„Mit den Bürgern Impulse setzen“. In Woche 14 berichtete die NÖN über die geplanten Baurichtlinien, die bei Bürgern für Protest sorgen (S. 16/17). Dazu erreichte uns ein Leserbrief:

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 04. Mai 2021 (08:24)

Nachdem ich den NÖN-Artikel und dann die Leserbriefe von Herrn Küssel und Herrn Huber gelesen habe, frage ich mich wirklich: Weiß die rechte Hand der Stadt, was die linke tut, und wissen beide Hände überhaupt, was sie tun? Ist es Aufgabe der Bürger, über Medien und Leserbriefe der Bürgermeisterin zu erklären, was ihr Job ist, nämlich endlich Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt zu setzen?

Was da abläuft, regt mich ziemlich auf! Stockerau wird immer mehr zur Schlafstadt, ins Zentrum braucht man gar nicht zu gehen oder zu fahren, weil dort ist praktisch den ganzen Tag Nachtruhe. Dutzende leere Geschäftsflächen, minimales Angebot, lange Mittagspause, Ladenschluss um 18 Uhr, Samstag zu Mittag Feierabend. Dazu die zusehends verfallenden Häuser etc. Für jemanden, der in Wien arbeitet, ist so ein Zentrum völlig sinnlos, da ist am Floridsdorfer Bahnhof bessere Stimmung und länger offen. Nun sollen die Bebauungsvorschriften für das gesamte Zentrum von Stockerau neu geregelt werden. Und wer ist dabei überhaupt nicht eingebunden: Richtig, die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt!

Ich habe erst aus der Zeitung (NÖN) erfahren, was da geplant ist, und finde es unerhört, dass man im 21. Jahrhundert keinen ordentlichen Bürgerbeteiligungs-Prozess gestartet hat. Erst jetzt, wo sich laut NÖN viele aufregen, will man das nachholen. Sehr spät, hoffentlich nicht zu spät. Ich kenne einige, die im Stadtzentrum wohnen bzw. Häuser haben. Die sagen offen: Wenn das so kommt, werden sie nichts mehr in ihre Liegenschaften investieren.

Wenn das Zentrum von „oben herab“ verordnet völlig sterben soll, dann wollen sie dem ganz sicher kein gutes Geld mehr nachwerfen und lassen die Häuser, Dächer und Fassaden, wie sie sind. Geld kann man auch anderswo investieren. Ortsbildschutz wäre wichtig, ja, das ist in den letzten Jahrzehnten in Stockerau vernachlässigt worden. Aber den „Glassturz“ über den Ist-Zustand zu stülpen, ist grober Unfug.

So schön ist das Zentrum nämlich leider nicht, dass man es einfach konservieren sollte. Es bedarf neuer Impulse, die Innenstadt zu beleben, Investitionen in die Zukunft. Und das darf auch ruhig „modern“ sein, solange es etwas gleichschaut. Gute Architekten können heute Alt und Neu wunderbar verbinden und in Szene setzen. Aber zu erwarten, dass auch heute Häuser nur im Gründerzeitstil gebaut werden, wird nicht möglich sein. Moderne Architektur braucht ihren Raum und hat auch ihre Berechtigung.

Im Zentrum zu verdichten (vor allem in der zulässigen Höhe), ist umweltschonend und belebt das Zentrum. Geschäfte, Büros, moderner Wohnraum sind nötig, um den alten Staub endlich aus der Stadt zu putzen. Es gilt, gemeinsam mit den Bürgern der Stadt Impulse zu setzen und dem Zen trum neues Leben einzuhauchen, anstatt weiter Wohnsilos an den (noch) grünen Stadtrand zu stellen. Das, liebe Frau Bürgermeisterin, wäre im Sinne der Bürger, und ihre Aufgabe ist es, dies um zusetzen.

Nina Lai, 2000 Stockerau

Die in der NÖN abgedruckten Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.