Der Luxus des vollen Kühlschranks. Bezirk Lilienfeld: Eine Diskussion zwischen Bewusstseinsbildung und Preispolitik – übrig bleiben die Lebensmittel, weiß Brigitta Holubar.

Von Teresa Lobinger. Erstellt am 16. Juni 2021 (04:00)
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Das Team der Tafel Hainfeld: Brigitta Holubar, Irene Böckl, Edith Endres, Ferdinand Kaiblinger, Roman Zöchling, Habibollar Ebrahimi, Renate Thron, Mohammad Armani und Abdullah Schakzai.
Hörtzer, Hörtzer

18.700 Kilogramm: Diese Menge an gespendeten Lebensmitteln konnte über die Hainfelder Team Österreich Tafel (TÖT) voriges Jahr ausgegeben werden.

Die Verantwortung liege nicht nur bei den Händlern, sondern auch bei den Kunden, so Brigitta Holubar von der TÖT Hainfeld: „Wir erwarten fünf Minuten vor Ladenschluss noch das volle Angebot, so landet am Ende des Tages viel im Müll. Bei der Team Österreich Tafel haben wir leider nur die Kapazität für eine wöchentliche Ausgabe samstags und deshalb gibt es Montag bis Freitag noch immer viel zu viele Lebensmittel, die entsorgt werden.“ Ebenso privat trage man dazu bei: „Wir kaufen ein, weil wir es uns leisten können und uns den Luxus eines vollen Kühlschranks gönnen wollen. Viele Bedenken leider nicht, was sie der Umwelt antun, wenn die Lebensmittel unverbraucht im Mülleimer landen“, stellt Brigitta Holubar klar.

Zwischen Preispolitik und Herstellungskosten

Bezirksbäuerin Ernestine Berger stellt sie – die provokante, jedoch unvermeidbare Frage: „Sind Lebensmittel zu billig?“ Handelskonzerne befinden sich im wettbewerbsintensiven Markt, Sonderangebote sind Preispolitik. Zu den Herstellungskosten kommen noch Umweltschäden wie Treibhausgase, Überdüngung oder Energiebedarf, diese Folgekosten sind in den Lebensmittelpreisen noch nicht berücksichtigt. Landwirte brauchen das Auskommen – und der Kunde? „Bewusstseinsbildung ist wichtig, unsere Aktivitäten in diesem Bereich, etwa in Schulen oder Kochkursen, hat die Pandemie lahmgelegt. Allein mit Sensibilisierung wird es aber keine Trendumkehr geben, da muss an viel höherer Stelle angesetzt werden“, sagt Berger bestimmt. Lebensmittel zu günstig, ja: Mehr Bio und höhere Qualität fordern die einen, was die anderen zum Aufschrei des nicht mehr für alle leistbaren Zugangs bringt. Die Diskussion hängt in der Schleife, übrig bleiben die Lebensmittel. Übrig bleibt „Abfall“. Doch wie viel ?

Jeder Haushalt entsorgt 300 Euro pro Jahr

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Annalena Schleifer, Geschäftsführerin GVA Lilienfeld.
privat, privat

„Es landen täglich 166 Tonnen an Brot, Gemüse, Fleisch- und Wurstwaren, Fertigprodukten und Naschereien aus Haushalten im Abfall. Oft sogar noch originalverpackt und unverdorben, so entsorgt jeder NÖ Haushalt 300 Euro pro Jahr in der Mülltonne“, führt Annalena Schleifer, Geschäftsführerin des Gemeindeverbandes für Abfallbehandlung und Umweltschutz (GVA) Lilienfeld vor Augen. Mit Kampagnen in Medien, Schulen und Aktionen in Wohnhausanlagen und vielem mehr trägt der Umweltverband zur Bewusstseinsbildung bei: „Das ,Koch.Kunst.Buch‘, voriges Jahr erschienen, ist eine kulinarische Einladung für den Genuss regionaler und frischer Nahrungsmittel und den verantwortungsvollen Umgang mit diesen. Das Buch ist bei uns erhältlich, so lange der Vorrat reicht und steht zum Download auf unserer Homepage zur Verfügung“, so Schleifer. Um persönlich der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, schreibe sie einen Einkaufszettel und kaufe keine Großpackungen.

Brigitta Holubar beobachtet, dass die Menge der gespendeten Lebensmittel in den letzten Jahren gleich geblieben sei. Es sind Waren aus nahezu allen Bereichen, besonders häufig aber kurz haltbare Waren. „Gebäck ist natürlich nur frisch verkäuflich und so kommen die Restbestände von Samstag zu uns. Aber auch Obst, Gemüse und Milchprodukte, die nach dem Wochenende nicht mehr frisch wären“, so Holubar.

Freiwillige Mitarbeiter sammeln die unverkäuflichen Waren wöchentlich bei den Lebensmittelhändlern ein. „Einmal pro Monat holen wir auch Spenden aus dem St. Pöltner Standort der Großbäckerei Ölz ab. Über den Landesverband kommen manchmal ganze unverkäufliche Paletten oder große Mengen vom Hersteller selbst“, schildert Holubar.

Derzeit nehmen 50 Klienten in Hainfeld regelmäßig das TÖT-Angebot in Anspruch. Die kostenfreien Lebensmittelspenden werden an Menschen in schwierigen finanziellen Verhältnissen abgegeben. „Als Orientierung für eine Bezugsberechtigung dient dabei die Armutsgefährdungsschwelle laut Statistik Austria – aktuell für einen Einpersonenhaushalt bei 1.286 Euro monatlich. Bei der ersten Abholung werden Klienten vor Bezug der Waren von unseren freiwilligen Mitarbeitern registriert, geben eine Erklärung zu ihrem Haushaltseinkommen ab und erhalten eine entsprechende Bezugsberechtigung“, erklärt Brigitta Holubar.

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