Ehefrau: „Ich habe nicht geglaubt, dass er schießt". Bezirk Melk / Landesgericht St. Pölten: Wegen versuchten Mordes an seiner Frau stand ein Pensionist vor Gericht. Sie schilderte die Geschehnisse voller Fassung. Die Folgen werden sie vermutlich lebenslang begleiten.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 24. Oktober 2020 (13:10)
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APA (Symbolbild)

Ein Rettungssanitäter schiebt eine Frau im Rollstuhl in den Gerichtssaal. Ihre Augen sind fest auf den Mann zwischen den Justizwachebeamten gerichtet. Sie blinzelt kein einziges Mal. Denn sie will dem Mann ins Gesicht schauen, der ihr im März aus drei Meter Entfernung mit einem Gewehr in den Bauch geschossen hat. Der 61-Jährige ist ihr Ehemann – die Scheidung will sie nicht.

An einem Samstag im Lock down bekommt die Frau einen Anruf und erfährt, dass ein langjähriger Freund aus ihrer ostdeutschen Heimat gestorben ist. Ihr österreichischer Mann lässt sie auf ihre Bitte hin zum Trauern allein und geht in den Keller. Am Abend kommt er wieder. Er ist betrunken und beginnt den verstorbenen Freund zu beleidigen: „Die Kommunistensau hat es ja nicht anders verdient, warum trauerst du noch?“, soll er gesagt haben. Sie streiten, er holt die Replik eines russischen Armeegewehrs aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Schlafzimmer (sie ist ein Teil seiner historischen Waffensammlung) und schießt auf seine Frau. Vorher soll er noch gesagt haben: „Du Kommunistensau, wir erschießen euch alle.“ So schildern es Staatsanwalt und Betroffene. Wer mit „wir“ gemeint ist, kann der Angeklagte nicht sagen.


Schwerverletzte rief selbst die Rettung

Er trifft sie unterhalb des Bauchnabels, das Projektil tritt im Unterkörper wieder aus, zerbricht und fährt in ihren Oberschenkel. Der Schuss wäre tödlich gewesen, der Verlauf verhinderte das aber. 14 Mal musste sie operiert werden und mehrere Monate stationär im Spital verbringen. Komplikationen und eine Blutvergiftung haben die Heilung erschwert. Die Folgen wird sie ihr restliches Leben tragen.

„Ich dachte bis zur letzten Sekunde nicht, dass er auf mich schießt. Ich dachte, jetzt geht ein Fenster oder der Schrank kaputt.“ Während sie von jenem Samstag im März erzählt, ist es ganz still im Saal. Alle Blicke sind auf sie gerichtet. Und sie beschreibt das Geschehene so ruhig und nüchtern als würde sie über das Wetter reden. Sie habe ihn nach dem Schuss angeschrien was er da tue, und ihm gesagt, er soll ihr das Handy geben. Er nimmt die Waffe runter. Dann ruft sie selbst die Rettung und schickt ihn nach einem Handtuch, um die Wunde damit abzudrücken.


Zurechnungsfähig und leicht angetrunken

Der Mann, ein untersetzter, ruhig wirkender Pensionist, ist geständig. Nur die Beschimpfungen gegen den Verstorbenen und seine Frau will er nicht gesagt haben. Er beteuert mehrfach wie leid es ihm tue, gleich danach habe er es bereut. Er verstehe selbst nicht, wie er das tun konnte: „Ich kann mich nicht mehr erinnern, die Waffe geladen zu haben. Ich habe nicht einmal den Schuss gehört. Ich habe mich selbst von oben gesehen und geglaubt, das ist ein Albtraum.“

Sein Verteidiger besteht auf eine Affekthandlung, es sei versuchter Totschlag, nicht versuchter Mord gewesen. Der Angeklagte habe Angst gehabt, seine Frau würde ihn verlassen und die beiden seien wegen der Renovierung des gemeinsamen Hauses emotional und finanziell am Ende gewesen, so der Verteidiger. Der Staatsanwalt sieht emotionale Aufregung nicht als Begründung: „Menschen müssen mit Emotionen umgehen können.“ Der Gutachter erklärt den Angeklagten außerdem für zurechnungsfähig. Für seine Verhältnisse sei dieser zum Zeitpunkt des Schusses nur leicht alkoholisiert und damit Herr seiner Sinne gewesen.

Sie fühlt sich an Versprechen gebunden

Sie hätten bis auf einige Streitereien eine glückliche Ehe gehabt sagen beide. Er sei zuvor nie gewalttätig geworden, aber er habe öfter versucht ihre sozialen Kontakte zu Freundinnen und Bekannten zu begrenzen. „Das muss sich ändern, habe ich an dem Tag zu ihm gesagt“, sagt sie. „Ich hätte ihn nicht verlassen, wir sind ja auch durch das Haus aneinander gebunden.“

„Das ist juristisch hier nicht relevant, aber wollen sie sich jetzt von ihm scheiden lassen?“, fragt einer der Richter gegen Ende der Vernehmung. „Das ist jetzt vielleicht schwer verständlich“, antwortet sie gefasst. „Aber wir haben uns ja geliebt. Ich habe ihm einmal versprochen, dass ich ihn nie verlassen werde – das war eine große Angst von ihm – und an dieses Versprechen fühle ich mich noch gebunden.“

Nach ihrer Befragung, dreht sie sich zu ihm um und schaut ihn lange an, dann nimmt sie seine Hände. „Es wird alles gut“, sagt sie ganz ruhig. Er fängt an zu weinen und stammelt: „Es tut mir so leid.“ Dann verlässt sie den Saal. Am Ende heißt es elf Jahre Haft für den Angeklagten. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.