Georg Strasser: „Der Wolf ist kein gefährdetes Tier“. Zum ersten Jubiläum spricht der Nöchlinger Georg Strasser über Milchpreise, extreme politische Kräfte und den Wolf.

Von Markus Glück. Erstellt am 04. September 2018 (05:01)
Schweiger

Ende August 2017 wurde der Nöchlinger VP-Nationalratsabgeordnete Georg Strasser im Yspertal von den Delegierten des österreichischen Bauernbundes zu deren Präsidenten gewählt. Mit der NÖN blickte er auf dieses Jahr zurück.

NÖN: Das Motto bei der Antrittsrede war „Ein Leben lang Bauernbund“ — was ist die Bilanz vom ersten Jahr Bauernbund?

Georg Strasser: Der prägendste Eindruck ist, dass es uns gelungen ist, die Bundesländer zu einen und dass der österreichische Bauernbund mit einer Stimme spricht — das war vorher nicht so.

Der NÖ Bauernbund präferierte damals einen anderen Kandidaten, Sie hatten ihre Unterstützer im Westen. Ist Gras über die Sache gewachsen?

Strasser: Ich glaube, dass ich mir im Bundesland und darüber hinaus einen Namen gemacht habe. Das hat man mittlerweile auch in Niederösterreich verstanden und akzeptiert.

Sie tragen Ihr Herz auf der Zunge. Wie schwer fällt es, als Bauernbund-Präsident bei Aussagen mehr aufpassen zu müssen?

Strasser: Mir ist wichtig, dass das Verbindende stärker als das Trennende ist – das erwarten sich auch viele von mir. Letztendlich zählen die Ergebnisse.

Beim Thema 12-Stunden-Tag sind Sie aufgrund ihrer Aussagen im Fokus gestanden. Der Marbacher Bürgermeister Toni Gruber hat Ihnen vorgeworfen, nur mehr mit Floskeln um sich zu werfen und zu wenig für die Leute in der Region da zu sein. Glauben Sie, dass der Arbeitnehmer vom 12-Stunden-Tag profitiert?

Strasser: Davon bin ich überzeugt. In Wahrheit wird sich in der Region für den Arbeitnehmer nichts ändern. Die Weiterentwicklung ist, dass im Unternehmen mehr Gestaltungsspielraum vorherrschen wird.

Ein Vorwurf war auch, dass Sie das Ohr für die Region verloren haben. Wie bringt man die Positionen des Nationalratsabgeordneten und des Bauernbund-Präsidenten unter einen Hut?

Strasser: In dieser Episode bin ich nicht nur von Toni Gruber, sondern auch von einem Gratisblatt im Bezirk attackiert worden. Es ist absurd, mir vorzuwerfen, dass ich mit keinem mehr rede. Das besagte Medium und Toni Gruber haben leider nicht mit mir gesprochen.

Die Bauernschaft gilt oft als Feindbild. Wie geht man als oberster Bauernvertreter mit diesen Anfeindungen um? Auf Facebook forderte ein Nutzer im Zuge der Wolfsdebatte ja auch, Ihre Person zu bejagen.

Strasser: Es wird nicht nur über Bauern, sondern auch gerne über Journalisten, Lehrer oder Politiker geschimpft. Ich bin oft von den angeschlagenen Tönen erschüttert. Blickt man nach Chemnitz, bin ich aber froh, dass wir eine bessere Kultur haben als in Deutschland. Dort hat die Politik viele Ängste und Sorgen übersehen. Bei uns gibt es mehr Konsens und weniger extreme Positionen.

Ist die FPÖ für Sie eine extreme Kraft?

Strasser: Die AfD ist in Deutschland eine extreme Kraft und ein Symptom für die Polarisierung in der Gesellschaft. Bei der FPÖ sehe ich das anders. Durch die Zusammenarbeit mit der FPÖ haben wir die Polarisierung abfedern können. Das sehe ich als Erfolg, auch wenn dies die politische Linke komplett anders sieht. Die Arbeit mit der FPÖ wirkt deeskalierend.

