Mitterbacherin im Interview: „Kräuter waren eine Art Hausapotheke“

Erstellt am 08. August 2022 | 05:26
Lesezeit: 6 Min
440_0008_8429626_lil31_mitterbach_img_20220721_142503.jpg
Als Kind vom sogenannten Jägerbrot fasziniert, gibt Petra Rauscher-Montano ihr Wissen über Wildkräuter heute in Kursen weiter.
Foto: Foto privat
Petra Rauscher-Montano weiß, welche Wildkräuter auf der Gemeindealpe Mitterbach zu finden sind. Sie kennt deren Geschichten und wie wir sie verwenden und nutzen können.
Werbung

Wildkräuter erleben, einen Vormittag lang auf der Gemeindealpe: Petra Rauscher-Montano begeistert Kinder für die Natur, aber auch Erwachsene, zum Beispiel wieder am 6. August: Da gibt sie Einblicke in die Verarbeitung von Wildkräutern, deren energetische Wirkung und Pflanzenmythologie.

NÖN: Welche Wildkräuter gibt es auf der Gemeindealpe zu entdecken?

Petra Rauscher-Montano: Jetzt im Sommer finden wir viele Wildkräuter, die wir in der Küche verwenden können, zu Salben und Tinkturen verarbeiten oder für den Winter sammeln können – als Tee oder zum Räuchern. Eine Pflanze, die ich besonders im Sommer liebe, ist zum Beispiel die Gundelrebe oder auch Gundermann genannt. Sie hat einen erfrischend aromatischen Geruch und zitronig-minzigen Geschmack. Sehr gut passt sie zu Salat, als Würzmittel für Suppe, Gemüse wie Kartoffel, oder Kräuterbutter. Gundelrebe schmeckt auch als erfrischendes Getränk, indem man ein paar Blätter ins Wasser gibt, eventuell mit ein wenig Fruchtsaft dazu.

Wie wirkt die Gundelrebe, hat sie auch eine Geschichte?

440_0008_8429625_lil31_mitterbach_img_20220710_183136.jpg
Die Mitterbacherin Petra Rauscher-Montano begleitet Kinder in die Welt der Wildkräuter, erklärt deren Wirkung und weiß sie zu verarbeiten.
Foto: privat

Rauscher-Montano: Sie enthält Gerbstoffe, Bitterstoffe, ätherisches Öl und Vitamin C. Vor allem ist sie für die Wundheilung bekannt, da sie Eiter ausleitet, entzündungshemmend ist, aber auch blutreinigende und schleimlösende Eigenschaften hat, um nur einige zu nennen. Die Gundelrebe blüht von April bis Juni, man kann die Blätter jedoch von März bis in den Winter hinein sammeln. Der „Gundermann“ wurde früher auch als Haus und Hofgeist verehrt, der den Menschen hilft und sie vor Krankheiten beschützt, da er rund ums Haus in der Nähe der Menschen wächst.

Sie bieten Führungen für Kinder. Wie kann man den Nachwuchs für dieses Thema, die Natur, begeistern?

Rauscher-Montano: Ich liebe es besonders, Kindern die Schönheit und Wirksamkeit der Pflanzenwelt näherzubringen. Kinder sind unsere Zukunft, daher finde ich es wichtig, das alte Wissen über die Wildkräuter und deren Wirkung und Verwendung, aber auch die Dringlichkeit von Schutz, Erhaltung und Respekt zur Natur an sie weiterzugeben. Kinder haben noch eine natürliche Begeisterung für die Natur, die wir als Erwachsener oft verloren haben. Oft stehen sie staunend vor einer Pflanze, bewundern diese und sehen sie als eigene Wesenheit. Die meisten Kinder benötigen gar keine Motivation, wenn man ihnen ermöglicht, viel Zeit in der Natur zu verbringen und sie auf ihre Art und Weise zu entdecken.

Wie läuft so ein Vormittag ab?

Rauscher-Montano: Bei den „Wildkräuter erleben“-Vormittagen versuche ich auf spielerische Art, die Kinder für die Wildkräuter zu begeistern und ihnen brauchbares Wissen, aber auch die Liebe zu den Pflanzen zu vermitteln. Durch praktisches Tun, indem wir ein Produkt oder Essbares damit herstellen, und das Einbeziehen aller Sinne, aber auch durch Mythen und Geschichten wird ein Bezug zu den Wildkräutern hergestellt. Sehr gerne gebe ich auch Wildkräuterkurse für interessierte Erwachsene. Mein Schwerpunkt liegt vor allem in der praktischen Umsetzung und Verarbeitung der Pflanzen, der energetischen Wirkung und in der Pflanzenmythologie.

