Dafür haben wir ja jetzt Zeit …. Dafür haben wir ja jetzt Zeit … Diesen Satz habe ich im Vorbeilaufen gehört.

Erstellt am 23. Mai 2020 (16:26)
Leserbrief
Von Feng Yu, Shutterstock.com

Zwei Frauen haben sich unterhalten, es war in der Karwoche, als die Coronavereinzelungen noch sehr streng waren.

„Dafür haben wir ja jetzt Zeit.“ Wonach klingt das? Für mich ist das ein Sehnsuchtssatz. Im eingefahrenen Alltag, so wie wir alle vor der Coronapandemie gelebt haben, ist viel verloren gegangen, das früher vielleicht selbstverständlich war. Oder etwas, das  wir uns immer vorgenommen haben, aber irgendwie war nie dafür Zeit. Und dann wurde uns vieles weggenommen, auf einmal war Zeit übrig. Zeit für Dinge, die wir schon immer tun wollten: Lesen, Eltern spielen gemeinsam mit Kindern, mit der Partnerin/dem Partner Musik hören, Briefe schreiben, … Ich habe noch nie so viele Eltern mit halbwüchsigen Kindern im Wald spazieren gehen gesehen.

Natürlich wurde es auch für viele sehr eng. Räumlich und zeitlich. Aber auch da wurden wir zu Dingen gezwungen, in denen wir vielleicht auch einen tieferen Wert entdecken konnten.

Dinge, Erledigungen, Begegnungen, denen man früher unterworfen war, waren plötzlich weg. Was haben wir mit der gewonnenen Freiheit gemacht? Wir haben neue Werte entdeckt. Wäre es nicht schön, wenn wir diese Entdeckungen aus der Coronazeit mit in unseren „normalen“ Alltag nehmen könnten? Dazu müssen wir uns Zeit nehmen, und alles, was uns gutgetan hat (und hoffentlich noch immer tut), aufschreiben. Im  Trubel des Alltags, der sich wieder breit macht, geht schnell verloren, was wir in einer langsameren Zeit wertgeschätzt haben. Worauf wollen wir weiter verzichten und was wollen wir beibehalten? Das, was uns so gutgetan hat, sollten wir nicht vergessen, sondern an die erste Stelle setzen.

Wofür wollen wir uns Zeit nehmen?

Maria Kvarda, Hollabrunn