Ybbser Bürgermeisterin Schachner: „Maße mir selbst keine Note an“

Zum ersten Jubiläum als Ybbser Bürgermeisterin lud die NÖN Ulrike Schachner zum Gespräch.

Erstellt am 08. Januar 2022 | 06:11
Lesezeit: 6 Min

NÖN: Mit einem Jahr Erfahrung – haben Sie sich das Bürgermeisteramt einfacher vorgestellt?

Ulrike Schachner: Durch meine Tätigkeit als Vizebürgermeisterin hatte ich einen gewissen Einblick gewonnen, aber der Einstieg ins Bürgermeisteramt war doch ein großer Schritt. Die Aufgaben sind äußerst umfangreich, aber auch spannend. Trotz meiner Erfahrung als Stadträtin und Vizebürgermeisterin hat die Corona-Zeit ein zügiges Einarbeiten erschwert. Das vergangene Jahr war extrem arbeitsintensiv und ich habe die ersten Monate großteils im Büro verbracht. Ich habe mich aber eingearbeitet und konnte dabei auf die Unterstützung des Stadtrates und der Gemeindemitarbeiter zählen.

Sagen Sie mir jemanden in der Politik, der nicht seine Vertrauten mitnimmt?“ Ulrike Schachner Bürgermeisterin

Die Staffelübergabe von Schroll zu Ihnen war nichtfriktionsfrei. Hätte man diese Übergabe nicht auch ohneNebengeräusche lösen können oder war das mit Ihrem Vorgänger nicht möglich?

Schachner: Die Übergabe war sehr plötzlich und mein Vorgänger fuhr dann sofort auf Kur.

Nach dem Wechsel gab es einen tiefen Riss durch die SPÖ, wo sogar gegen die eigenen Anträge gestimmt wurde.Mittlerweile haben einige Schroll-Vertraute den Gemeinderat verlassen. Sind die Risse gekittet?

Schachner: Diejenigen, die das Team verlassen haben, waren lange im Gemeinderat und haben bereits in einer Klausursitzung bei meinem Vorgänger ihren Austritt bekundet. Dass unser Team manchmal vielleicht nicht ganz koordiniert war, sehe ich als Lernprozess. Als Bürgermeisterin habe ich nun im ersten Jahr Zeit gebraucht und vieles gelernt und auch die nächsten Jahre werden von Lernprozessen geprägt sein, bis es so läuft, wie ich mir das vorstelle. Ich versuche aber auch, dass wir alles diskutieren und gemeinsam Lösungen finden, koordiniert sind. Mein Vorgänger hat das Amt sehr bestimmend ausgelegt. Ich habe eher den Zugang, alle Möglichkeiten durchzugehen und Kompromisse zu finden.

Haben Sie es bereut, nicht im Vorfeld einige Personen getauscht zu haben, um mehr auf Vertrauenspersonen setzen zu können?

Schachner: Nein, ich wollte nicht erfahrene Stadt- und Gemeinderäte austauschen. Ich habe nur eines bereut: In meiner ersten Rede habe ich gesagt, ich trete in große Fußstapfen. Das stimmt so nicht. Ich gehe meinen eigenen Weg und muss nicht in die Fußstapfen meines Vorgängers treten. Das habe ich lernen müssen. Ich gehe auch anders an Themen heran.

Als eine der ersten Amtshandlungen haben Sie die viel diskutierte Bürgermeister-Stabstelle im Rathaus aufgelöst, die Pressesprecherin der Stadt wurde gewechselt und für die Schroll-Vertrauten neue Aufgaben gefunden. Warum war Ihnen dieser Schritt wichtig?

Schachner: Sagen Sie mir jemanden in der Politik, der nicht seine Vertrauten mitnimmt? Mir war wichtig, dass die Amtsleitung in meine Nähe rückt. Das ist die wichtigste Position auf der Gemeinde. Ich vertraue allen im Rathaus, aber mit diesem Team, welches jetzt vor meinem Büro sitzt, habe ich als Stadträtin vorher schon viel gearbeitet. Ich sehe da aber nichts Negatives, jeder richtet sich sein Team.

Die Stadthalle war ein Projekt, welche Sie in Ihrer Amtszeit bisher beschäftigt hat. Die ganze Geschichte war von der Bauphase bis zur Eröffnung unglücklich. Warum sind hier so viele Fehler passiert?

Schachner. Die Stadthalle war das Projekt meines Vorgängers und hätte eigentlich schon eröffnet sein sollen. Ich hatte aufgrund meines vorherigen Ressorts nichts mit der Stadthalle zu tun und es war schwierig, sich in ein Projekt einzuarbeiten, welches so umfangreich ist. Ich habe aber in den Baubeiratsitzungen immer versucht, alle Themen auf den Tisch zu bringen. Es fanden davor lange keine Baubeiratsitzungen statt und es haben sich daher viele unerledigte Punkte angesammelt. Zur fehlenden Betriebsanlagengenehmigung brauche ich nicht viel sagen, die ist rechtzeitig beauftragt worden. Woran dies gescheitert ist, kann ich nicht sagen. Die Stadthalle hat mich intensiv beschäftigt und mir einige schlaflose Nächte bereitet.