Sie sind zertifizierte Kräuterpädagogin, wie sind Sie dazu gekommen?

Rauscher-Montano: Schon als Kind begleitete und faszinierte mich die Pflanzen- und Wildkräuterwelt. Mein Großvater hatte eine große Liebe zur Natur, die er an mich weitergab. Von ihm erfuhr ich schon viel über die Pflanzenwelt in meiner Kindheit. Meine Großmutter wuchs außerdem mit meinen Urgroßeltern in einer Selbstversorgerfamilie auf. Wenn ich sie besuchte, war ich immer begeistert, dass sie beinahe alles selbst herstellten, so auch ihre eigene Hausapotheke aus Kräutern, da ein Arztbesuch früher oft schwer möglich war. Sie kochten mit Kräutern und verwendeten sie im Alltag.

Später entdeckte ich für mich selbst die Wildkräuter, wenn ich durch Wald und Wiesen spazierte. Ich fing an, selbst Kräuter für Tees zu sammeln, die Kräuter in der Küche zu verwenden, Salben, Tinkturen, meine eigenen Räucherwerke, Blütenessenzen und Naturkosmetik herzustellen. Ich besuchte Vorträge und Seminare wie von Susanne Fischer Ritzi, Wolfgang Storl, Miriam Wiegele, Kurse über Pflanzenalchemie und absolvierte 2010 die Ausbildung zur zertifizierten Kräuterpädagogin.

Ihre Kindheit, ihre Großeltern haben Sie sehr geprägt?

Rauscher-Montano: In meiner Kindheit verbrachte ich fast jede freie Minute in der Natur. Es gab überall noch saftige Wiesen, auch im eigenen Garten. Am Straßenrand durften die „Un-Kräuter“ sogar wachsen, wie das „Warzenkraut“, mit dem mein Großvater meine Warze am Finger einstrich. Nach der Schulzeit wohnte ich bis vor sechs Jahren nicht hier und lernte die Pflanzenwelt in anderen Gegenden kennen. Als ich wieder in meinen Heimatort kam, konnte ich beobachten, dass viele Pflanzen, die ich in meiner Kindheit und Jugend vorfand, nicht mehr zu finden waren oder zumindest nicht mehr in derselben Fülle. Das „Jägerbrot“ zum Beispiel, die Silberdistel, konnte man noch in einer Vielzahl auf den Wiesen finden. Mein Opa zeigte mir, wie man diese „abschält“ und als Notbrot essen kann. Heute ist die Silberdistel in vielen Gegenden zur Seltenheit geworden und steht in Deutschland sogar unter Naturschutz.

Sind andere Pflanzen, früher nicht heimische, dazugekommen?

Rauscher-Montano: Zum Beispiel das Springkraut, das ursprünglich in Indien heimisch ist, hat sich mehr verbreitet. Viele Pflanzen wachsen aber genau dort, wo man sie braucht. Das Springkraut ist eine der Bachblüten-Pflanzen. Impatience, das englische Wort für Ungeduld, Gereiztheit. Vielleicht zeigt uns das Springkraut, wieder mehr zur Ruhe zu kommen und gelassener zu sein.

Klimawandel, die Natur verändert sich?

Rauscher-Montano: Wenn wir uns über Naturkatastrophen wundern – wir Menschen verursachen vieles selbst! Heutzutage wird fast in jedem Garten Rasen gemäht, aus Wiesen werden Parkplätze und Wohnblöcke oder noch mehr Häuser gebaut. Viele Pflanzen sind zu einer Seltenheit geworden und dadurch auch die Insekten wie Schmetterlinge oder Bienen. Man muss oft wirklich suchen, um ein paar Plätze mit unberührten Blumenwiesen zu finden oder auf die „Alm“ gehen.

Für unsere Zukunft und vor allem die unserer Kinder wäre es schön, wenn wieder mehr „Un-Kräuter“ und Wild-Wiesen-Fleckchen im Garten stehen bleiben würden.

Weiterlesen nach der Werbung