Prucher: „Gemeinsame Trauer“. Landespolizeichef Prucher zieht zum 17. September Bilanz: Keine neuen Einsatzstrategien, aber konsequentes Tragen von Schutzausrüstung empfohlen.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 16. September 2014 (05:33)
Franz Prucher wird am 17. 9. mit den Angehörigen der Wilderer-Opfer trauern.
NOEN, BMI/Weissheimer
Am 17. September gedenkt die NÖ Exekutive im Rahmen der Gedenksteinenthüllung mit den Angehörigen der Opfer von Wilderer Alois Huber. Landespolizeidirektor Franz Prucher zieht zum Jahrestag Bilanz.

NÖN: Ein Jahr Amoklauf in Annaberg mit vier Toten, darunter drei Polizisten. Wie hat sich die „Familie“ Polizei seither verändert?
Prucher: Die Ereignisse in der Nacht zum 17. September 2013 suchen in der österreichischen Polizeigeschichte ihresgleichen. Man geht nicht einfach zur Tagesordnung über, sondern wird nachdenklicher, besonders was die Gefahren, die unser Beruf mit sich bringt, betrifft.

Wie wurde der tragische Vorfall aufgearbeitet?
Durch den Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, Konrad Kogler, wurde der Auftrag zur Evaluierung des Einsatzes gegeben. Diese erfolgte durch Experten aus den Bereichen Waffentechnik, Einsatztraining, Kommunikation, Psychologie und Recht; ein Experte der deutschen Polizei, ein gerichtlich beeideter Sachverständiger und ein Fachmann für Prozessanalyse wirkten mit.

Mit dem 17. September, dem Jahrestag des Blutbades – ist da eine vermehrte Anspannung unter den Kollegen merkbar?
Die Tat hat bei vielen Kollegen einen tiefen Eindruck – „Spuren“ – hinterlassen, die bei dem einen oder anderen stärker spürbar sind.

Hat der Vorfall die Bedeutung des „Peer-Support“, der psychologischen Unterstützung für Polizeibeamte, steigen lassen?
Der Betreuung von Polizisten nach traumatisierenden Ereignissen kommt seit den späten 1990er-Jahren eine große Bedeutung zu.

Gibt es betroffene Kollegen, die noch immer psychologische Unterstützung brauchen?
Wenn man unmittelbar im Einsatzgeschehen involviert war, so steckt man das sicher nicht so einfach weg. Wir haben als Dienstgeber alles unternommen und werden dies auch in Zukunft tun, jeden Betroffenen bestmöglich weiter zu betreuen.

Warum hat sich die Polizei zu diesem Gedenkmarsch entschieden?
Die österreichische Polizei ist eine Organisation, die Traditionen lebt. Es war für uns eine natürliche Sache, am ersten Jahrestag dieser tragischen Ereignisse der Opfer zu gedenken. Ich sehe das als einen Akt der Solidarität und als Möglichkeit gemeinsamer Trauerarbeit.

Hat man aufgrund des Vorfalls bei Observationen die Einsatzstrategie geändert?
Der Evaluierungsbericht sieht einige Empfehlungen vor, die sich aber nicht explizit auf den Bereich Observation beziehen. Grundsätzliche Strategien wurden und werden in nächster Zukunft nicht geändert werden. Vielmehr werden Sensibilisierungen in anderen Bereichen getroffen wie dem konsequenten Anlegen der Schutzausrüstung in gefährlichen Situationen.

Wird atypisches Täterverhalten seither vermehrt in der Polizeiausbildung berücksichtigt?
Das Verhalten von Alois Huber kann als atypisch bezeichnet werden, da er trotz mehrmaliger Gelegenheit nicht floh, sondern die Konfrontation mit den Einsatzkräften gesucht hat und diese unter Feuer nahm. Sämtliche Ergebnisse des Evaluierungsberichtes fließen in die Ausbildung der Polizei ein.

Sollte man bei solchen Einsatztrainings vermehrt die Rettung einbinden?
Wir werden in diesem Zusammenhang eine wechselseitige Bewusstseinsbildung über den Einsatz von Polizei- und Rettungskräften forcieren.

Hat man überdacht, wie man das Polizeifunknetz in entlegenen Gebieten verbessern könnte?
Mit der Einführung des digitalen Funks in NÖ 2008 ist eine flächendeckende Kommunikation gewährleistet. Die Kommunikationsfähigkeit bestand im gesamten Einsatz.

Ihr Wunsch für die Angehörigen der Opfer?
Ich hoffe, dass es allen gelingt, ihre Trauer zu bewältigen und nach dem schweren Verlust, den sie erlitten haben, ihr Leben neu zu ordnen.