Aktuell mehren sich die Probleme in der Landwirtschaft. Welches bereitet Ihnen die größten Sorgenfalten?

Strasser: Mich sorgen die langen Dürreperioden und der Klimawandel. Dabei gehören die Bauern zu den größten Leidtragenden, da unsere bäuerlichen Unternehmen ganz stark von Witterung und Wetter abhängig sind. Es braucht Begleitmaßnahmen, um zukünftig für die Herausforderungen gewappnet zu sein.

Welche Maßnahmen haben Sie dabei im Kopf? Oder ist es der Weg der Bauern, nun andere Produkte wie etwa Wassermelonen anzubauen?

Strasser: Es gibt bereits im Mostviertel erste Landwirte, die Wassermelonen anbauen. Wir kennen den wirtschaftlichen Erfolg noch nicht, aber ja, die Auswahl der Kulturpflanzen wird sich ändern. Thema ist auch das Wassermanagement, welches kleinregional oder überregional, wie etwa beim Marchfeldkanal, bereits diskutiert wird.

„Es braucht Zuckerbrot und Peitsche in einer ernst gemeinten Partnerschaft, um bessere Qualität zu schaffen.“Georg Strasser

Vor wenigen Wochen verkaufte ein Lebensmittelkonzern eine Packung Milch um 29 Cent. Die Bauern richteten einen Appell an Sie, einzuschreiten. Was kann der Bauernbund gegen die Preisentwicklung unternehmen?

Strasser: Wir haben reagiert und die Aktion wurde gestoppt. Im Tagesgeschäft sind wir bei den Handelsketten Interessensvertreter, die sich für einen vernünftigen Preis für Bauern einsetzen. Wir entwickeln aber auch gemeinsam Strategien, um den Bauern zu helfen. In dieser Partnerschaft braucht es Zuckerbrot und Peitsche , um bessere Qualität zu schaffen.

Sie haben im Frühjahr in einem NÖN-Interview erstmals den Abschuss des Wolfes gefordert. Die Population hat sich vermehrt. Sind Sie auch heute noch für den Abschuss?

Strasser: Meine Bitte richtet sich an die Länder und an Brüssel, den Schutzstatus des Wolfes zu senken. Die Einschätzung, dass der Wolf ein gefährdetes Wildtier ist, stimmt einfach nicht. Es gibt in Europa ausreichend Wolfspopulationen. Damit stelle ich die Sicht der Naturschützer infrage, der Wolf ist kein gefährdetes Tier.

Welche Alternativen gibt es zum Abschuss?

Strasser: Wir setzen uns mit Herdenschutzhunden und Zäunen auseinander. Beim Zaun ist das Problem, dass intelligente Tiere diesen überwinden können. Herdenschutzhunde können aber auch Wanderer gefährden. Diese Tiere sind gefährlicher als die schützende Mutterkuh auf der Alm. Da fehlt die Praxistauglichkeit.

Die psychischen Erkrankungen in der Bauernschaft steigen, da der Druck zu hoch ist. Welche Maßnahmen gibt es dagegen?

Strasser: Bauer sein hat viele schöne Seiten, aber auch Facetten, die sehr belastend sind. Bedingt durch Markteinflüsse oder das Wetter ist das Einkommen sehr variabel. Der Mix verschiedener Einflussfaktoren drückt in vielen Familien auf die Stimmung und löst auch Krankheiten aus. Daher gibt es den Ansatz von Erholungswochen, andererseits hat die Sozialversicherungsanstalt der Bauern die höchsten Zuschüsse, wenn es um Psychotherapie geht.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen als Bauer am eigenen Hof?

Strasser: Im Sommer war ich sehr viel zu Hause und habe auch mitgearbeitet. Ich mag es, in der Früh in den Stall zu unseren Milchkühen zu gehen. Es ist für mich ein Ausgleich und eine Bereicherung, da ich die bäuerliche Lebenswelt weiterhin eingebrannt habe.