Bischofstettner Tiertherapie steht auf der Kippe. Kindertierkreis bangt wegen Coronakrise um die Existenz. Wie es ab Herbst weitergeht, ist derzeit ungewiss.

Von Michael Bouda. Erstellt am 02. Juli 2020 (05:29)
Felicitas Grübl zusammen mti Haflinger Idefix. Das Zelt war übrigens für die Melker Sommerspiele in Verwendung, bis es vor zehn Jahren von einer Firma gespendet wurde.
Bouda

Drei Minuten lang starren sich der Haflinger Idefix und das sechsjährige Kind mit Downsyndrom an. Es scheint nichts zu passieren, als Idefix auf den Boden zu einem Grashalm schaut. Das Kind folgt dem Blick, nimmt den Grashalm und füttert das Pferd. „Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Felicitas Grübl.

Im Rahmen des Kindertierkreises „Artemis“ bietet sie in Rametzhofen bei Bischofstetten Tiertherapie an. Vor allem für Kinder, die aufgrund unterschiedlicher Beeinträchtigungen Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten haben und eine intensive Betreuung brauchen.

Auf dem „Agility-Platz“ lernen die Kinder, zusammen mit Tieren Hindernisse zu bewältigen – aber ohne Druck und mit so viel Zeit, wie sie brauchen.
Artemis

Grübl hilft Kindern per Einzelbetreuung, mit ihrem Team ganzen Gruppen von Kindern und Schülern aus Sonderschulen, etwa aus Mank. Manchmal sind es nur einzelne Tage, dazwischen Intensivwochen.

Grübl: „Es war Panik pur am Anfang“

Der Weiterbetrieb des Therapiehofs steht aber auf der Kippe. „Ab Mitte März ist alles gestanden, es gab keine Einnahmen mehr“, lässt Grübl die schwierige Zeit seit des Covid-19-Lockdowns Revue passieren. 2.500 Euro sind an Budget monatlich notwendig – vor allem, um die Tiere zu füttern. In Summe hat sie von der Bundesregierung bisher 500 Euro erhalten, alle Sponsoren bis auf einen sind weggefallen.

Grübl erinnert sich an den Beginn der Krise: „Meine ersten Gedanken waren, was mache ich mit den Pferden? Es war Panik pur am Anfang.“ Nach großer Überwindung rief sie auf Facebook zum Spenden auf. Und es funktionierte.

„Auch die vielen positiven Nachrichten im Sinne von ‚Mach weiter! Du schaffst das!‘ haben mir über diese schwierige Zeit geholfen. Weitere Spenden nach einem TV-Beitrag sichern derzeit den Erhalt über den Sommer. Wie es ab Herbst weitergehen soll, weiß Grübl noch nicht. Coronabedingt können derzeit nur einzelne Therapien stattfinden, für die größeren Projekte bedarf es einer langen Vorlaufzeit.

Ein Aus für den Kindertierkreis würde nicht nur das Aus von Grübls Lebenstraum bedeuten. Zahlreiche Kinder aus dem Bezirk und darüber hinaus hätten nicht mehr die Möglichkeit der Tiertherapie. Die Therapie ist ganz unterschiedlich gestaltet. Zwei Ponys – Rosine und Tochter Blümchen –, der Haflinger Idefix, vier Hunde, acht Meerschweinchen, zwei Kaninchen, drei Schildkröten und drei südafrikanische Riesenschnecken leben am Hof, den Grübl seit zehn Jahren betreut.

Die Kinder erhalten „Jobs“ und führen Aktivitäten aus. Als „Jobs“ gibt es beispielsweise Füttern, Ausmisten oder das Auffüllen der Tränke. „Pflegefüttern ist ein Grundbedürfnis. Das Versorgen der Tiere macht den Kindern extrem viel Spaß“, erzählt Grübl. Sind die „Jobs“ erfüllt, geht es an die Aktivitäten, beispielsweise Versteckspielen mit Sheltie-Hündin Chelly oder Spazierengehen mit dem 30-jährigen Pony Rosine.

Übungen werden spielerisch eingebracht

Im Zentrum steht immer die Interaktion mit den Tieren. Welche Aktion hat welche Reaktion zur Folge? Dass die Kommunikation mit den Tieren nonverbal funktioniert, hilft den Kindern. Viele können sich aufgrund ihrer Behinderungen nicht oder nur wenig artikulieren. „Es werden Übungen hineingebracht, für die Kinder ist es aber einfach ein Spiel“, schildert Grübl.

Und das Wichtigste: „Das Tolle ist die Nachhaltigkeit der Therapie. Die Kinder fühlen sich mit den Tieren nicht nur wohl, sie nehmen etwas mit.“ Als das zu Beginn erwähnte sechsjährige Kind wiederkam, ging es sofort zu Idefix. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis der Haflinger wieder einen Grashalm anschaute, den das Kind dann für ihn pflückte. Grübl kämpft weiter, um das Zuhause ihrer Tiere und die Therapiemöglichkeit für die Kinder zu erhalten: „Es ist schwierig, aber nicht hoffnungslos. Ich gebe nicht auf!“