Jägerchef zu Vorfällen: „Wild-Störung besonders extrem“. Martin Schacherl über die steigende Belastung der Wildtiere durch Ausflügler und die dadurch im Bezirk Lilienfeld entstehenden Probleme.

Von Markus Zauner. Erstellt am 21. Januar 2021 (07:42)
Bezirksjägermeister Martin Schacherl
privat

NÖN: Sie beobachten als Lilienfelder Bezirksjägermeister eine massive Störung der Wildtiere durch unkontrolliertes und unerlaubtes Eindringen von Naturnutzern in deren Winterlebensräume. Wie zeigt sich das im Bezirk im Detail?

Martin Schacherl: Es häufen sich die Meldungen aus der Jägerschaft — und auch der Grundbesitzer, dass immer wieder Wanderer, Touren- und Schneeschuhgeher in Gebiete vordringen, die eigentlich als Wintereinstand der Wildtiere gelten. Das konnte zwar in den letzten Jahren auch schon beobachtet werden, aber heuer ist es besonders extrem. Hat im Sommer das mutwillige Erschrecken von Weidetieren durch unsere Spaßgesellschaft, die sich in der Natur vergnügt hat, ihren Höhepunkt gefunden, ist es jetzt im Winter die massive Störung der Wildtiere.

„Die Halligalli-Stimmung von dort will man nun auch bei uns in unseren Wäldern und Bergen verbreiten. Es fehlt jede Achtung vor der Natur und der Kreatur.“ Lilienfelds Bezirksjägermeister Martin Schacherl

Was sind die Folgen?

Dadurch kommt es zur Störung der Winterruhe, die für unser Wild überlebenswichtig ist. Ständige Flucht über weite Distanzen kostet Energie und zehrt an den Reserven, die sich Reh, Hirsch und Co. im Herbst angefüttert haben. Die Folgen sind hohe Schäden an den Kulturen und abgemagerte Wildtiere durch große Fluchtdistanzen. Es ist den wenigsten bekannt, dass die Natur für das Überleben der Tiere einige Vorkehrungen getroffen hat. So wird der Stoffwechsel auf ein Minimum reduziert, es erfolgen weniger Herzschläge, ja sogar die Organe verkleinern sich, um wenig Energie zu verbrauchen. Wenn das Wild aber ständig aufgescheucht wird, steigt der Energieverbrauch. Oft können die von den Jägern vorgelegten Futtermittel das gar nicht ausgleichen. Dazu kommen noch mutwillige Zerstörungen von Einrichtungen, wie Fütterungen und Hochständen.

Wie reagieren die Besucher, wenn Sie auf Fehlverhalten durch die Jägerschaft aufmerksam gemacht werden?
Werden die Besucher darauf aufmerksam gemacht, erntet man oft rotzfreche Antworten. Der Egoismus hat unwahrscheinlich zugenommen. Man setzt sich über alle Eigentumsrechte hinweg. Jeder will den Wald und die Natur für sich alleine. Wird im urbanen Bereich für jedes Katzerl, das sich verlaufen hat, die Feuerwehr geholt, haben Wildtiere keine Lobby außerhalb der Jägerschaft. Oft frage ich mich, wo die Tierfreunde und Tierschützer sind, die zwar in der Stadt ihren Aktivismus betreiben, beim Touren- oder Schneeschuhgehen aber kein ethisches Gewissen haben.

Sind die entstandenen Schäden schon zu beziffern?
Die Folgen sind erst im Frühjahr erkennbar. Verendete Wildtiere, Verbiss und Schälschäden an den Kulturen sind die Folge. Eine zusätzliche Belastung für unsere Waldbesitzer, die durch Sturmschäden und Borkenkäferbefall sowie den damit einhergehenden Preisverfall für ihr Holz arge Sorgen zu tragen haben.

Welchen Anteil hat Corona an dieser unbefriedigenden Situation?

Corona hat keinen Urlaub im Ausland erlaubt. Daher auch dieser Ansturm auf unsere Berge und Wälder. Man trifft jetzt Menschen, die in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nur Erholung am Meer oder sonst wo im Ausland verbracht haben. Die Halligalli-Stimmung von dort will man nun auch bei uns in unseren Wäldern und Bergen verbreiten. Es fehlt jede Achtung vor der Natur und der Kreatur.

Schacherl ortet Ruf nach verordneten Ruhezonen

Wie kann die Jägerschaft hier gegensteuern?

Die Jägerinnen und Jäger des Bezirkes bemühen sich in Zusammenarbeit mit den Grundbesitzern, die Situation durch Information und durch Besucherlenkung — soweit dies möglich ist — zu bewältigen. Im Grunde ist Platz für alle. Der Tourismus ist in unserem Bezirk Lebensgrundlage für viele und in Zeiten wie diesen ohnedies eine oft existenzielle Herausforderung. Man kann aber nicht alles den wirtschaftlichen Interessen opfern. Wenn wir unsere Wildtiere opfern, werden wir auch deren Lebensraum verlieren. Und am Ende des Tages werden „tote“ Wälder und Landschaften auch keine Gäste mehr bringen. Der Ruf nach verordneten Ruhezonen und temporären Sperrgebieten zum Schutz des Wildes und der Kulturen wird lauter.

Wie lautet Ihr Appell an die Ausflügler?

Haltet Euch an die ausgewiesenen Wanderwege, es gibt genug davon, haltet Euch an die Tageszeiten. Jede Aktivität in der Nacht ist ein Quälen der Wildtiere. Wir haben keine zweite Weltkugel im Keller. Wir sind schnell im Fordern von Sanktionen beim Abholzen des Tropenwaldes und bei anderen Umweltsünden. Glaubwürdiger wäre es, wenn wir vor der eigenen Haustür damit beginnen.