Dank sind wir in der glücklichen Lage, Essen beinahe immer und ausreichend zur Verfügung zu haben.

Dadurch wurde es aber auch möglich, dass Essen nicht nur der Sättigung dient, sondern andere Funktionen wie z.B. Beruhigung, Belohnung oder Zeitvertreib übernimmt. Damit erhält der Körper Energie, ohne diese zu benötigen. Meist wäre es notwendig, nicht nur das Essverhalten eines Kindes, sondern einer ganzen Familie umzustellen. Dabei treten zwar alltägliche, aber leider manchmal unüberwindliche Hindernisse auf. Gerade bei Kindern spielt der Rückgang der körperlichen Aktivität eine wesentliche Rolle. Der Schuleintritt gilt hier als eine besonders heikle Zeit.

Sabrina Fichtinger: Die meisten Probleme treten auf, wenn sich Betroffene keine professionelle Hilfe bzw. Beratung holen. Es liegt oft an einer falschen Anwendung der Ernährungsempfehlungen. Nicht nur die
falsche Ernährung und die Überernährung sind schuld. Oft können auch eine mangelhafte Ernährung (bei strengen Diäten), Stress, Überlastung, Genetik und Schlafmangel das Übergewicht fördern. Es geht um die Integration von neuen Verhaltensmustern in den Alltag wie zum Beispiel die richtige Auswahl von Lebensmitteln, Zubereitungsarten, die Mahlzeitenhäufigkeit und die richtigen Nährstoffe zur richtigen Tageszeit.

Zuweisungen der Ärzte zur Ernährungsberatung bei Risiko von Übergewicht und Adipositas sollten auch genutzt werden. Ein behandelnder Arzt sollte einen Ansprechpartner für Ernährungsfragen an seine Patienten weitergeben können. Über die Homepage vom Verband der Diätologen gibt es ebenfalls eine Diätologensuche für ganz Österreich http://www.diaetologen.at/ .
 
Soll Ihrer Meinung nach die Politik eingreifen? Was für Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung halten Sie für sinnvoll?

Sabine Brandstetter: Ja, ein Umdenken sowie neue Konzepte sind meiner Meinung nach notwendig, um eine Kehrtwende zu schaffen. Heute brauchen Kinder sozusagen eine "gesundheitliche Kompetenz"  - zu erkennen, was für den eigenen Körper gut ist sowie der Umgang mit seinen eigenen Ressourcen sind Fähigkeiten, die leider nicht selbstverständlich sind und somit zu Erziehungsaufgaben werden.

Dazu braucht es aber konkrete Konzepte, wer fähig ist, solch eine gesundheitliche Kompetenz zu vermitteln, denn wie die aktuelle Situation zeigt, sind es nicht immer die Eltern, aber auch Lehrer können bzw. sollen diese Aufgabe nicht alleine übernehmen. Natürlich würde ich es gut finden, wenn "gesunde Lebensmittel" - auch wenn es diese per se nicht gibt - leichter zugänglich wären. Stark verarbeitete Lebensmittel sind streng genommen "Luxuslebensmittel" und Luxus darf durchaus teurer sein. Von derartig regulierenden Konzepten sind wir aber sehr weit entfernt, und daher obliegt es dem Einzelnen auf eine ausgewogene Ernährung zu achten.

Die Bereitschaft dafür wächst und mit ihr leider eine Fülle an einseitigen Diäten und Falschinformationen, die ebenso zu einer ungesunden Kost führen können. Strengere Kontrollen hinsichtlich der Informationsweitergabe wären daher ebenso wünschenswert! Die Ausweitung und die Verbesserung des verpflichtenden Sportunterrichts für Kinder würden sehr positiv auf Gesundheit und Gewichtsregulation wirken!
 
Sabrina Fichtinger: Politisch gesehen wird auf der Informationsebene schon viel getan, z. B. Nährwertkennzeichnungen, Projekte, Infokampagnen, Werbeverbote für Marketing bei dickmachenden Lebensmitteln für Kinder usw. Trotzdem wissen viele Menschen nicht, was sie mit diesen Informationen tun sollen.

Wünschenswert wäre die Integration einer individuellen Ernährungsberatung in die jährliche Gesundenuntersuchung, Förderungen für Betriebe mit gesunden Arbeitsalltag (Mittagspause, Wochenarbeitsstunden, Stressmanagement), Förderungen für ein adäquates Angebot in der Gemeinschaftsverpflegung, wie auch Subventionen für biologisch und nachhaltig produzierte Lebensmittel, so dass man sich eine gesunde Ernährung auch leisten kann, Investitionen in die Prävention durch Koch- und Einkaufschulung.