Fall des Eisernen Vorhangs: Befreiung für alle Länder. Ein Schnitt und der Zaun war Geschichte. Doch wie erlebten die Melker das Ereignis?

Von Tanja Horaczek-Gasnarek. Erstellt am 07. Mai 2019 (04:33)
Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com
Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn (r.) beim Durchtrennen des Eisernen Vorhanges am 27. Juni 1989.

Im Mai 1989 fand rund 100 Kilometer vom Bezirk entfernt ein epochales Ereignis statt: In Ungarn begannen Soldaten den Eisernen Vorhang abzubauen. Am 27. Juni durchschnitten Österreichs Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn am Grenzübergang Klingenbach-Sopron symbolisch den Eisernen Vorhang.

„Es war eine Befreiung – nicht nur für die Tschechoslowaken und Ungarn. Auch wir Österreicher profitierten von der wiedergewonnenen Freiheit. Plötzlich konnten wir ohne Angst über die Grenzen reisen“, erinnert sich der Loosdorfer Historiker Gerhard Floßmann. Er war auch während der Zeit des Eisernen Vorhanges in Prag oder Budapest.

Bei seinen Reisen gab es selten Kontakt zu Einheimischen. „Das sowjetische Regime war sehr gefürchtet“, erklärt der Historiker. Als dann der Zaun fiel, war es für viele überraschend. Doch die Erleichterung war deutlich zu spüren. „Viele Tschechen oder Ungarn pilgerten über die Grenze, nur um die Freiheit zu spüren“, teilt Floßmann mit.
In Zeiten des Eisernen Vorhanges versuchten viele über die Grenzen zu gelangen – bezahlten dies aber mit ihrem Leben. Entlang der gesamten tschechoslowakisch-österreichischen Staatsgrenze konnten mindestens 129 Tote infolge von Fluchtversuchen nachgewiesen werden. Es gab drei Zäune: Der erste war zirka zwei Meter hoch und bestand aus Stacheldraht. Diese Drahtsperre wurde auch in einigen Abschnitten vermint.

Ein weiterer Zaun mit einer Höhe von über zwei Metern stand ab 1955 unter einer Spannung von bis zu 6.000 Volt. Der letzte Zaun diente als Barriere gegen wilde Tiere.
Einige spektakuläre Fluchtversuche gingen positiv aus. Zum Beispiel täuschte einmal ein Mann auf einem Donauschiff Panik vor, weil ein Kind angeblich über Bord gefallen sei. Er sprang voll bekleidet ins Wasser und schwamm ans Ufer. Eine der extremsten Formen war eine Flucht durch einen Sprung von einem Drachenflieger, der vom Sandberg aus gestartet war.

 Kilber kickten gegen das Nationalteam der DDR

 Niklas Perzi, der der Liebe wegen von Kautzen (Waidhofen/Thaya) nach Hürm zog, wohnte nur zwei Kilometer vom Stacheldraht entfernt. Perzi, der wissenschaftliche Mitarbeiter und Autor, setzte sich intensiv mit dem historischen Ereignis auseinander. „Die Grenze war einfach da wie der Winter, das wurde so hingenommen, dass gleichsam eine Himmelsrichtung fehlt, dass es dort ‚drüben‘ aus ist“, erzählt er. Als er jedoch 1970 zur Welt kam und dort aufwuchs, war der Stacheldrahtzaun schon weiter ins Innenland verschoben worden. „Es gab nichts zu sehen außer Wiesen und Wälder. Vereinzelt waren noch Wachtürme – aber es war relativ unspektakulär“, meint Perzi.

Etwas für die damalige Zeit Außergewöhnliches berichtet der Kilber Johann Handl. Als er 1984 beim SC Kilb spielte, stand die große Eröffnung der Sportanlage an. Niemand geringerer als die Nationalmannschaft der DDR war zu Gast. Nicht nur wegen der Niederlage der Kilber von 13:0 blieb den Kickern das Match in Erinnerung, sondern auch wegen der Stimmung der Gegner. „Rückblickend gesehen wurden die DDR-Spieler von uns isoliert. Damit keiner fliehen oder sich austauschen konnte“, mutmaßt Handl.
Zum 30. Jahrestag gibt es viele Veranstaltungen. In Melk wird am 25. Juni das Buch „1989 – Das Wirken Alois Mocks im Schicksalsjahr für Österreich und Europa“ präsentiert.

Umfrage beendet

  • Hat sich der Fall des Eisernen Vorhangs positiv oder negativ auf Niederösterreich ausgewirkt?