Wiener Studentinnenmörder in Krems erneut vor Gericht. Weil er sich im März 2018 an einem Mithäftling in der Justizanstalt Stein vergangen haben soll, steht Philipp K. am Mittwoch in Krems wegen sexuellen Missbrauchs einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person vor einem Schöffengericht. Der 31 Jahre alte Beschuldigte war 2011 wegen Mordes an seiner Ex-Freundin, einer Wiener Studentin, zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Von APA Red. Update am 12. Juni 2019 (14:40)
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K. werde sich nicht schuldig bekennen, sagte Verteidiger Bernhard Lehofer im Vorfeld. Laut einem Gutachten ist der Angeklagte zurechnungsfähig. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher nach Paragraf 21 Absatz 2 Strafgesetzbuch.

Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 27. März 2018 in der Justizanstalt Stein einen "infolge Substitolkonsums willenlosen und schlafenden" Mithäftling sexuell missbraucht zu haben. Dieser habe eine schwere Körperverletzung, "nämlich eine depressive Verstimmung in Form einer depressiven Anpassungsstörung", davongetragen, heißt es in der Anklageschrift. Opferanwältin Alida Harrich kündigte an, eine Schmerzengeldforderung von 7.000 Euro geltend zu machen.

Häftlinge im Zeugenstand belasteten Angeklagten

Im Kremser Prozess um sexuellen Missbrauch haben zwei Häftlinge als Zeugen Philipp K. am Mittwoch belastet. Der Beschuldigte soll demnach den Übergriff auf den Insassen zugegeben haben. Das Opfer erlitt laut Gutachter Werner Brosch eine depressive Verstimmung in Form einer Anpassungsstörung. Der Beschuldigte ist laut dem Sachverständigen Dietmar Jünger zurechnungsfähig, aber gefährlich.

Die Schwere der Körperverletzung beim Opfer sei durch die psychischen Folgen begründet, so Brosch. Der Mann habe sich vom Angeklagten enttäuscht gezeigt, den er geliebt und für den er alles getan habe, sagte der Sachverständige. "Ich habe den Eindruck gehabt, dass er wirklich erschüttert ist. Dass er sich schwertut, das zu verkraften."

Ein Häftling sagte als Zeuge aus, das Opfer habe sich ihm einen Tag nach dem Vorfall anvertraut. K. und der Betroffene sollen gemeinsam Drogen konsumiert haben, "er hat gesagt, er ist eingeschlafen, er weiß nicht mehr, was passiert ist". Als das Opfer wieder aufwachte, soll der Betroffene geweint haben.

Der Angeklagte soll gefragt haben, ob er jetzt dafür bestraft werde für das, was er getan habe, ob er einen Anwalt brauche und ob die Beziehung jetzt aus sei. K. habe weiters gemeint: "Bin ich jetzt ein Vergewaltiger?" Der 59-Jährige bestritt, das Opfer beeinflusst zu haben und K. schaden zu wollen, weil der Häftling nicht mehr von der Familie des Angeklagten unterstützt wurde. "Was bringt es mir, ihn zu zerstören? Ich hab ja nichts davon", meinte der Insasse.

Ein anderer Häftling sagte als Zeuge aus, das Opfer habe sich am 27. März 2018 recht lange bei geschlossener Tür in der Zelle des Angeklagten aufgehalten. Er habe "ein ungutes Gefühl" gehabt. Kurz vor Einschluss um 20.00 Uhr "war es für mich recht befremdlich, was ich gesehen habe", sagte der 45-Jährige. Das augenscheinlich beeinträchtige Opfer sei vom Angeklagten in seine Zelle gebracht worden. "Er ist wie ein Geier hinten draufgehängt. Es hat bedrängend, bedrohlich ausgeschaut."

Am nächsten Tag habe K. ihm erzählt, er sei mit dem Mitinsassen "viel zärtlicher und liebevoller als mit seiner Freundin" gewesen. "Er hat den Übergriff zugegeben", sagte der Zeuge. Der Betroffene habe sich nicht mehr genau erinnern können, es habe "augenscheinlich etwas gegeben, was er nicht wollte". Zu der vom Angeklagten vermuteten Manipulation meinte er: "Das finde ich sehr amüsant." Nach dem Vorfall wurde das Opfer in eine andere Abteilung verlegt. "Es war augenscheinlich, dass es ihm ab diesem Datum (27. März 2018, Anm.) eklatant schlechter gegangen ist."

Das Opfer leidet laut dem psychiatrisch-neurologischen Gutachter Brosch an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung und ist geprägt von "Abhängigkeit, innerer Haltlosigkeit und Unstetigkeit". Die psychische Beeinträchtigung sei als schwer anzusehen. Der mutmaßliche sexuelle Übergriff habe Verhaltensänderungen beim Opfer, vor allem eine hohe innere Anspannung und Verzweiflung, ausgelöst. Sowohl vor als auch nach dem 27. März 2018 seien Kratzspuren von Selbstverletzungen dokumentiert.

Der vom Opfer beschriebene hilflose Zustand, die Wahrnehmungen und Empfindungen nach der Einnahme von Substitol seien plausibel. Es sei "durchaus möglich, dass die Substanz einen Tiefschlaf, aus dem man nur schwer erwacht, verursachen kann", sagte Brosch. Der Zustand der Hilflosigkeit nach oralem Konsum von Substitol könne einige Stunden anhalten.

Der Angeklagte wurde vom Gutachter Dietmar Jünger als zurechnungsfähig eingestuft. Der 31-Jährige baue ein Lügengeflecht auf und nütze Schwächere aus. Das emotionale Mitfühlen, wenn es um andere geht, sei nicht vorhanden. Wie bisher liege beim 31-Jährigen aufgrund einer tief greifenden kombinierten Persönlichkeitsstörung eine geistig-seelische Abartigkeit höheren Grades vor. Zu befürchten seien weitere Taten, bei denen der Beschuldigte die Selbstbestimmung und körperliche Integrität anderer Personen missachtet. Die Voraussetzungen für eine Einweisung nach Paragraf 21 Absatz 2 Strafgesetzbuch liegen laut dem Sachverständigen aus psychiatrischer Sicht vor. "Außerhalb des Maßnahmenvollzugs sehe ich hier keine Möglichkeit, dass er betreut werden kann", sagte Jünger.

Der Prozess wird nach einer Pause um 14.30 Uhr fortgesetzt. Gezeigt werden soll dann das Video der kontradiktorischen Einvernahme des Opfers.