Ein Schaubuffet mitten im Oster-Lockdown sorgte für einen Skandal, vor Weihnachten gab es für die Beteiligten empfindliche Strafen. Andreas Reithner (FPÖ) plädierte für Ihren Rücktritt, Ihnen haben die Schlagzeilen damals ordentlich zugesetzt.

Schachner: Ich bin ja froh, dass sich Reithner so gut auskennt, dass er zu jedem Thema etwas zu sagen hat. Wenn er glaubt, er muss bei allem mitreden, wäre es vernünftiger, er würde seine Funktion als Gemeinderat wahrnehmen. Zu den Strafen gab es eine Stellungnahme der SPÖ, für mich ist da alles gesagt.

Sie haben in Richtung Opposition aktiv die Hand ausgestreckt, und es gab auch viele Vorschusslorbeeren für Sie. Trotzdem gab es gerade von der ÖVP immer wieder Kritik an Ihrer Person. Wie sehen Sie die Oppositionsarbeit?

Schachner: Ich habe als Stadträtin und Vizebürgermeisterin immer gut mit der Opposition gearbeitet und es funktioniert sehr gut. Ein Miteinander ist für mich ein Leitsatz. Wir haben SPÖ- und ÖVP-Stadträte, sie haben ihre Aufgaben, da ist eine Zusammenarbeit notwendig und ich denke, das passt.

In der NÖN hat Kratzer von einem „Führungsproblem in der Stadt“ gesprochen – das passierte im Zusammenhang mit der Stadthalle, wo die ÖVP seit Monaten auf Missstände hinwies, aber nichts passiert ist. Sieht nicht nach perfekter Zusammenarbeit aus, oder?

Schachner: Ich denke, wir haben das in der Zwischenzeit bereinigt. Bei der nächsten Wahl wollen sie ja auch die eine oder andere Stimme erhalten. Letztendlich arbeiten wir doch alle für das gleiche Ziel – für unsere Stadt.

Sie wollten im März 2021 mit der Projektplanung für das Schulzentrum starten. Passiert ist seither wenig, wie geht’s mit der Schule weiter?

Schachner: Wir haben regelmäßig Sitzungen, die nächste im Jänner. Aktuell untersuchen wir viele Möglichkeiten, die uns letztendlich zur Sanierung führen sollen. Es gibt derzeit auch noch eine andere Idee aus dem Schulzentrum, die wir prüfen. Ich habe mir angewöhnt, erst fertige Projekte in den Medien zu präsentieren.

Gibt es noch die Debatte, obes zu einer Sanierung oder zu einem Neubau kommt?

Schachner: Nein, die Möglichkeit des Baus auf der grünen Wiese ist nicht gegeben. Die Schulentwicklung funktioniert nur am aktuellen Areal. Es muss aber im leistbaren Bereich bleiben. Die Kostenschätzung von damals ist jetzt um das 1,5-fache gestiegen. Das leuchtet auch den Verantwortlichen im Schulzentrum ein, dass wir uns das aktuell nicht leisten können. Daher suchen wir nach weiteren Lösungsmöglichkeiten.

Wie geht’s im Kampf um die Augenarzt-Kassenstelle für die Stadt und den Bezirk weiter?

Schachner: Ich habe dazu in der vergangenen Gemeinderatssitzung eine Resolution eingebracht, die den Ärztemangel im ländlichen Raum sowie die Verlegung der Kassenplanstelle in einen anderen Bezirk behandelt. Ich fordere alle Gemeinden im Bezirk Melk auf, mich bei dieser Resolution zu unterstützen. Planstellen sind ja an die Einwohnerzahl des Bezirkes gebunden, scheinbar spielt das beim Augenarzt aktuell aber keine Rolle. Es gibt einen Ärztemangel, aber wir hätten einen Ybbser Augenarzt, der übernehmen und eine Praxis eröffnen möchte.

Nach einem Jahr im Stadtchef-Sessel: Welches Projekt trägt die Handschrift vonUlrike Schachner?

Schachner: Mein aktuelles Projekt ist die Struktur- und Organisationsreform, die wir auf der Gemeinde gestartet haben. Wir haben bisher 17 Tage dafür investiert und zuletzt einen Workshop mit Führungskräften gemacht. Im Jänner wird den Mitarbeitern das neue Organigramm präsentiert. Bis Juli werden dann die Stellenbeschreibungen erstellt. Es ist mir wichtig, dass wir endlich den Weg einer modernen Gemeindestruktur gehen und uns den Anforderungen der Zeit anpassen.

Sie sind Lehrerin – welche Schulnote würden Sie Ihrem ersten Jahr geben?

Schachner: Ich maße mir selbst keine Note an, die kann sich jeder selbst überlegen.