Türnitzer Landarzt Auer: „Habe im Spital viel gelernt“. Ordinationsstress, Hausbesuche und Leichenbeschau: Allgemeinmediziner Ernst Auer gab im NÖN-Interview Einblicke in den herausfordernden Alltag eines Landarztes.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 09. November 2020 (05:35)
Mediziner Ernst Auer genießt nun seinen wohl verdienten Ruhestand.
Auer

Mediziner Ernst Auer (63) ist in Pension. Bis vor wenigen Wochen hat der Lehenrotter noch seine Praxis für Allgemeinmedizin in Markersdorf-Haindorf geführt. Im NÖN-Gespräch gab er Einblicke in das Leben eines Landarztes.

Landärztemangel ist immer wieder Thema. Wieso ist es so schwer, junge Mediziner dafür zu begeistern?

Ernst Auer: Wer aus dem Spitalsdienst nach Hause geht, hat frei. Ein Landarzt ist auch an Wochenenden im Einsatz oder in der Nacht auf Hausbesuchen. In Spitzenzeiten war ich an einem Wochenende über 600 Kilometer unterwegs. Außerdem hat man einen immensen Verwaltungsapparat zu bewältigen. Das reicht vom Kontakt mit der Gesundheitskasse bis hin zu Personalangelegenheiten.

Was hat Sie bewogen, diesen Berufsweg einzuschlagen?

Ein schwerer Verkehrsunfall in Marktl. Ich war erst 14 Jahre alt. Meine Eltern und ich wollten einen Ausflug machen. Ich schlief auf der Rückbank. Plötzlich fuhr ein Betrunkener in unser Auto. Ich hätte fast mein Bein verloren. Damals lernte ich zu schätzen, wie wichtig eine gute medizinische Versorgung ist.

Sie waren zuerst im Lilienfelder Spital als Chirurg und Anästhesist tätig. Wie war für Sie der Umstieg in die landärztliche Praxis?

1987 erhielt ich die Chance, die Ordination in Markersdorf-Haindorf zu übernehmen. Es ging von Null auf 100. Im Lilienfelder Spital habe ich aber sehr viel gelernt, auch ohne viele High-Tech-Geräte zu einer verwertbaren Diagnose zu kommen. Genau das ist es, was in der Landarztpraxis wichtig ist. Man muss seine fünf Sinne einsetzen können, um zu erkennen, was dem Patienten fehlt.

„Man muss auch seine fünf Sinne einsetzen können, um zu erkennen, was dem Patienten fehlt.“Ernst Auer, Allgemeinmediziner

Sind Menschen heute anfälliger für Krankheiten als früher?

Krankheiten wie Rheuma, Diabetes und auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten gab es immer. Nur sind heute die Diagnosemöglichkeiten besser, um diese zu erkennen. Das Leben wird schneller. Das belastet viele. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu. Fettleibigkeit ebenso.

Welche Ereignisse bleiben Ihnen aus Ihrer Dienstzeit unvergessen?

Erschütternd war es, wenn ich bei Selbstmorden auf der Westbahnstrecke die Totenbeschau machen musste. Ich hatte dafür zu sorgen, dass alle sterblichen Überreste gefunden wurden. Wenn man die Person, die den Freitod gesucht hat, kennt, ist das besonders schlimm.

Was sollte einem guten Hausarzt nie passieren?

Dass er einen Patienten in der Ordination vergisst. Ich hatte eine Dame gebeten, im Nebenzimmer zu warten. Sie brauchte eine Spritze gegen Kreuzweh. Die Ordi war voll. Plötzlich musste ich zu einem Notfall. An die Dame dachte ich nicht mehr. Zwei Stunden später lag sie noch immer mit entblößtem Hinterteil auf der Bank und wartete auf ihre Spritze. Sie war einstweilen eingeschlafen. Wir mussten dann beide lachen.

Hätten Sie gerne eines Ihrer Kinder oder Enkelkinder als Nachfolger gesehen?

Natürlich wäre dies schön gewesen. Aber dann hätte der Opa wohl bis zum Umfallen weiter gearbeitet.