Minimalist lebt mit 29 Dingen: „Man wird erfinderisch“. Mario Neuwirth lebte einen Monat auf engstem Raum und nur mit 29 Dingen. Der Petzenkirchner über sein Experiment, Minimalismus und ob er es wieder tun würde.

Von Red. Melk. Erstellt am 12. Juni 2021 (07:27)
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Mario Neuwirth aus Petzenkirchen setzt auf Minimalismus.
privat, privat

NÖN: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, 29 Tage mit nur 29 Dingen zu leben?

Mario Neuwirth: Auf die Idee kam ich durch den deutschen Film "100 Dinge" Da ich selbst 29 bin, habe ich das Ganze dann etwas angepasst.

„Am Ende des Monats wusste ich erst gar nicht, was ich als erstes zurückholen sollte. Ich hatte mich an meinen neuen Alltag gewöhnt.“ Mario Neuwirth

Was wollten Sie damit erreichen?

Neuwirth: Zuallererst wollte ich Mal richtig Platz schaffen. Mir selbst bewusst machen, was ich tatsächlich brauche und was nicht. Am Anfang ging es mir auch darum, wieder mehr Zeit für mich selbst zu haben.

Wie haben Sie die Auswahl der Gegenstände getroffen und hat sie sich als richtig herausgestellt?

Ja, sogar als ziemlich richtig. Manchmal kamen Zweifel auf, aber schlussendlich hat alles gepasst. Am Ende war ich zufrieden. Der Schlüssel zum Erfolg war Mehr- und Zweckentfremdung. Man wird erfinderisch.

Jetzt ergänzen Sie Ihr Hab und Gut wieder stetig auf 100 Gegenstände. Was haben Sie am meisten vermisst?

Am Ende des Monats wusste ich zuerst gar nicht, was ich als erstes zurückholen sollte. Ich hatte mich an meinen neuen Alltag gewöhnt. Als erstes habe ich mir dann schließlich meine Musikanlage zurückgeholt.

Sie haben Ihr Leben auch sonst radikal verändert. Statt auf 130m2 leben Sie jetzt auf 27m2. Wie hat sich Ihr Alltag dadurch verändert?

 Enorm! Man wird ruhiger und ist mehr bei sich. Ich wurde auch ordentlicher, weil sich der Stress des Haushaltes stark reduzierte. Ich fühlte mich einfach freier.

Wie denken Ihre Familie und Freunde über Ihren Selbsttest?

Generell sind sie dem positiv eingestellt. Ich erfuhr viel Unterstützung. Viele freuten sich auch, Mal wieder über etwas anderes als Corona sprechen zu können. Teilweise gab es aber auch sehr kritisches Hinterfragen. Ich habe versucht das nicht zu sehr an mich heranzulassen. Wer mich kennt, wurde vermutlich auch nicht überrascht, dass ich so etwas mache (lacht).

Welche Auswirkungen hat Ihr Lebenswandel?

Ich begriff, dass es viel gab, das mich davon abhielt, das zu erreichen, was ich will. Das Leben selbst rückte wieder mehr in den Fokus. Das Ausmisten von Gegenständen war auch das Suchen von neuen Prioritäten. Letzten Dezember habe ich neben meinem Beruf als Tierpfleger schließlich eine Ausbildung als Sozialberater begonnen. Ich möchte in Zukunft in Form von Lebens- und Ausmistcoaching Menschen über längeren Zeitraum unterstützen und Ihnen helfen Ihre Ziele zu erreichen.

Warum glauben Sie wird das Thema Minimalismus und Konsumverzicht seit einigen Jahren wieder vermehrt diskutiert?

Ich glaube, man versucht teilweise Werte der Vergangenheit wiederzubeleben: ein reduziertes, dafür aber unabhängiges und freies Leben. Oft kommen solche Trends aus den USA. Viele fragen sich einfach: Was brauche ich wirklich? Man muss natürlich nicht so wie ich leben – aber darüber nachzudenken, wie man lebt, ist schon wichtig. Das Prinzip von "Immer mehr" verliert einfach an Wert und Minimalismus wird vermehrt Mainstream.

Würden Sie das Ganze nochmals machen?

 Ja, auf alle Fälle. Es hat mich persönlich wirklich weitergebracht. Außerdem, was kann man denn schon verlieren?