Schwerpunktaktion: Biker im Visier

Erstellt am 15. Mai 2022 | 19:10
Lesezeit: 5 Min
Polizei nahm Motorradfahrer zum Saisonstart genauer unter die Lupe. Einer war mit Tempo 144 in der 70er-Zone unterwegs.
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Sonntagnachmittag, Treffpunkt Kleinzell (Bezirk Lilienfeld): Hier erwartet Willy Konrath, Leiter der Landesverkehrsabteilung der Landespolizeidirektion Niederösterreich, Medienvertreter. Der Anlass: eine zweitägige Biker-Schwerpunktaktion in den Bezirken Lilienfeld, Neunkirchen und Wiener Neustadt-Land.

„Uns geht es hierbei in erster Linie um Bewusstseinsbildung unter den Motorradfahrern, nicht nur ums Strafen“, betont der Verkehrschef vorweg. Rund 30 Beamte der Landesverkehrsabteilung, Polizisten aus den drei Bezirken und Mitarbeiter des Prüfzugs des Landes nahmen an verschiedenen Standorten entlang der beliebten Biker-Strecken die Kontrollen vor. Die Kalte Kuchl ist eine davon. „Da sind dann bei schönem Wetter rund 2.000 Biker über den Tag verteilt unterwegs“, weiß ein Beamter.

Viele sind vorbildlich, doch eben nicht alle. Aus diesem Grund startete die Polizei heuer bereits im Frühjahr ihre Schwerpunktaktionen. Verkehrsexperte Konrath verweist auf die steigenden Zahlen tödlicher Motorradunfälle in den letzten Jahren. 2021 gab es in Niederösterreich 92 Verkehrstote, 20 davon waren Biker. Im Jahr zuvor kamen 90 Menschen auf Niederösterreichs Straßen zu Tode, 16 davon waren Motorradfahrer. Und heuer hat Niederösterreich bereits bis Mitte Mai zwei tote Biker zu verzeichnen. Viele Unfälle enden auch mit schweren Verletzungen. „Wiedereinsteiger, die jahrelang nicht gefahren sind, unterschätzen oft die Gefahren oder überschätzen sich“, weiß Konrath. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Biker "mit Sicherheitsausrüstung gut ausgerüstet", stellt er aber fest.

Tempoübertretungen sind bei Bikern hingegen immer ein Thema, die Verlockung, die Maschine zu testen, ist groß. Auch an diesem Wochenende hat die Polizei mehrere Radarboxen aufgestellt und die Beamten nehmen überdies mobile Lasermessungen vor. „In der Kalten Kuchl gilt Tempo 70. Und das überschreiten viele Lenker bei weitem. Und gefährden dadurch sich und andere“, gibt Konrath zu bedenken.

Auf der Weiterfahrt durch die Kalte Kuchl weiter über den Ochsattel wird die NÖN Augenzeuge mehrerer solche riskanter Fahrmanöver. Ein Biker überholt den Zivilstreifenwagen in einer unübersichtlichen Kurve, der Zweiradlenker kommt sogar kurz ins Schleudern, behält aber im letzten Moment noch die Kontrolle über seine Maschine.

Ein anderer von St. Aegyd die B 21 bergauffahrender Motorradfahrer überholt viel zu knapp einen ebenfalls bergwärts fahrenden Radfahrer und gerät dabei kurzfristig auf die Gegenfahrbahn. Ganz knapp am Zivilstreifenwagen vorbei. Nur zwei Beispiele, die durchwegs fatal hätten enden können.

„Viele verwechseln die Straße einfach mit der Rennstrecke. Und genau diese Lenker wollen wir zeitgerecht aus dem Verkehr ziehen“, betont Konrath. Ein Biker war im Bezirk Wiener Neustadt-Land sogar mit 140 Stundenkilometern bei erlaubtem Tempo 70 unterwegs,  ein weiterer Zweiradfahrer wurde bei der Aktion sogar mit 144 Stundenkilometern gemessen. Beide mussten sich nun von ihrem Führerschein vorläufig verabschieden.

In St. Aegyd ist der Prüfzug des Landes stationiert. Polizisten halten hier immer wieder Biker an, die ihnen ins Auge stechen oder auch, weil diese nicht zu überhören sind. „Wir nehmen auch Lärmmessungen vor und die Techniker des Landes überprüfen, ob sich die Lenker innerhalb der erlaubten Dezibel bewegen“, erklärt Konrath. Denn unter dem permanenten Lärm vorbeiziehender Biker leiden vor allem die Anrainer an den Biker-Strecken. „Wenn dann bei Schönwetter mehrere 100 Motorräder über den Tag verteilt vorbeibrausen, ist das für die Anrainer auf Dauer sehr belastend“, weiß Konrath.

Gerade als die Medien beim Prüfzug vor Ort sind, müssen sich mehrere Biker vorläufig von ihren Kennzeichen verabschieden. Die Weiterfahrt wird ihnen untersagt, denn an ihren Zweirädern ist teilweise „Gefahr im Verzug“. Abgefahrene Reifen sind nur ein Beispiel dafür. „Die Profiltiefe bis 1,6 Millimeter entspricht dem Gesetz. Wer zwischen 1,3 und 1,6 Millimeter Profiltiefe auf seinen Reifen aufweist, macht sich bereits strafbar und wird angezeigt. Er darf aber diese Fahrt noch fortsetzen. Wer unter 1,3 Millimetern liegt, dem wird die Weiterfahrt untersagt“, erklärt Martin Kloiber von der Landesverkehrsabteilung, der Einsatzleiter der Schwerpunktaktion ist. Eine andere Bikerin wird darauf hingewiesen, dass an ihrem Zweirad eigentlich nur das Standlicht funktioniert, die Schweinwerfer sind defekt. Immer wieder werden bei den angehaltenen Motorrädern diverse unerlaubte Umbauten festgestellt. „Nicht alles, was gefällt, ist auch erlaubt“, erinnert Konrath.

Alkohol am Steuer ist bei Bikern nur selten ein Thema. Das zeigte sich auch bei dieser Schwerpunktaktion, von den 215 durchgeführten Tests waren alle Lenker negativ.

Insgesamt kontrollierten die eingesetzten Polizistinnen und Polizisten 950 Motorradlenker, wobei 76 Motorräder auch dem Prüfzug vorgeführt wurden. 38 Lenker erhielten bei der Aktion übrigens eine Anzeige und 119 Biker ein Organmandat, weil sie das vorgegebene Tempolimit überschritten. 601 Lenker wurden von der Radarbox geblitzt, darunter befinden sich aber auch andere Kfz.

18 kontrollierte Biker mussten sich innerhalb dieser zwei Tage von ihren Kennzeichen und ihrem Zulassungsschein verabschieden. 31 Motorradfahrer erhielten eine Anzeige nach dem Kraftfahrzeuggesetz. 155 Anzeigen und 27 Organmandate stellte die Polizei Bikern überdies wegen anderer Übertretungen aus.

„Diese Schwerpunktaktionen werden wir während Bikersaison landesweit fortsetzen“, kündigt Verkehrschef Konrath an, denn: „Wir wollen, dass alle Verkehrsteilnehmer sicher heim kommen.“

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